In Zeiten großer Unsicherheit wächst bei vielen die Sehnsucht nach einfachen Lösungen und früheren Zeiten, in denen vermeintlich alles besser war. Die AfD befördert und nutzt diese Stimmung, indem sie die Gegenwart in besonders düsteren Farben malt und ein Zurück in die Vergangenheit als Strategie gegen den sonst drohenden Untergang verkauft. Die wissenschaftspolitischen Positionen der Partei für die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt im September sind hierfür ein Paradebeispiel.Heraus kommen Diagnosen, die falsch sind, und Ideen von gestern, die nichts zur Lösung der aktuellen Herausforderungen beitragen. Diese verlangen Reformen, die Innovationen fördern, die Wirtschaft und Gesellschaft stärken. Dafür wäre es hilfreich, auch die eigenen Stärken zu kennen und anzuerkennen, Potentiale zu fördern und Änderungsbedarfe klar zu diagnostizieren, ehrlich zu kommunizieren und mutig anzupacken.Wissenschaft in Deutschland ist erfolgreich und intensiv international vernetzt. Diese Vernetzung und interne sowie externe Offenheit sind Garanten für wissenschaftlichen Fortschritt und einen verantwortungsvollen Umgang mit Risiken. Dies sind aus unserer Sicht auch zukünftig Markenkerne von Wissenschaft in unserem Land, aber auch in Europa insgesamt.Geringschätzung für wissenschaftliche LeistungenDer Blick der AfD auf die gegenwärtige Wissenschaft lässt vor allem Geringschätzung erkennen, die sich im „Regierungsprogramm“ für Sachsen-Anhalt als Sorge tarnt: Die Naturwissenschaften seien nur noch Mittelmaß und ideologisiert (Klima, Covid), die einst führende Rolle der Geistes- und Sozialwissenschaften sei passé. Die deutsche Wissenschaft habe ihre Authentizität und damit ihr Erfolgsgeheimnis verloren. Statt „deutscher Eigenart“ biete sie einen Abklatsch des angelsächsischen Systems. Die Einschätzung zum Personal: Die besten Köpfe verlassen die Universität, es blieben „vor allem die eher Mittelmäßigen, die in der Wirtschaft keine Perspektive finden“.Tatsächlich kann auf Basis aller messbaren Parameter von Mittelmaß keine Rede sein. Zieht man etwa die Zahl viel zitierter Forscher in Fachveröffentlichungen als Indikator für Bedeutung und Einfluss heran, so liegt Deutschland international an vierter Stelle nach den viel größeren Ländern USA und China und knapp hinter Großbritannien. Forschende aus Deutschland sind im Wettbewerb des Europäischen Research Council (ERC) hocherfolgreich. Auch der hohe Anteil internationaler Ko-Publikationen belegt, dass Beiträge mit deutscher Affiliierung rund um den Globus gefragt sind. Die Leistungsstärke der Wissenschaft in unserem Land passt allerdings nicht zur Untergangserzählung und zu einer „deutschen Eigenart“ als vermeintlichem Patentrezept der AfD.Deutschland ist ein beliebter Standort für internationale Studenten. Unsere liberale Gesellschaft, das hohe Ansehen der Abschlüsse deutscher Hochschulen sowie faire Studienbedingungen tragen dazu bei; nicht nur die Wissenschaft, auch unsere Volkswirtschaft insgesamt profitiert erheblich von dieser Situation.Das passt nicht zu den Plänen der AfD, nach denen die alten deutschen Studienabschlüsse wiederkehren sollen, obwohl Abschlüsse seit der Bolognareform europaweit einheitlich und damit international vergleichbar und anschlussfähig sind. Die AfD stört sich auch an Diversität und der Förderung von Frauen, obwohl das Grundgesetz die Durchsetzung der Gleichstellung der Geschlechter ausdrücklich vorgibt und es sich die Wissenschaft und Wirtschaft gar nicht leisten können, auf dieses Potential zu verzichten. Departmentstrukturen, flache Hierarchien und selbständige, kompetitiv vergebene Stellen jenseits der Professur sowie für wissenschaftsunterstützende Aufgaben sind unter anderem nötig, um als Wissenschaftssystem attraktiv, hochleistungsfähig und auch im genannten Wettbewerb erfolgreich zu bleiben. Auch die Quelle für Fachkräfte in der Industrie wird dadurch reichhaltiger. Die alte Ordinarienuniversität ist angesichts heutiger und kommender Anforderungen jedenfalls kein Sehnsuchtsort.Forschungsvorhaben würden politisch entschiedenEine andere Forderung der AfD in Sachsen-Anhalt könnte ihr sogar Zustimmung aus dem Wissenschaftssystem bringen: die Stärkung der Grundfinanzierung. Tatsächlich ist eine zu geringe Grundfinanzierung aktuell ein Problem, und es wäre wichtig, den Overhead bei Drittmitteln zu erhöhen, damit Projektforschung nicht zulasten der Grundfinanzierung geht. Dem liegt aber die Überzeugung zugrunde, dass Wettbewerb zum Wesen von Wissenschaft gehört und notwendig ist, um Leistung und Innovation zu fördern. Nicht so allerdings für die AfD.Das Gegenmodell der Partei zeigt denn auch ein ganz anderes Verständnis von Wissenschaftsfreiheit, wissenschaftlicher Selbstverwaltung und der Rolle der Politik: Projekte würden sich demnach nicht mehr dem Wettbewerb und wissenschaftsgeleiteten Verfahren stellen müssen, sondern würden ausschließlich im Rahmen der Grundfinanzierung realisiert – über deren Höhe die Landespolitik entscheidet und nicht die Wissenschaft.Gegen politische Einflussnahme bezieht vorgeblich auch die AfD in Sachsen-Anhalt Position: „Wir werden die Politik aus der Wissenschaft verbannen, alle wissenschaftsfremden Quoten und Diskriminierungen abschaffen [und] echte akademische Freiheit wiederherstellen … So werden wir in Sachsen-Anhalt die deutsche Wissenschaft zu ihrer alten Größe zurückführen.“ Die Definition dessen, was „wissenschaftsfremd“ ist und was unter „echter“ akademischer Freiheit zu verstehen ist, dürfte nicht allein der Wissenschaftsgemeinschaft überlassen sein.Die Anleihen etwa bei der MAGA-Bewegung sind unverkennbar und lassen erahnen, wie eine AfD-geführte Regierung mit kritischen Stimmen und mit auf Wissenschaftsfreiheit und institutioneller Autonomie beharrenden Hochschulen und Instituten umspringen würde. Denn was die AfD mit ihr unliebsamen Themen, Fächern und Forschungsfeldern vorhat, sagt sie ganz offen.Wissenschaftspolitik im kleinen KaroGeplant ist die Abschaffung der „Genderstudien“. Außerdem beabsichtigt sind eine „kritische Islamforschung“ als Abkehr von der Idee der multikulturellen Gesellschaft, ein „Lehrstuhl für Bevölkerungswissenschaft“, der unter anderem die sinkende Geburtenrate unter Deutschen erforscht, und ein „Institut für Klimapolitikfolgen“, das die vermeintlichen Misserfolge der „Klimarettungspolitik“ der letzten Bundes- und Landesregierungen als wissenschaftliche Grundlage für einen Untersuchungsausschuss aufarbeitet.Diese Pläne zeigen eine im Kern wissenschaftsfeindliche, verzweckte Wissenschaftspolitik, die im nationalen kleinen Karo denkt. Dass es der Partei an zeitgemäßen wissenschaftspolitischen Ideen und einem Verständnis für die Herausforderungen fehlt, ist offensichtlich. Noch mehr Sorge macht die Politisierung der Wissenschaft, die die AfD vorgibt, bekämpfen zu wollen, und in Wahrheit unverhohlen anstrebt. Hier erhebt eine Partei einen politischen Machtanspruch, die Wissenschaft in den Dienst politischer Positionen und Polarisierungen stellen will.Die Wissenschaft ist gefordert, der Untergangserzählung der AfD ein realistisches Bild entgegenzusetzen und zu zeigen, was sie tut und verändern will, um weiterhin Treiber für Innovationen und Wohlstand zu sein. Nötig ist außerdem eine bessere Vernetzung und Bündelung von Kräften im wissenschaftlichen System. Und um die Innovationskraft und Handlungsfähigkeit der Wissenschaft und unserer Gesellschaft insgesamt zu fördern, braucht es eine Politik, die zusammenführt, ermöglicht, ermutigt, zutraut und vertraut.