Ende April wurde in Passau eine Frau, die seit sechs Jahren in einem Traditionsgasthaus angestellt war, abgeschoben. Seither probt der Wirt den Aufstand.

Passau, Altstadt, als Landzunge streckt sie sich hin zum Eck, wo die Ilz, der Inn und die Donau zusammenfließen. Beschaulich ist es hier bis in die letzte Kirchturmspitze und den letzten Winkel eines Hauses, das schräg ans nächste gebaut ist. Heimelig bis ins rostende Scharnier eines Fensterladens und ins winzigste Grün, das am Innkai wächst. (Verbotenerweise wächst, denn die Obrigkeit findet, dass das Grün zu viel Dreck macht.)

Vom großen Hochwasser im Jahr 2013 sind keine Spuren mehr sichtbar. Dabei war hier doch alles überschwemmt. Auch das jahrhundertealte Gasthaus zum Goldenen Schiff ein Trümmerhaufen. „Den Boden in der Wirtschaft haben wir verloren“, sagt Josef Wolf. Verloren – was für ein Wort. Den Boden verlieren.

Wolf sitzt am Stammtisch und erzählt, wie das Wasser über Nacht unaufhörlich stieg, es bis zur Kante der Tischplatte stand, wie sie noch Gäste auf ihren Zimmern hatten, die nicht mehr rauskonnten, wie sie später, als die Flut sich zurückgezogen hatte, die Reste vom weggeschwemmten Boden rausrissen, „300 Jahre altes Fischgrätparkett“, und über die Deckenbalken des darunter liegenden Gewölbes balancierten. 19 Jahre war er da. Alt genug für Sintflut, Mut und Abenteuer. Und er erzählt, dass es jetzt, 13 Jahre später, wieder passiert: Gerade nämlich hat seine Mitarbeiterin Rugiatu Kamara den Boden unter den Füßen verloren und ist im freien Fall.