Natürlich findet jedes Fußballspiel im Kontext von Raum und Zeit statt, aber für dieses frühe WM-Spitzenspiel zwischen Brasilien und Marokko galt das in besonderem Maße. Dass es ausgerechnet an diesem Samstag in der Nähe von New York stattfinden musste, war jedenfalls nicht mit den Kollegen von der NBA abgesprochen. Zwar traten die New York Knicks am Samstagabend im fünften Spiel ihrer Finalserie auswärts in Texas an, viele Straßen in Manhattan waren aber trotzdem für das raumgreifende Basketballfieber abgesperrt. Tausende von Fans hatten sich alleine vor der Großleinwand am Madison Square Garden versammelt, der auf exakt jener Penn Station steht, von wo aus die berühmten 98-Dollar-Züge verkehren, um Fußball-Fans zum New Yorker WM-Stadion nach New Jersey und wieder zurückzubringen. Und so wurden dort bei einbrechender Dunkelheit leicht irritiert bis schwer besorgt heimkehrende Brasilien-Fans in Kanariengelb von einer Stadt im blau-orangefarbenen Taumel der Knicks absorbiert. Wohlgemerkt noch bevor der Taumel später mit dem ersten Gewinn des ersten NBA-Titels seit 53 Jahren noch größer werden sollte.Die erklärtermaßen größte WM aller Zeiten und Räume hat hier also eher als Nebenveranstaltung begonnen – weil die meisten New Yorker vor lauter Basketball gerade wenig Aufmerksamkeit übrig haben für ein Unentschieden zwischen dem Rekordweltmeister und dem gar nicht mehr so topgeheimen Geheimfavoriten aus Afrika.Aber natürlich gibt es auch Ausnahmen. Zu jenen, die dem marokkanischen Team um Kapitän Achraf Hakimi den Titel zutrauen, gehört New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani, der im Nebenberuf der vermutlich fußballfanatischste Spitzenpolitiker Amerikas ist. Natürlich war Mamdani am Samstag im Stadion, und an seiner Seite die First Lady der Stadt im Marokko-Trikot. Die beiden saßen nicht auf der VIP-Tribüne, sondern wie sich das für demokratische Sozialisten gehörte unter den normalsterblichen Zuschauern. Und was die beiden von dort beobachten konnten, war jedenfalls nichts, was Mamdanis Geheimtipp nachhaltig entkräftete.Sie sahen ein 1:1, über das sich vor allem die Brasilianer glücklich schätzen durften. Sie sahen einen kunstvollen Lupfer zur marokkanischen Führung durch Ismael Saibari und sie sahen, warum Vincent Kompany diesen Mann gerne vom PSV Eindhoven zum FC Bayern holen würde. Sie sahen eine Seleção, die mit Ausnahme eines einzigen Moments, in dem Vinícius Júnior den Ausgleich erzielte, auf irritierende Weise uninspiriert wirkte. Sie sahen ferner eine marokkanische Mannschaft, die von der ersten bis zur letzten Sekunde zeigte, dass ihr Halbfinaleinzug bei der Winter-WM vor dreieinhalb Jahren in Katar kein Ausrutscher war. Und wenn Mamdani und seine Frau nach dem Spiel in die Pressekonferenz gegangen wären, dann hätten sie auch gehört, wie Brasiliens Trainer Carlo Ancelotti sagte: „Sorry, dass wir nicht so gespielt haben, wie wir wollten.“Je nachdem, wie man das Afrika-Cup-Finale zählt, ist Marokko seit 29 Spielen ohne NiederlageDabei hatten die Brasilianer ja ziemlich genau so gespielt, wie Ancelotti es im Vortag angekündigt hatte. Der Ballbesitz sei überbewertet, hatte er da mitgeteilt. Und am Samstag auf dem Platz sah es dann in der Tat so aus, als hätten seine Spieler kein allzu großes Interesse an der gelegentlichen Inbesitznahme dieses Balles. Den kontrollierten von Anfang an die Marokkaner, insbesondere der 18 Jahre alte Ayyoub Bouaddi im defensiven Mittelfeld. Bouaddi spielt derzeit beim OSC Lille und wenn er so weitermacht, wird sich nach dieser WM nicht nur Vincent Kompany für ihn interessieren.Der erst 18-jährige Ayyoub Bouaddi (hier im Duell mit Bruno Guimaraes) fiel nicht nur wegen seiner wehenden Haare auf. Caean Couto/Imagn Images via ReutersJa klar, kann man jetzt sagen: So richtig überraschend kommt das alles nicht. Ganz im Gegensatz zu den Brasilianern waren die Marokkaner ohne nennenswerte Gegenwehr durch ihre Qualifikationsgruppe marschiert und gewannen zu Beginn des Jahres auch noch den Afrika-Cup – wenn auch nur deshalb, weil der eigentliche Finalsieger Senegal unter Protest das Feld räumte. Wenn man dieses Skandalspiel – gemäß der offiziellen Statistik – als Sieg für Marokko wertet, dann ist diese Mannschaft mit einer Serie von 29 Spielen ohne Niederlage gegen Brasilien aufgelaufen. Im weitgehend sinnfreien Fifa-Ranking sind die beiden Länder derzeit Nachbarn auf den Plätzen 7 und 8.Musste man vor solch einem Gegner als brasilianische Seleção vielleicht sogar ein bisschen Angst haben? Ancelotti sieht es so: „Wenn du keine Angst hast, sieht der Löwe wie eine Katze aus. Angst rettet also Leben.“Brasilien stand noch nicht mal kompakt. Das tun Ancelotti-Mannschaften aber eigentlich immerDiese eigentümliche Mischung aus Angst und der Weigerung, den Ball haben zu wollen, hat den Brasilianern jedenfalls um ein Haar nicht nur einen gefühlten, sondern auch einen kompletten Fehlstart in diese WM eingebrockt. Vor dem marokkanischen Führungstreffer durch Saibari in der 21. Minute ließen sie sich mit zwei formlosen Steilpässen ausspielen. Die Mannschaft wirkte weder engagiert noch gut organisiert und sie stand noch nicht einmal – wie man das von Ancelotti-Mannschaften mit schlechter Tagesform gewohnt ist – kompakt.Nach dem Gegentor wurde es noch schlimmer. Die brasilianische Verteidigung um so erfahrene Kräfte wie Marquinhos und Gabriel (beide standen gerade für Paris respektive Arsenal im Champions-League-Finale) brach unter dem marokkanischen Pressing förmlich auseinander. Ein Fehlpass reihte sich an den nächsten. „Que isso“, riefen die ungläubigen Brasilianer im Stadion. Was soll denn das bitte sein? Nach einer halben Stunde lag ein kanariengelbes Desaster in der Luft.Gemeckert wird irgendwie schon die ganze Zeit über diese brasilianische Mannschaft, die ihre Eliminatorias in Südamerika auf einem blamablen fünften Platz beendet hatte und dabei drei Trainer verschliss. Bis Ancelotti kam. Das war dann aber auch wieder nicht recht.Die größte und stolzeste Fußballnation unter dem Himmelszelt sollte an der Seitenlinie also Hilfe von einem ausländischen Trainer brauchen? Längst nicht allen in Brasilien gefällt das, zumal der Italiener Ancelotti hauptsächlich in Kanada lebt. Andererseits ist Carlo Ancelotti nicht irgendwer, sondern einer der erfolgreichsten seiner Zunft. Und es ist auch nicht zu übersehen, dass er sich alle Mühe gibt, die Vorbehalte gegen ihn zu entkräften. In Interviews und Pressekonferenzen spricht er mit brasilianischen Journalisten auf Portugiesisch – und zwar ungeachtet seiner Laune nach dem Spiel sowie der Tatsache, dass er eigentlich noch gar kein Portugiesisch kann, sondern eher so eine Art Spanisch mit portugiesischem Akzent redet. Wenn es sein muss, beantwortet dieser Weltmann des Fußballs auch Fragen auf Französisch, Englisch und Italienisch. Und vermutlich würde er auch auf Bairisch antworten, wenn man ihn höflich danach fragte. Die Brasilianer erkennen das an, indem sie ihn hochachtungsvoll „Mister Anschelotschi“ nennen. Aber lieben tun sie ihn deshalb noch lange nicht.Carlo Ancelotti erschien zumindest passend angezogen für dieses Auftaktspiel. Mauro Pimentel/AFPDer Trainer mag relativ neu sein, aber der brasilianische Kader ist eigentlich von einer erstaunlichen Kontinuität geprägt. Das Gerüst jener Startelf, die am Samstag in New Jersey so erschreckend uneingespielt wirkte, war bereits bei der WM in Katar dabei. Darunter Torhüter Alisson, Kapitän Marquinhos, dazu Casemiro, Lucas Paquetá, Raphinha und natürlich Vinícius Júnior. Wenn sich die Brasilianer von ihrem italienischen Nationaltrainer aber eines versprechen, dann, dass es ihm endlich gelingen möge, aus Vinícius jenen brasilianischen Topnationalspieler zu machen, der er im Klubfußball längst ist. Niemand sollte dazu besser geeignet sein, als Ancelotti, der dieses ehemalige Wunderkind aus São Gonçalo zum Protagonisten des Champions-League-Siegers Real Madrid formte.Auf Vinícius Júnior, 25, lasten diesmal also besonders hohe Erwartungen, auch deshalb, weil niemand ernsthaft erwarten kann, dass der seit Jahren dauerverletzte und eher überraschend nominierte Neymar bei diesem Turnier eine nennenswerte Rolle spielen wird. Gegen Marokko stand Neymar auf der Kaderliste, wurde aber wie erwartet nicht eingesetzt. Und Vinícius Júnior hatte in jener 32. Minuten, als sein Team gerade seine schlechteste Phase durchlitt, diese eine Eingebung, die seine Seleção an diesem Tag vor dem Untergang rettete. „Er hat die Qualität, um eine große WM zu spielen“, sagte Ancelotti.Nach einer schnellen Bewegung feuert Vinícius Júnior den Ball ins lange, obere Eck. John Sibley/ReutersAber ob das ausreicht, um die Mannschaft über die ersten dreieinhalb Wochen dieses Endlos-Turniers hinaus bis in die wirklich spannende Phase zu tragen? Und wenn ja, wie wird das dann aussehen? Weil man in Brasilien schließlich einen Ruf zu verlieren hat, soll Vinícius Júnior ja nicht nur Tore schießen, sondern dabei unbedingt auch noch die Leichtigkeit des Seins ausstrahlen. Ein brasilianischer Reporter forderte ihn dieser Tage auf: „Bitte, lächle doch ein bisschen mehr.“ Es sei alles so schrecklich ernsthaft in dieser Seleção. „Die Freude ist in uns“, entgegnete Vinícius Júnior. Er hoffe, dass sie bald auf dem Platz aus ihm und seinen Kollegen herausbrechen werde.An diesem Samstag bei New York war davon noch nichts zu sehen, weder für den Bürgermeister noch für seine Frau noch für alle anderen. Um die Freude müssen sich hier einstweilen die Knicks kümmern.