Von Merkelfalten bis Witwenbuckel: Warum Makel erst entstehen, wenn man sie benennt, und wie das Internet dabei hilftSocial Media bringt uns das Vokabular des Zerfalls bei, nur um uns anschliessend vor dem eigenen Spiegelbild zu retten zu versuchen. Leider ziemlich erfolgreich.14.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenAngela Merkel hat den Marionettenfalten um den Mund ihren Namen geliehen. Welcher Politiker kann solch Ehre vorweisen?Michael Kappeler / GettyNeulich habe ich beschlossen, mich im Spiegel zu betrachten. Das allein ist in meinem Alter bereits ein Akt beachtlicher Zivilcourage. Zumal mit Lesebrille. Ich trage sie sonst nur zum Arbeiten. Die Alterssichtigkeit hat nämlich durchaus Vorteile, wenn man nicht gerade die Zutatenliste auf Lebensmitteln studieren muss. Sie zeichnet die Welt im Ein-Meter-fünfzig-Radius weich, als würde man sie durch einen Filter betrachten. Die Wohnung erscheint sauber, das Hemd gebügelt, das Spiegelbild versöhnlich.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Leider kann ich so die Brauen nicht zupfen. Also setzte ich die Brille auf. Und so sah ich nicht nur jedes Härchen, das aus der Reihe tanzte, sondern im Mundwinkel den Ansatz einer Marionettenfalte – auch Merkelfalte genannt – sowie Jelly Rolls unter dem Augenlid. Und war da nicht auch der vage Umriss eines Witwenbuckels auszumachen?Es sind Makel, die ich bisher stets übersehen habe. Nicht nur der Alterssichtigkeit wegen. Die Falten am unteren Augenlid hatte ich schon immer, sie gehörten zu mir und waren irgendwie nie der Rede wert. Mein Nacken aber war bisher nichts weiter als der Teil der Wirbelsäule, der den Kopf davor bewahrt, auf die Tastatur zu fallen. Ein evolutionärer Standard, so nützlich wie unspektakulär. Bis mir im Netz eine Werbung für Jelly-Roll-Botox eingespielt wurde und mich ein Video auf Instagram über die Ursache der fiesen Rundung des Nackens aufklärte.Witwenbuckel also. Das klingt nach einer finsteren Alten aus einem Grimmschen Märchen. Die Realität ist prosaischer: Der Witwerbuckel – es können ihn nämlich auch Männer bekommen – ist die Quittung für ein Leben, das der moderne Mensch im 45-Grad-Winkel vor einem Screen verbringt. Früher hätte man das als schlechte Haltung taxiert und fortan ignoriert. Erst die Benennung macht daraus einen Makel, den man im Spiegel dann auch prompt findet.Das führt – so formulierte es die Altersforschung – zu einer eigentlichen Umkehrung des «Spiegelstadiums». Der französische Psychiater Jacques Lacan beschrieb das «Spiegelstadium» als jenen magischen Moment der frühen Kindheit, in dem das Kleinkind sich erstmals im eigenen Abbild erkennt. Ein fundamentaler Akt der Identitätsstiftung, weil es sich im Spiegel plötzlich vollständig zu sehen vermag und seine Gliedmassen aus der Leibperspektive nicht nur als getrennte Körperteile wahrnimmt.Mit zunehmendem Alter durchläuft der Mensch eine umgekehrte Version davon. Schaut er in den Spiegel, erkennt er sich im Abbild zwar durchaus wieder, doch er kann das gespiegelte Ich immer schwerer mit dem inneren Selbstbild in Einklang bringen. Die Selbstbetrachtung ist nicht mehr synthetisierend und identitätsstiftend, sondern dekonstruierend: Das Ich wird in anatomische Einzelteile und Makel zerlegt. Je grösser das Vokabular dafür, desto länger die Liste.Leider ist unsere Gegenwart geradezu besessen von der semantischen Ausstattung der Vergänglichkeit: Das einst vage Nachlassen von Straffheit des Fleisches, das allmähliche Verschwinden von Konturen ist nicht länger die namenlose und natürliche Folge gelebter Jahre, sondern wird akkurat beschrieben und pathologisiert. Da sind zum Beispiel die Hip Dips – die vertieften Einbuchtungen an den Seiten des Beckens zwischen Hüfte und Oberschenkel. Eigentlich sind sie der individuellen Knochenstruktur geschuldet, doch behandelt werden sie heute als Schönheitsfehler. Die Marionettenfalten um den Mund klingen erst durch die Benennung nach Gehenlassen, die Hamsterbäckchen nach Futtergier und der Muffin-Top nach etwas, das übermässig aufgegangen ist.Der Mensch beschreibt die Welt nicht nur, er erschafft sie durch Begriffe. Das Wort steuert die Wahrnehmung. Wie sehr, zeigt ein Blick zurück: In der Antike verstand man das Gesicht als Landkarte der Seele. Tiefe Furchen zwischen den Brauen zeugten von stupender Denkkraft, Lachfalten von Humor und Heiterkeit. Ein gebeugter Rücken war kein orthopädisches Versagen, sondern dem würdevollen Tragen von Lebenserfahrung geschuldet.Heute machen Begriffe die sichtbaren Spuren der Zeit zu Altersgebrechen, gegen die man etwas tun muss. Selbstverständlich liefert der Algorithmus die Lösung in Form von Salben und Spritzen, Massagepistolen und Haltungs-Coaches gleich mit. Diagnose und Rezept kommen als Paket daher.Und was tut der aufgeklärte Mensch mit dieser Erkenntnis?Er setzt sich wie eine ferngesteuerte Marionette mit hochgezogenen Schultern vor den Laptop, krümmt die Halswirbelsäule noch ein Stück tiefer in den Bildschirm herein, während er auf Youtube nach «Gesichtsyoga gegen Witwenbuckel» sucht und sich dabei auch gleich noch einen «Tech-Neck» einhandelt. So nennt man die Querfalte am Hals, die durch den ständigen Blick auf das Smartphone schon in jungen Jahren entstehen kann. Google sei Dank gibt es Hilfe dagegen: Der «Tech-Neck» lässt sich mit Lasern oder Hyaluron behandeln.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel