Christine Egerszegi über die Reform der Altersvorsorge: «Herrgott noch mal, irgendwann sollte man daraus seine Lehren ziehen»Die Freisinnige prägte im Parlament jahrelang die Sozialpolitik mit und berät heute den Bundesrat bei der Altersvorsorge. Mit Kritik hält sie sich nicht zurück, das bekommt auch ihre eigene Partei zu spüren.14.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDie Lebenserwartung steigt – wann steigt auch das Rentenalter?South Agency / E+ / GettyOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Frau Egerszegi, Sie haben das Parlament 2015 verlassen, beraten den Bundesrat aber bis heute als Präsidentin der BVG-Kommission in Fragen der beruflichen Vorsorge. Ruhestand kam für Sie also nicht infrage?Ein Parlamentskollege sagte mir kurz vor meinem Rücktritt, dass ich mir das gut überlegen solle, denn danach sei man ein Niemand. Diesen Eindruck hatte ich nie. Wenn ich fand, dass sich etwas ändern sollte, packte ich an. Das hat sich mit dem Ausscheiden aus dem Parlament nicht verändert.Die Altersvorsorge bleibt Ihr zentrales Thema. Nun will der Bundesrat Frühpensionierungen in der beruflichen Vorsorge erst ab 63 Jahren erlauben statt bereits ab 58. Finden Sie es richtig, so massiv in die Lebensplanung der Menschen einzugreifen?Wir alle tragen die Verantwortung für unsere Sozialwerke. Wer lässt sich denn mit 58 frühpensionieren? Das sind vor allem Leute aus der Versicherungs- oder der Finanzbranche. Also jene, die ausreichend sparen konnten. Für den Grossteil der Bevölkerung trifft dies nicht zu. Daher halte ich diesen Eingriff für gerechtfertigt.Aber in der zweiten Säule spart jeder und jede für sich. Warum soll der Staat ausgerechnet hier das Bezugsalter erhöhen und quasi während des Spiels die Regeln ändern?Das stimmt nicht ganz. Es sind lange Übergangsfristen vorgesehen, die Regeln ändern sich also nicht über Nacht. Zudem schaut auch in der zweiten Säule nicht einfach jeder für sich. Die Gelder werden im Kollektiv angelegt, was ganz andere Renditen erlaubt. Darin steckt ein solidarisches Element, das man bei dieser Diskussion berücksichtigen muss.Ihre FDP ist anderer Meinung: Hände weg von der zweiten Säule, heisst es aus der Parteileitung.Das beeindruckt mich nicht. Wenn wir nicht aufpassen auf dieses Sozialwerk, werden wir in Zukunft Steuergelder in die Hand nehmen müssen, um seine Leistungen garantieren zu können. Ich bin mir sicher, dass die FDP das nicht will.Warum packt der Bundesrat stattdessen nicht endlich strukturelle Reformen an und erhöht das ordentliche Pensionsalter von heute 65 Jahren, um die Altersvorsorge langfristig ins Gleichgewicht zu bringen?Dieselben, die das Rentenalter subito erhöhen wollen, sträuben sich gleichzeitig gegen die Erhöhung der Frühpensionierung. Das passt doch nicht zusammen. Die Wirtschaftsverbände und die bürgerlichen Parteien können sich nicht dafür einsetzen, dass Gutsituierte mit 58 in Rente gehen können, und gleichzeitig von den Kleinverdienern verlangen, länger zu arbeiten. Diese Position kann ich als Liberale nicht mittragen.CH MediaDie Mathematik ist aber eindeutig: Die Lebenserwartung steigt und damit auch die Dauer, während der jeder Pensionierte seine Rente bezieht. Diese Herausforderung bleibt bestehen.Trotz steigender Lebenserwartung wurde das Rentenalter seit Einführung der AHV nur für die Frauen zweimal erhöht: 1995 von 62 auf 64 und 2022 von 64 auf 65. Wenn wir in der BVG-Kommission darüber diskutieren, ist allen klar, dass das Rentenalter 65, das 1948 ursprünglich für beide Geschlechter festgelegt wurde, nicht ewig gelten kann.Genau diesen Schritt bleibt der Bundesrat schuldig. Das ist doch Realitätsverweigerung.Das mögen Sie so nennen. Für mich stellt sich die Frage: Unter welchen Umständen akzeptiert die Bevölkerung eine Erhöhung? Dafür müssen alle Hürden abgebaut und Anreize erhöht werden. Das heisst etwa auch, dass Alterslimiten in Verwaltungen und Hochschulen fallen und dass auch in der beruflichen Vorsorge die notwendigen Massnahmen getroffen werden, die ein längeres Arbeiten erlauben. Das ist heute noch nicht gegeben. Ausserdem müssen die privaten Arbeitgeber bereit sein, Leute über 65 Jahre zu beschäftigen. So wächst die Akzeptanz für ein höheres Rentenalter auch an der Urne. Davon bin ich überzeugt.Was macht Sie da so sicher?Rentner sind heute in einer viel besseren Verfassung als früher. Golf spielen und Enkel betreuen reicht vielen Pensionierten nicht.Die FDP plädiert für das Rentenalter 66. Dem würden Sie also zustimmen?Ja. Bis 2028 wird für die Frauen das Rentenalter schrittweise auf 65 erhöht. Dann ist für mich klar, dass es für alle weitergehen und das Rentenalter weiter steigen muss.Für die Linke ist der Kampf gegen ein höheres Rentenalter identitätsstiftend. Die Gefahr, dass SP und Gewerkschaften ein solches Vorhaben in einer Volksabstimmung stoppen, ist riesig, und die Politik stünde vor dem nächsten Scherbenhaufen.Es ist immer die Frage, wie man es aufgleist. Als das Frauenrentenalter 1995 erhöht wurde, führte der Bund zugleich die Erziehungsgutschriften ein, um die Erwerbsausfälle nach der Geburt abzufedern. Und 2022 erhöhte man nicht nur das Frauenrentenalter, sondern auch die Mehrwertsteuer zugunsten der AHV. Beide Male stimmte die Bevölkerung zu. Solche Reformen können also gelingen. Klar ist aber: Allein auf Druck und ohne Kompromisse wird ein höheres Rentenalter nie mehrheitsfähig. Das müssen die Bürgerlichen einsehen. Die Linke wiederum muss anerkennen, dass jede Sozialleistung finanziert werden muss. Diese Einsichten haben es schwer, solange im Parlament die Parteilogik dominiert.Und bis sich das ändert, sollen die jüngeren Jahrgänge die Zeche zahlen?Es ist schlicht falsch, die Generationen gegeneinander auszuspielen. Ja, die Altersvorsorge verlangt Solidarität, aber sie verlangt diese Solidarität nicht nur den Jungen ab, sondern allen Erwerbstätigen. Ein 55-Jähriger zahlt mehr dafür als eine 30-Jährige.Zur PersonChristine EgerszegiDie Freisinnige, die Romanistik studiert hat, begann ihre politische Karriere auf Gemeindeebene, bevor sie 1989 in den Aargauer Grossrat gewählt wurde. Von 1995 bis 2007 sass sie im Nationalrat, anschliessend bis 2015 im Ständerat. Heute präsidiert die 78-Jährige die Eidgenössische Kommission für die berufliche Vorsorge (BVG-Kommission), die den Bundesrat in Fragen der zweiten Säule berät.Sie haben ein gutes Einvernehmen mit sozialdemokratischen Magistraten. Alain Berset berief Sie an die Spitze der BVG-Kommission, jetzt beraten Sie Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider. Sind Sie das bürgerliche Feigenblatt einer durch und durch linken Sozialpolitik?Wissen Sie, was ich Alain Berset seinerzeit gesagt habe? Ich will kein Abnickergremium des Bundesrates präsidieren. Ich will Wissen zusammenführen, und das passiert in dieser Kommission. Denn bei der beruflichen Vorsorge tragen Arbeitnehmer und Arbeitgeber gemeinsam die Verantwortung für eine stabile Versicherung mit guten Leistungen.Was auffällt: In dieser Kommission ist niemand unter 30 und nur jedes achte Mitglied unter 40. Müssten Sie nicht an der Zusammensetzung etwas ändern?Es braucht Erfahrung. Alter allein ist keine Qualifikation.Dafür qualifiziert sich jeder 65-Jährige für eine 13. AHV-Rente. Wo das Geld dafür herkommen soll, ist offen. Die Einigungskonferenz der Räte plädiert für eine Mischung aus Lohnbeiträgen und einer Mehrwertsteuererhöhung. Was halten Sie davon?Das ist eine logische Finanzierung.Das sehen SVP, FDP und GLP klar anders.Das ist ein Fehler. Die Mehrheit der Bevölkerung wollte diese zusätzliche Rente. Das ist zu respektieren. Die 13. AHV-Rente braucht eine stabile Finanzierung und keine zeitlich befristete Lösung, wie es SVP, FDP und GLP fordern. Das würde kaum angenommen. In der Sozialpolitik gilt: Eine rein bürgerliche Zustimmung reicht knapp für eine Mehrheit im Parlament, aber nicht bei der Stimmbevölkerung.Doch genau eine solche befristete Lösung würde Raum bieten für eine strukturelle Reform der AHV, die eben auch der höheren Lebenserwartung Rechnung trägt. Wie soll es denn sonst klappen?Dahinter steckt die Überlegung, dass tiefgreifende Reformen nur unter Druck zustande kommen. Ich sage Ihnen, das wird nicht funktionieren. Die Erfahrung in der beruflichen Vorsorge ist da eindeutig. Dreimal wurde versucht, mit dieser Logik die berufliche Vorsorge zu reformieren und den Umwandlungssatz zu senken: 2010, 2017, 2024. Die Stimmbevölkerung sagte jedes Mal klar Nein. Herrgott noch mal, irgendwann sollte man daraus seine Lehren ziehen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Christine Egerszegi: «Das Rentenalter 65 kann nicht ewig gelten»
Die Freisinnige prägte im Parlament jahrelang die Sozialpolitik mit und berät heute den Bundesrat bei der Altersvorsorge. Mit Kritik hält sie sich nicht zurück, das bekommt auch ihre eigene Partei zu spüren.







