Nach dem FCAS-Debakel steht Deutschland vor der Frage, wie es weitergehtDas Jahrhundertprojekt ist tot. Doch das Aus für den deutsch-französischen Superjet ist eine Chance: Die Zukunft gehört dem Netzwerk, nicht dem nächsten Flugzeug.14.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenZwei Kampfflugzeuge vom Typ Eurofighter der deutschen Luftwaffe Anfang Juni dieses Jahres in Mecklenburg-Vorpommern.Axel Schmidt / ReutersAls der deutsche Kanzler Friedrich Merz am Mittwoch bei der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) in Berlin vor Industriemanagern, internationalen Delegationen und Militärs sprach, vermied er jedes Wort, das nach Scheitern klang. Merz sprach stattdessen von einer «grossen Chance» für ein deutsch-französisches Zukunftsprojekt. Die Verteidigungsminister beider Länder sollten bis Juli Vorschläge erarbeiten, wie es mit dem Future Combat Air System (FCAS) weitergehen könnte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Eines fiel an der Rede von Merz auf: Über das Herzstück des Milliardenprojekts sprach er kaum noch.Fast neun Jahre lang stand der gemeinsame Kampfjet im Zentrum von FCAS. Nun soll ausgerechnet dieser Teil verschwinden. Dagegen sollen Combat-Cloud, Sensoren, Datenverarbeitung, Waffen und Begleitdrohnen gemeinsam weiterentwickelt werden.Diese Verschiebung sagt viel über den Luftkrieg der Zukunft aus. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, wer Europas nächstes Kampfflugzeug bauen soll. Sie lautet vielmehr, ob es das Kampfflugzeug überhaupt noch braucht.Fast ein Jahrzehnt lang stritten Deutschland und Frankreich darüber, wer den perfekten Jet entwickeln soll. Währenddessen hat sich der Krieg verändert.Zwei Kriege, zwei LektionenIn der Ukraine hat Russland auch nach mehr als vier Jahren Krieg keine Luftüberlegenheit errungen. Die Flugabwehr ist zu stark. Klassische Kampfflugzeuge wirken zwar weiterhin, dringen aber nicht auf das gegnerische Gebiet vor. Den Krieg dominieren sie nicht. Stattdessen prägen Drohnen, Marschflugkörper, Raketen, Gleitbomben und elektronische Kampfführung das Bild.Der Iran-Krieg erzählt eine andere Geschichte. Dort zeigen moderne Luftstreitkräfte ihre enorme Stärke. Tarnkappentechnik, Präzisions- und Abstandswaffen sowie vernetzte Sensoren ermöglichen Angriffe tief im iranischen Raum. Doch auch diese Überlegenheit konnte den Krieg bisher nicht entscheiden. Iran verfügt weiter über Raketen und Drohnen, mutmasslich in grosser Zahl. Sie sind billig und insofern strategisch wirksam, als sie vor allem die mit den USA verbündeten Golfstaaten und Ölanlagen treffen.Beide Konflikte liefern unterschiedliche Lektionen, führen aber zur gleichen Schlussfolgerung: Weder Masse allein noch Hightech werden künftig ausreichen, um einen Luftkrieg für sich zu entscheiden. Die Zukunft dürfte beides verlangen.Aus dieser Perspektive ist das Ende des deutsch-französischen Kampfflugzeugprojekts in seiner bisherigen Form eine Chance. Die Vorstellung eines gemeinsamen Superjets war von Anfang an die falsche Antwort auf die falsche Frage.Warum Frankreich und Deutschland nicht zusammenfandenDer Streit zwischen Deutschland und Frankreich spielte sich zwar vordergründig zwischen den Flugzeugbauunternehmen Airbus und Dassault ab. Tatsächlich ging es dabei aber immer nur um das Flugzeug selbst. Frankreich wollte im Kern einen französischen Jet mit deutscher Finanzierung bauen. Frankreich und Dassault besitzen mit der Rafale jahrzehntelange Erfahrung. Das Flugzeug soll künftig die nukleare Abschreckung tragen und auch von Flugzeugträgern aus operieren können.Deutschland dagegen sah darin primär ein politisches Projekt. Es wollte die deutsch-französische Kooperation wieder zum Motor der europäischen Rüstung machen. Dabei war für Deutschland eine Rolle als Juniorpartner inakzeptabel. Obwohl das Scheitern von FCAS bereits vor Jahren absehbar war, hielt die Bundesregierung bis zuletzt daran fest.Die damalige deutsche Kanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Emmanuel Macron, hier im Jahr 2019 in Aachen, vereinbarten im Juli 2017 in Paris das gemeinsame Kampfflugzeugprojekt FCAS.Sascha Schürmann / GettyDie Folge waren Blockaden, nicht nur bei FCAS. Mehrere andere deutsch-französische Prestigeprojekte kamen in den vergangenen Jahren nur schleppend voran oder wurden eingestellt. Dazu zählen etwa die Eurodrohne, ein gemeinsames Seefernaufklärungsflugzeug und die Modernisierung des Kampfhelikopters Tiger. Europa verlor viel Zeit.Nun lautet die Frage, wie es weitergehen soll. Gerade sieht es so aus, als wolle die deutsche Rüstungsindustrie ein neues Grossprojekt beginnen. Doch das könnte ein Fehler sein. Besser wäre, die Politik nähme sich für die Entscheidung, wie es nach dem FCAS-Aus weitergehen soll, mehr Zeit.Der Pilot im Cockpit ist nicht mehr unangefochtenEin neues Kampfflugzeug der sechsten Generation, also eines, das Teil eines Gesamtsystems aus Drohnen, Cloud, Netzwerk, Sensoren, KI und Tarnkappentechnik ist, würde bis weit in die zweite Hälfte des Jahrhunderts hinein fliegen. Niemand kann heute sicher sagen, wie der Luftkrieg im Jahr 2050 aussehen wird. Noch vor wenigen Jahren galt der Pilot im Cockpit als unangefochtenes Zentrum jeder Luftwaffe. Heute ist das nicht mehr selbstverständlich.Der Pilot wird nicht verschwinden. Aber seine Rolle verändert sich. Er wird zu einem Manager des Luftkampfes. Er verarbeitet Daten, die Sensoren liefern, koordiniert Waffen, steuert unbemannte Begleitdrohnen und sein eigenes Flugzeug. In den USA entstehen solche Systeme bereits, mutmasslich auch in China.Auch in Europa laufen entsprechende Entwicklungen. Die Remote-Carriers von FCAS gehören ebenso dazu wie beispielsweise die MQ-28 Ghost Bat von Boeing, ebenfalls ein unbemanntes Begleitflugzeug. Pünktlich zur ILA wurde bekannt, dass an diesem Projekt auch die deutschen Unternehmen Rheinmetall, Diehl Defence und Rohde & Schwarz beteiligt sind. Auch das deutsche Unternehmen Helsing hat bei der ILA ein Modell vorgestellt, das keinen Piloten mehr braucht (CA-1 Europe). Der Jet wird von einer KI gesteuert.Eine Drohne (Remote-Carrier) vom Typ Boeing MQ-28 Ghost Bat steht auf dem Messestand von Rheinmetall an der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) in diesem Juni in Berlin.Sean Gallup / GettyEin neues Zeitalter für den EurofighterIn Anbetracht der schwer absehbaren Entwicklungen in der militärischen Fliegerei spricht für die deutsche Regierung einiges dafür, jetzt nicht in Hektik zu verfallen. Statt sofort das nächste Flugzeugprojekt in Milliardenhöhe auszurufen, könnte es sinnvoller sein, zunächst jene Technologien zu entwickeln, von denen man schon weiss, dass sie künftig entscheidend sein werden: künstliche Intelligenz, Sensorik, Datenverarbeitung, Kommunikation, Combat-Cloud, Drohnen. Die Entwicklungszyklen dort sind inzwischen extrem kurz.Erst danach stellt sich die Frage, welches Flugzeug diese Systeme führen soll. Und das wiederum führt zu der Frage, ob ein Superfighter, wie ihn Frankreich bauen will, für Deutschland überhaupt der richtige Jet wäre.Es könnte nun die Zeit des Eurofighters kommen. Die deutsche Luftwaffe verfügt derzeit über 138 Eurofighter. Mindestens 20 sollen hinzukommen (Tranche 5). Zugleich werden die 80 Tornado-Jets, Jagdbomber aus den siebziger Jahren, bis zum Ende des Jahrzehnts von derzeit 35 F-35 abgelöst. Dieses Flugzeug ist ein amerikanisches System. Die USA bestimmen über Software und Weiterentwicklungen, über Bewaffnung und Wartung.Ehe die deutsche Luftwaffe einen neuen Kampfjet bekommt, der den Eurofighter und den F-35 ersetzt, werden noch mehrere Jahrzehnte vergehen. Das muss nicht schlimm sein. Die Amerikaner zeigen seit langem, dass alte Flugzeuge nicht zwangsläufig alte Fähigkeiten bedeuten. Der B-52 stammt aus den fünfziger Jahren, der F-15 aus den Siebzigern. Dennoch erhalten beide Muster immer neue Sensoren (zum Beispiel Radare), Rechner, Waffen und Software. Sie sind bis heute im Einsatz.Alte Hülle, neues Innenleben, das ginge möglicherweise auch beim Eurofighter. Vielleicht könnte ausgerechnet dieser anfangs von der deutschen Luftwaffe vehement abgelehnte Jet zum ersten europäischen Kampfflugzeug werden, das mit autonomen Drohnen operiert und Fähigkeiten erhält, die heute der sechsten Generation zugeschrieben werden. Der Eurofighter würde dann nicht durch ein Flugzeug der sechsten Generation ersetzt. Er könnte selbst zur sechsten Generation werden.Das wäre dann auch die erste von mehreren Möglichkeiten, die Deutschland nach dem FCAS-Aus hat. Eine zweite ist ein eigener neuer Jet unter Führung von Airbus und der Initiative «Team Gen 6». Zu dieser Initiative haben sich Anfang der Woche die deutschen Unternehmen Airbus, MTU, Hensoldt, Diehl, MBDA, Rohde & Schwarz, Autoflug und Liebherr Aerospace zusammengetan. Sie argumentieren, dass Deutschland immer noch hervorragende Ingenieure besitze. Man müsse sie nur arbeiten und sie nicht in immer neuen multinationalen Projekten ersticken lassen.Zwei weitere AlternativenDoch es gibt noch zwei andere Möglichkeiten, wie es weitergehen könnte. Zum einen die eines deutsch-schwedischen Fighter-Jets von Airbus und Saab. Saab baut seit Jahrzehnten erfolgreich Kampfflugzeuge (Gripen), die es mit begrenzten Mitteln ohne grosse politische Inszenierungen entwickelt. Die beiden Seiten könnten sich gut ergänzen.Zwei Kampfflugzeuge vom Typ Saab JAS 39 Gripen im August 2025 während eines Demonstrationsfluges über Ungarn.Artur Widak / ImagoZum anderen das britisch-italienisch-japanische Kampfflugzeugprojekt GCAP (Global Combat Air Programme). Doch das erscheint auf den ersten Blick attraktiver, als es tatsächlich sein dürfte. Deutschland käme zu spät hinzu. Die Aufgaben sind verteilt. Japan wäre ein neuer Partner. Saudiarabien möchte ebenfalls einsteigen. Vieles müsste neu verhandelt werden. Am Ende könnte ein Debakel wie beim FCAS-Projekt drohen.Letztlich wird alles eine Frage des Geldes sein. Niemand weiss, ob Deutschland auch in den dreissiger und vierziger Jahren noch so viel Geld für die Verteidigung hat wie derzeit. Die Frage ist deshalb vielleicht eher, ob es sinnvoller ist, vorhandene Plattformen weiterzuentwickeln und das eingesparte Geld in jene Fähigkeiten zu investieren, die in der Ukraine ebenso wie in Iran bedeutend geworden sind, etwa Aufklärung, Abstandswaffen und elektronischer Kampf.Vielleicht besteht die sechste Generation, die FCAS werden sollte, deshalb nicht aus einem neuen Kampfjet. Vielleicht besteht sie aus einem neuen System. Am Ende der Woche des FCAS-Aus steht möglicherweise die Erkenntnis, dass Deutschland und Europa gar nicht mehr den perfekten Jet brauchen, sondern ein Flugzeug, das sich an alle technologischen Änderungen im Luftkrieg anpassen lässt.Passend zum Artikel
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