Darüber spricht London: Wer darf sich am Frauenweiher sonnen?Im Park in Hampstead Heath zeigt sich die britische Hauptstadt einmal mehr tolerant. Wenn auch mit Zwischentönen.Tessa Szyszkowitz14.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDer Ladies’ Pond in Hampstead Heath in London ist zu jeder Jahreszeit beliebt.GettyBisher galt am Ladies’ Pond in London ein ungeschriebenes Gesetz wie in Las Vegas: «What happens here, stays here.» Was hier geschieht, bespricht frau nicht ausserhalb des eingezäunten Badeteichs. So war es jedenfalls lange. Doch seit kurzem ist die diskrete Ruhe auf Hampstead Heath im Norden Londons gestört.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Das ist schrecklich, dass hier unter uns ein Mann sitzt», rief eine ältere Dame mit schwerem russischem Akzent an einem Morgen, als die Sonne gerade über die umstehenden Bäume stieg und die Schwimmerinnen nach dem Bad auf der Wiese wärmte. Es hatte sich hier auch eine Transfrau niedergelassen. Unter deren knappem Bikini habe man, so behauptete die empörte Schwimmerin, nicht nur rosa gefärbte Schambehaarung erkennen können, sondern auch einen Penis.Darf das denn sein? Nach den geltenden Regeln am Pond – ja. Seit 2017 gilt am Ladies’ Pond eine transinklusive Zugangspraxis. Die Stadtverwaltung hat sie dieser Tage bestätigt. Das heisst: Cis-Frauen und Transfrauen dürfen den Kenwood Ladies’ Pond nutzen, Cis-Männer und Transmänner den Highgate Men’s Pond. Der Mixed Pond steht allen offen.Den Teich für Frauen gibt es seit Mitte der 1920er Jahre, und vermutlich sind in diesem Jahrhundert immer wieder mal Transpersonen Teil der Schwimmgemeinschaft gewesen. Komplizierter wurde die Lage durch ein Urteil des britischen Supreme Court im vergangenen Jahr. Das Gericht entschied, dass die Begriffe «man», «woman» und «sex» im Equality Act 2010 das biologische Geschlecht bezeichnen. Genderkritische Aktivistinnen sahen sich dadurch bestätigt — unter ihnen Venice Allan, die 2024 aus der Kenwood Ladies’ Pond Association ausgeschlossen worden war, nachdem sie sich gegen den Zutritt von Transfrauen ausgesprochen hatte.Der Park Hampstead Heath mitten in London lockt alle Geschlechter an.Jaimi Joy / ReutersInzwischen liegt eine neue Befragung vor. Mehr als 38 000 Londoner beteiligten sich an der Konsultation der City of London Corporation. Das Ergebnis war deutlich: 86 Prozent sprachen sich dafür aus, die bestehenden transinklusiven Regeln beizubehalten. Diese Linie bestätigte die City nun.So entwickelte sich auch die Diskussion am Teich selbst. Während die Transfrau versuchte, die Russin zu ignorieren, schaltete sich eine junge Frau ein. «Wir wollen hier allen Frauen Zugang ermöglichen», sagte sie freundlich, aber bestimmt. Viele der anderen Frauen, vor allem jüngere, nickten zustimmend. Für einige bleibt die Anwesenheit einer Transfrau am Ladies’ Pond dennoch eine Provokation. «Das ist so typisch Mann, sich bei uns aufzudrängen», sagte eine Frau. Die angesprochene Transfrau mit dem langen, grauen Haar war wortkarg, blieb jedoch auf der Wiese liegen, während um sie herum über sie diskutiert wurde.Einen Tag später überredeten die Bademeisterinnen die Frau mit dem russischen Akzent und die Transfrau zu einer moderierten Aussprache. Beide gelobten, sich respektvoll zu verhalten. Allein die Russin konnte danach doch nicht schweigen. «Ich habe sein Ding gesehen. Das ist einfach nicht okay. Wir werden damit belästigt.» Eine weitere Schwimmerin schaltete sich ein. «Dafür gibt es ja auch den Mixed Pond. Da könnte man doch auch hingehen.» Oder frau eben.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel