Um 18.07 Uhr Ortszeit der Blick aufs Telefon, weil man ahnt: Erdbeben in Los Angeles, pünktlich zum WM-Auftakt der US-Elf! Die Tribüne der Arena wackelt, doch es hat nichts mit dem San-Andreas-Graben zu tun, sondern mit der Fußspitze von Damian Bobadilla; der paraguayische Verteidiger hatte eine Hereingabe von Weston McKennie ins eigene Tor gestupst. Die US-Fans machen aus diesem 1:0 nach sieben Minuten den inoffiziellen Startschuss für die US-Version dieser Weltmeisterschaft. Sie hüpfen und tanzen, präsentieren aufgepumpte Oberkörper und angespannte Oberarme wie Wrestler, sie jubeln kollektiv in Flugzeug-Lautstärke – die Erdbeben-Botschaft an den Rest der Welt: „The Party is on!“Der Rest der Welt hatte sich durchaus gewundert, ob die Amerikaner dazu noch in Lage sind: Lebensfreude, gemeinsame Feierei ohne Ausgeladene. Der Rest der Fußballwelt hatte zusätzlich die Frage gestellt, ob das US-Team was würde reißen können. Ob diese zur goldenen Generation verklärte Ansammlung nicht nur mit forschen Prognosen lockt – Trainer Mauricio Pochettino spricht vom WM-Titel, Kapitän Tyler Adams immerhin vom Finale –, sondern auch tatsächlich Spektakel und Spielfreude liefern kann. Kollektive Freude über das Erreichen eines gemeinsamen Ziels brauchen sie in den USA dringend.USA-Trainer Mauricio Pochettino:„Manchmal schauen einen die Leute an und fragen: Was für ein Soccer?“Kann das US-Team Weltmeister werden? Der Trainer aus Argentinien sagt: warum denn nicht? Er erklärt aber auch, was im Land noch fehlt: eine tiefe emotionale Beziehung zum Fußball.Die Party mit Tribünenwackeln wiederholte sich nach dem zweiten Treffer durch Folarin Balogun. Sein nächstes Tor zum 3:0 kurz vor der Pause und der Außenristschnibbler von Sebastian Berhalter in der Nachspielzeit zum 4:1 lieferten dann die Bestätigung dessen, woran die Leute in der Arena seit der siebten Minute glaubten: dass die Party wirklich bis zum Finale am 19. Juli andauern könnte. Dieses „Believe“ haben US-Sportfans ohnehin in ihrer DNA, der fiktive US-Fußballtrainer Ted Lasso aus der gleichnamigen Serie hängt es als Mantra über den Eingang der Umkleide. Und nun sangen die Fans, zum ersten Mal in der zehnten Minute, zum letzten Mal fünf Minuten nach Schlusspfiff: „I believe that we will win.“Nichts lieben sie so sehr in diesem Land wie die Geschichte des Außenseiters, der am Ende gewinnt„Im Namen des gesamten Teams: ein riesengroßes Dankeschön an die Amerikaner! Eure Energie hat sich auf den Platz übertragen“, sagte Mauricio Pochettino danach. Der US-Trainer aus Argentinien holt die Fans nicht nur ins Boot, sondern macht sie zu Antreibern, Helfern. Nur deshalb schaffte Chris Richards den Rekord: 83 von 83 Pässen zum Mitspieler, die meisten einer WM-Partie ohne Fehlpass. Nur deshalb gewann das Team zum ersten Mal seit 1930 eine WM-Partie mit drei Toren Unterschied. „Die Leute haben uns angetrieben und inspiriert zu dieser ersten Halbzeit mit vielen schönen Angriffen.“ Halber Assist bei jedem US-Tor jeweils: die Zuschauer.Der typische Angriff gegen Paraguay sah so aus, dass Kapitän Tyler Adams und McKennie das Mittelfeld wie Verkehrspolizisten auf dem Hollywood Boulevard ordneten. Sie verteilten Bälle raus auf die Flügel, zum überragenden Leverkusen-Flitzer Malik Tilmann und zu Ballkünstler Christian Pulisic. Deren Hereingaben sorgten für Dauer-Gefahr und die beiden anderen Treffer in der ersten Halbzeit. Dass es danach ruhiger wurde und Paraguay auf 1:3 verkürzte: geschenkt. Den Leerlauf nutzte die Stadionregie, um die vielen Promis mit Oscar-Strahlkraft oder Tik-Tok-Followern in dreistelliger Millionenhöhe zu präsentieren: Tom Cruise, Halle Berry, Victoria und David Beckham, Katy Perry, Paris Hilton, der Streamer IShowSpeed.„Was für ein Gefühl, das Stadion zu betreten, die Hymne zu hören, die Fans zu erleben“, sagte McKennie, der durch seinen Wechsel in die Jugend von Schalke als Vorbild für US-Talente mit Blick auf die Ligen in Europa gilt: „Dafür haben wir trainiert: um das zu erleben und den Leuten zu zeigen, wie aufregend Fußball und dieses Team sind.“ Symbol seien Spieler wie Tilmann, in Nürnberg geboren: „Herzblut, Leidenschaft und Freude, das macht ihn so unberechenbar. Gleichzeitig ist er sofort wieder stabil auf seinem Posten. Das soll bei den Fans ankommen: dass wir uns den Hintern aufreißen, gleichzeitig aber mit Freude zu Werke gehen und mitreißen.“„Im Namen des gesamten Teams: ein riesengroßes Dankeschön an die Amerikaner! Eure Energie hat sich auf den Platz übertragen“: Der Start in die WM lief für Trainer Mauricio Pochettino und das US-Team schon mal ideal. Jamie Squire/Getty Images via AFPParty also, mit dem möglichem Triumph des Außenseiters. Nichts lieben sie so sehr in diesem Land wie diese Geschichte, gern garniert mit an Propaganda grenzendem Patriotismus. Ein Zuschauer kommt am Freitag als Boxer Apollo Creed aus „Rocky IV“ verkleidet. Der US-Held Rocky besiegt in diesem Film den übertrainierten und gedopten Russen Ivan Drago und hält danach die plumpeste Friedensrede der Kalter-Krieg-Filmgeschichte: „Wenn ich mich ändern kann und ihr euch ändern könnt, dann kann sich die ganze Welt ändern!“Es ist in diesem Sommer, in diesem Land nicht möglich, Sportliches vom Politisch-Gesellschaftlichen zu trennen. Die USA sind noch immer heillos zerstritten und befinden sich im Krieg mit Iran. Das erste US-Spiel sollte nicht nur die Fußballparty einläuten, sondern auch den 80. Geburtstag von US-Präsident Donald Trump. Der veranstaltet am Sonntag ein Kampfsportspektakel im Weißen Haus, zeitgleich trainiert die iranische Nationalelf in Los Angeles. Und trägt dort einen Tag später auf dem Boden des Kriegsgegners ihre erste WM-Partie aus.Trotzdem war in den Katakomben nicht zu überhören, wie sehr die US-Spieler die Freude am Fußball betonen, und wie sehr sie diese Freude mit ihren Landsleuten teilen wollen. McKennie beschrieb deshalb „die Gänsehaut beim Tor, wenn Spieler und Fans gemeinsam jubeln, dass man denkt, die Erde wackelt.“ Die zweite Partie der USA findet am Freitag in Seattle gegen Australien statt. Dort hatte es tatsächlich mal ein Erdbeben wegen Fan-Jubel gegeben: „Beast Quake“ im Januar 2011 nach einem sensationellen Lauf des Footballers Marshawn Lynch – 2,0 auf der Richterskala. Niemand sollte sich wundern, wenn am Freitagmittag die Erde in Seattle wieder wackelt.
USA nach dem Auftakt bei der Fußball-WM: Soccer-Erdbeben in Los Angeles
Das 4:1 der USA gegen Paraguay weckt im Land die Hoffnung, dass die Gastgeber tatsächlich eine Party in Gang setzen können. Aber die Politik lässt sich kaum ausblenden.
Die USA schlagen Paraguay 4:1 zum WM-Auftakt in Los Angeles; Verteidiger Chris Richards setzt mit 83 fehlerfreien Pässen einen Rekord auf. Trainer Pochettino nutzt Fanenergie als strategischen Teamtreiber und Event-Plattform zur Massenmobilisierung – Blueprint für emotionale Leadership in fragmentierten Kontexten.












