Man sieht um 18.07 Uhr Ortszeit besorgt aufs Telefon, weil man es ahnt: Erdbeben in Los Angeles, pünktlich zum WM-Auftakt der US-Elf! Die Tribüne der WM-Arena wackelt, doch es hat nichts mit dem San-Andreas-Graben zu tun, sondern mit der Fußspitze von Damian Bobadilla; der paraguayische Verteidiger hatte eine Hereingabe von Weston McKennie ins eigene Tor gestupst. Die US-Fans machen aus diesem 1:0 nach sieben Minuten den inoffiziellen Startschuss für die US-Version dieser Daheim-WM. Sie hüpfen und tanzen, präsentieren aufgepumpte Oberkörper und angespannte Oberarme wie Wrestler, sie jubeln kollektiv in Flugzeug-Lautstärke - die Erdbeben-Botschaft an den Rest der Welt: „The Party is on!“Der Rest der Welt hatte sich durchaus gewundert, ob die Amerikaner dazu noch in Lage sind: Lebensfreude, gemeinsame Feierei ohne Ausgeladene. Der Rest der Fußballwelt hatte zusätzlich die Frage gestellt, ob das US-Team echt was würde reißen können. Ob diese zur goldenen Generation verklärte Ansammlung nicht nur mit forschen Prognosen zu WM-Spielen lockt - Trainer Mauricio Pochettino spricht vom WM-Titel, Kapitän Tyler Adams immerhin vom Finale -, sondern dann auch Spektakel und Spielfreude liefern. Denn: Wer könnte aktuell kollektive Freude über das Erreichen eines gemeinsamen Ziels dringender gebrauchen als die Amerikaner?MeinungDFB-Team:Also die Stimmung ist klasseNach sieben Minuten also: Party mit Tribünenwackeln. Stimmung nach dem zweiten Treffer durch Folarin Balogun: „Rambo-Zambo“ auf der Friedrich-Merz-Skala. Das 3:0 kurz vor der Pause, wieder Balogun, und der Außenristschnibbler von Sebastian Berhalter in der Nachspielzeit zum 4:1. Faktische Bestätigung dessen, woran die Leute in der Arena seit der siebten Minute glauben: dass die Party wirklich bis zum Finale am 19. Juli andauern könnte. Dieses „Believe“ haben US-Sportfans ohnehin in ihrer DNA, der fiktive US-Fußballtrainer Ted Lasso aus der gleichnamigen Serie hängt es als Mantra über den Eingang der Umkleide. Und nun singen die Fans, zum ersten Mal in der zehnten Minute, zum letzten Mal fünf Minuten nach Schlusspfiff: „I believe that we will win.“„Im Namen des gesamten Teams: ein riesengroßes Dankeschön an die Amerikaner! Eure Energie hat sich auf den Platz übertragen“, sagt Trainer Pochettino danach, wie es nur südamerikanische Schlawiner hinbekommen. Er holt die Fans nicht nur ins Boot, sondern macht sie zu Antreibern, Helfern. Nur deshalb schaffte Chris Richards den Rekord: 83 von 83 Pässen zum Mitspieler, die meisten einer WM-Partie ohne Fehlpass. Nur deshalb gewann sein Team zum ersten Mal sei der WM 1930 eine WM-Partie mit drei Toren Unterschied. „Die Leute haben uns angetrieben und inspiriert zu dieser ersten Halbzeit mit vielen schönen Angriffen.“ Halber Assist bei jedem US-Tor jeweils: die Fans.Der typische Angriff gegen Paraguay sah so aus, dass Kapitän Tyler Adams und McKennie das Mittelfeld wie Verkehrspolizisten auf dem Hollywood Boulevard ordnen. Sie verteilten Bälle raus auf die Flügel, zum überragenden Leverkusen-Flitzer Malik Tilmann und zu Ballkünstler Christian Pulisic. Deren Hereingaben sorgten für Dauer-Gefahr und die beiden anderen Treffer in der ersten Halbzeit. Dass es danach ruhiger wurde und Paraguay auf 1:3 verkürzte: geschenkt. Den Leerlauf nutzte die Stadionregie, um die vielen Promis mit Oscar-Strahlkraft oder Tik-Tok-Follower in dreistelliger Millionenhöhe zu präsentieren. Tom Cruise, Halle Berry, Victoria und David Beckham, Katy Perry, Paris Hilton, Streamer IShowSpeed.Nichts lieben sie so sehr in diesem Land wie diese Geschichte, garniert mit an Propaganda grenzendem Patriotismus„Was für ein Gefühl, das Stadion zu betreten, die Hymne zu hören, die Fans zu erleben“, sagte McKennie, der durch seinen Wechsel in die Jugend von Schalke als Vorbild für US-Talente mit Blick auf die Ligen in Europa gilt: „Dafür haben wir trainiert: um das zu erleben und den Leuten zu zeigen, wie aufregend Fußball und dieses Team sind.“ Symbol seien Jungs wie Tilmann, in Nürnberg geboren: „Herzblut, Leidenschaft und Freude, das macht ihn so unberechenbar. Gleichzeitig ist er sofort wieder stabil auf seinem Posten. Das soll bei den Fans ankommen: dass wir uns den Hintern aufreißen, gleichzeitig aber mit Freude zu Werke gehen und mitreißen.“Party also, mit möglichem Triumph des Mega-Außenseiters. Nichts lieben sie so sehr in diesem Land wie diese Geschichte, gern garniert mit an Propaganda grenzendem Patriotismus. Ein Zuschauer kommt am Freitag als Boxer Apollo Creed aus „Rocky IV“ verkleidet. Der US-Held Rocky besiegt in diesem Film den übertrainierten und gedopten Russen Ivan Drago und hält danach die plumpeste Friedensrede der Kalter-Krieg-Filmgeschichte: „Wenn ich mich ändern kann und ihr euch ändern könnt, dann kann sich die ganze Welt ändern!“Es ist in diesem Sommer, in diesem Land nicht möglich, Sportliches vom Politisch-Gesellschaftlichen zu trennen. Wie sollte das gehen? Dieses Land ist noch immer heillos zerstritten, es befindet sich im Krieg mit Iran. Das erste US-Spiel sollte nicht nur die Fußballparty einläuten, sondern auch den 80. Geburtstag von Donald Trump. Der veranstaltet am Sonntag ein Kampfsportspektakel im Weißen Haus, zeitgleich trainiert die iranische Nationalelf in Los Angeles. Und trägt dort einen Tag später auf dem Boden des Kriegsgegners ihre erste WM-Partie aus.Trotzdem war in den Katakomben nicht zu überhören, wie sehr die US-Spieler die Freude am Fußball betonen, und wie sehr sie diese Freude mit ihren Landsleuten teilen wollen. McKennie beschrieb deshalb „die Gänsehaut beim Tor, wenn Spieler und Fans gemeinsam jubeln, dass man denkt, die Erde wackelt.“ Die zweite Partie tragen die Amerikaner am Freitag in Seattle gegen Australien aus. Dort hatte es tatsächlich ein Erdbeben wegen Fan-Jubel gegeben: „Beast Quake“ im Januar 2011 nach einem sensationellen Lauf von Footballer Marshawn Lynch, 2,0 auf der Richterskala. Niemand sollte sich wundern, wenn am Freitagmittag die Erde in Seattle wieder wackeln würde. Es wäre nur die Botschaft: Die Sommerparty der Amerikaner geht weiter!
USA nach WM-Auftakt: Soccer-Erdbeben in Los Angeles
Das 4:1 der Amerikaner gegen Paraguay weckt im Land die Hoffnung, dass die US-Elf tatsächlich eine Sieben-Wochen-Party in Gang setzen kann. Aber die Politik lässt sich kaum ausblenden.











