GastkommentarMargrit StammIsolation und Souveränität – über Leid und Würde des AussenseiterdaseinsTrotz allen pädagogischen Bemühungen, Kindern in gleichem Masse Wohlwollen, Aufmerksamkeit und Förderung angedeihen zu lassen, ist das Aussenseitertum nicht verschwunden. Nicht immer aber ist es erlitten, oft steckt dahinter eine eigenständige Entscheidung.13.06.2026, 05.20 Uhr5 LeseminutenWir kennen sie alle: Kinder und Jugendliche, die einen Raum betreten und sofort wahrgenommen werden. Und jene, die zwar anwesend, aber nicht gemeint sind, wenn Zugehörigkeit entsteht. Man nennt sie Aussenseiter, Einzelgänger oder Sonderlinge. Sie sitzen im Klassenzimmer, stehen auf dem Pausenhof, bewegen sich durch Gruppen von Gleichaltrigen – und doch verläuft zwischen ihnen und den anderen eine unsichtbare Linie. Doch während manche an ihrer Randposition zerbrechen, entwickeln andere daraus eine Form von Unabhängigkeit. Man könnte sie als eigenständige Aussenseiter bezeichnen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dennoch haben die beiden mehr gemeinsam, als es scheint. Sie weichen von den geltenden Normen ihrer sozialen Umgebung ab und werden als anders wahrgenommen. Und sie bewegen sich ausserhalb der Gemeinschaft. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, warum junge Menschen zu Randfiguren werden, sondern warum dieselbe Andersartigkeit in manchen Fällen zu Isolation und in anderen Fällen zu Eigenständigkeit führt.Zusammenhang mit LeistungIn den Pisa-Studien berichtete rund ein Viertel der Jugendlichen, sich in der Schule nicht zugehörig zu fühlen oder unter Einsamkeit zu leiden. Von einem «kleinen» Problem der Kinder am Rand der schulischen Gemeinschaft zu sprechen, wirkt vor diesem Hintergrund eher wie eine Beruhigungsformel als wie eine Analyse.Längsschnittstudien zeigen wiederkehrende Analysemuster. In schulischen Kontexten sind Jungen häufiger betroffen. Ihre Abweichung ist sichtbarer und wird schneller mit Sanktionen belegt. Mädchen hingegen geraten eher in die Rolle der stillen Aussenseiter. Auffällig ist zudem ein U-förmiger Zusammenhang mit Leistung: Sowohl leistungsschwache als auch leistungsstarke Jugendliche finden sich überdurchschnittlich oft am Rand. Wer dauerhaft hinterherhinkt, stört den Takt; wer voraus ist, irritiert die Rangordnung.Selbstvertrauen entsteht dort, wo Anerkennung verlässlich erlebt wird.Doch wie entstehen Randpositionen überhaupt? Solche Kinder – ob isolierte oder eigenständige Aussenseiter – gelten rasch als Sonderlinge. Diese Etikette folgt einem vertrauten Deutungsmuster – der Individualisierung sozialer Probleme.Wenn ein Kind keinen Anschluss findet, scheint etwas an ihm nicht zu stimmen. Besonders hartnäckig ist die Annahme, Aussenseiterkinder wollten allein sein. Doch sozialer Rückzug ist häufig eine adaptive Schutzstrategie: Wer sich unsichtbar macht, entzieht sich weiterer Zurückweisung. Oft sind es minimale Differenzen – eine andere Sprechweise, ein ungewohntes Interesse, besondere Sensibilität, Unsportlichkeit –, die im sozialen Mikrokosmos der Schule überproportionale Bedeutung gewinnen.Solche Zuschreibungen entlasten Schulen. Aussenseitertum erscheint als Charakterfrage und nicht als Ergebnis sozialer Passung. Junge Menschen sind – wie der Entwicklungspsychologe Urie Bronfenbrenner gezeigt hat – in ein Geflecht sozialer Beziehungen eingebettet. Entscheidend ist das Zusammenspiel individueller Eigenschaften, familiärer Erfahrungen, schulischer Erwartungen und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen.Heranwachsende mit einer schwachen sozialen Einbindung werden häufig missverstanden. Das ist der erste Denkfehler. Findet ein Kind keinen Anschluss, richtet sich der Blick fast automatisch auf seine Persönlichkeit. Es sei zu still, zu empfindlich, zu eigensinnig, sozial unbeholfen oder ein «Nerd». Auch neurodiverse Kinder gehören manchmal dazu. Nichtzugehörigkeit erscheint dann als individuelles Defizit und nicht als Ergebnis sozialer Prozesse. Dabei gerät aus dem Blick, dass jede Randposition auch etwas über das soziale Umfeld aussagt, das sie hervorbringt.Eine Form der SelbstverortungAllerdings ist nicht jede Distanz zur Gruppe Ausdruck von Ausgrenzung. Manche junge Menschen entwickeln aus ihrer Andersartigkeit eine bemerkenswerte Eigenständigkeit. Sie orientieren sich weniger an den Erwartungen ihrer Altersgruppe als an persönlichen Interessen, Überzeugungen oder Fragestellungen. Was von aussen als Rückzug erscheint, kann auch eine bewusste Form der Selbstverortung sein. Solche jungen Menschen möchten nicht um jeden Preis dazugehören, sondern ihren eigenen Weg verfolgen.Damit stehen zwei mögliche Entwicklungen des Andersseins nebeneinander. Dieselbe Andersartigkeit, die unter ungünstigen Bedingungen zu Isolation führen kann, wird unter anderen Umständen zu einer Ressource. Ob ein junger Mensch an seiner Randposition leidet oder daraus Eigenständigkeit gewinnt, hängt nicht allein von seiner Persönlichkeit ab, sondern auch davon, wie sein Umfeld auf Unterschiede reagiert.Gerade eigenständige Aussenseiterkinder werden oft falsch eingeschätzt. Lehrpersonen und Eltern neigen dazu, soziale Integration als Ziel zu betrachten. Wer allein spielen will oder sich nicht an Gruppentrends beteiligt, wird schnell als gefährdet bezeichnet. Doch vielleicht ist das Alleinsein für solche Kinder eine bewusste Entscheidung. Sie nutzen die Zeit für kreative Aktivitäten, vertiefen sich in ihre Interessen oder beobachten ihre Umgebung mit grosser Aufmerksamkeit. Ihre soziale Kompetenz ist nicht zwangsläufig geringer; sie äussert sich lediglich anders als bei kontaktfreudigen Kindern.Diese relative Unabhängigkeit von sozialer Bestätigung kann unter günstigen Bedingungen zu einer besonderen Ressource werden. Die Geschichte ist reich an solchen Figuren. Künstler, Wissenschafter und gesellschaftliche Visionäre standen als Heranwachsende oft am Rande. Ihre Andersartigkeit wurde zunächst als Abweichung wahrgenommen, später jedoch als Ausdruck von Originalität und Urteilskraft.Ein Beispiel ist Frida Kahlo. Krankheit, körperliche Einschränkungen und ihre ungewöhnliche künstlerische Perspektive machten sie schon früh zu einer eigenständigen Aussenseiterin. Kahlo steht exemplarisch für eine Erfahrung, die viele eigenständige Kinder in einer Randposition teilen: Dieselbe Andersheit, die zunächst irritiert oder isoliert, kann in einem unterstützenden Umfeld zu einer Quelle kreativer Kraft werden.Doch es wäre ein Irrtum, daraus eine Romantik der Randposition abzuleiten. Lange nicht immer führt sie zu Kreativität und Erfüllung. Nicht jede Aussenseiterin wird zur Visionärin. Manche leiden unter Einsamkeit oder mangelnder Unterstützung. «Das» Kind am Rande des Klassenverbands gibt es nicht. Aus derselben Erfahrung des Andersseins können Isolation und Einsamkeit entstehen – oder Eigenständigkeit und innere Unabhängigkeit.Deshalb beruht die verbreitete Darstellung von Kindern in einer Aussenseiterposition – entweder als Benachteiligte oder als Ausnahmetalente – auf einem zweiten Denkfehler. Sie übersieht, dass beide Figuren aus derselben Erfahrung hervorgehen: der Erfahrung, anders zu sein. Ob daraus Isolation oder Eigenständigkeit entsteht, hängt von zahlreichen Faktoren ab, nicht zuletzt auch von der Möglichkeit, in der eigenen Andersartigkeit einen Sinn zu erkennen.Eine Gesellschaft, die Abweichungen von der sogenannten Norm vorschnell als Defizite interpretiert, produziert isolierte Kinder. Eine Gesellschaft, die Verschiedenheit anerkennt und produktiv aufnimmt, schafft Raum für eigenständige und eigenwillige Heranwachsende. Beide entstehen nicht zufällig. Sie sind Ausdruck dessen, wie Gemeinschaften mit Abweichung umgehen. In einer Gesellschaft, die vor allem Konformität belohnt, erinnern eigenständige Aussenseiterkinder daran, dass Individualität ein wertvoller Beitrag zur Gemeinschaft sein kann.Spiegel der MitteViele kreative, wissenschaftliche oder gesellschaftliche Innovationen gehen auf solche Menschen zurück, die den Mut hatten, anders zu denken. Deshalb sollten wir nicht nur fragen, wie Kinder integriert werden, sondern auch, was wir von ihnen lernen können. Ihre Fähigkeit, eigenständig zu denken und den eigenen Weg zu gehen, ist eine Stärke, die Anerkennung verdient.Darin liegt die wichtigste Einsicht: Eigenständige Kinder sind nicht einfach Menschen am Rand. Sie sind ein Spiegel der Mitte. An ihnen zeigt sich, wie offen oder wie eng eine Gesellschaft ihre Grenzen zieht. Aussenseiter werden gemacht. Doch ebenso werden die Bedingungen geschaffen, unter denen aus Andersartigkeit entweder Isolation oder Eigenständigkeit entsteht.Die Frage lautet deshalb nicht, wie sich alle Kinder möglichst reibungslos an die Mitte anpassen. Eine offene Gesellschaft erkennt sich vielmehr daran, wie sie mit Menschen umgeht, die nicht selbstverständlich in ihre Normen passen. Ob aus Differenz Ausgrenzung entsteht – oder eine neue Perspektive auf die Welt –, entscheidet sich nicht allein am Einzelnen, sondern an den sozialen Räumen, die wir schaffen.Margrit Stamm ist emeritierte Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität Freiburg i. Ü. 2022 ist bei Kösel erschienen: «Angepasst, strebsam, unglücklich: Die Folgen der Hochleistungsgesellschaft für unsere Kinder».Passend zum Artikel