Zu wenige AKW-Fachleute: Bleibt das Neubauverbot bestehen, wackelt auch der Langzeitbetrieb von Gösgen und LeibstadtKernenergie-Spezialisten sind bereits heute rar. Fehlt dem Nachwuchs in der Schweiz die Perspektive, ist der längerfristige Weiterbetrieb der bestehenden Atomkraftwerke in Gefahr.13.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDie grossen Schweizer Kernkraftwerke könnten bis zu 80 Jahre am Netz bleiben: Kühlturm des AKW Leibstadt.Gaëtan Bally / KeystoneAm Montag wird im Nationalrat eine umstrittene Debatte fortgesetzt. Die Parlamentarier debattieren, ob das Verbot des Baus neuer Atomkraftwerke aufgehoben werden soll. Wegen der ausufernden Diskussion konnte die Kammer noch keinen Entscheid fällen – weder zur sogenannten Blackout-Initiative, die das Neubauverbot kippen will, noch zum deutlich schlankeren Gegenvorschlag des Bundesrats, der im Grundsatz das gleiche Ziel verfolgt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein Punkt blieb bisher allerdings unbeachtet. Bei der Aufhebung des Neubauverbots geht es nicht nur um den Bau neuer Reaktoren irgendwann in der Zukunft. Sondern indirekt auch darum, wie lange die bestehenden grossen Kernkraftwerke Gösgen und Leibstadt noch laufen können. Wegen der enormen Bedeutung dieser Anlagen für die Versorgung der Schweiz im Winterhalbjahr wird bereits intensiv darüber diskutiert, ob diese nicht – wie derzeit angepeilt – 60 Jahre am Netz bleiben sollen, sondern 70 oder gar 80 Jahre.Aus technischer Sicht sei bei diesen Anlagen der Langzeitbetrieb von bis zu 80 Jahren möglich, sagt der Kernphysiker Andreas Pautz vom Paul-Scherrer-Institut (PSI). Der Betrieb eines Kernkraftwerks werde mit zunehmendem Alter der Anlage aber anspruchsvoller. Es müssten mehr Teile an der Anlage repariert oder ausgetauscht werden, zudem steige der Aufwand für die Überwachung, beispielsweise der Korrosion. Dafür braucht es hochqualifiziertes Personal.Schlechtes Signal für den NachwuchsUnd genau um dieses Personal macht sich Pautz Sorgen. «Wenn die Aufhebung des Neubauverbots nun erneut aufgeschoben oder gar abgelehnt wird, wäre das ein schlechtes Signal für den Nachwuchs in der Nukleartechnik», sagt er. «Ein solcher Schritt würde einen Langzeitbetrieb über 60 Jahre hinaus infrage stellen.» Der Grund: Dem Nachwuchs fehlte die Perspektive. «Welcher junge Mensch beginnt heute eine Karriere, nur um das Ende einer alten Anlage zu verwalten, wenn es in Frankreich viel spannendere Jobs bei der Entwicklung neuer Reaktoren gibt?», fragt er.Pautz hat eine ähnliche Situation schon einmal erlebt: Als das Schweizer Stimmvolk 2017 das neue Energiegesetz annahm und damit den Ausstieg aus der Kernenergie besiegelte, brachen in seinen Kursen die Studierendenzahlen ein. «Wenn die Schweizer Politik jetzt endgültig dabei bleibt, dass die Kernenergie im Land keine Zukunft mehr hat, dürften sich erneut viele Studierende gegen ein Studium der Kerntechnik entscheiden», sagt er.Derzeit kämpfen die Studiengänge im Bereich Kerntechnik zwar nicht mit Nachwuchssorgen. In der Branche selbst bleibt das Personal jedoch knapp. Die Schweiz konnte in den vergangenen Jahren stark vom Atomausstieg Deutschlands profitieren und viele Fachkräfte aus dem Nachbarland anlocken. Dieser Effekt versiege zusehends, sagt Pautz, der einst selbst aus Deutschland in die Schweiz kam.Robert Lombardini, der frühere Verwaltungsratspräsident des Stromkonzerns Axpo, weist ebenfalls darauf hin, dass der anstehende Entscheid über das Neubauverbot auch Folgen für die bestehenden Kernkraftwerke hat. «Der Weiterbetrieb der Anlagen in Gösgen und Leibstadt ist komplex und teuer», sagt er. Dafür brauche es auch künftig viele Fachleute. Wenn das Parlament das Bauverbot bestehen lässt, sendet es möglichen Nachwuchskräften laut Lombardini ein völlig falsches Signal: «Dass sie in eine Branche einsteigen, die im Land unerwünscht ist und weder politische Unterstützung noch eine langfristige Zukunft hat.»Bau neuer AKW in GefahrEs gibt aber noch einen weiteren Zusammenhang zwischen der Laufzeitverlängerung der bestehenden Kernkraftwerke und dem Bau neuer Anlagen: Ohne den Langzeitbetrieb der bestehenden AKW dürfte der Bau von neuen Anlagen praktisch unmöglich werden. Darauf weisen die vor kurzem publizierten «Energy Reports» der Axpo hin, eine umfassende Analyse der künftigen Schweizer Energieversorgung. «Bestehende Kernkraftwerke sollten bis zur Inbetriebnahme der neuen Anlagen laufen, damit die Kontinuität des Know-how gesichert bleibt», heisst es darin.Laut Axpo könnten neue Kernkraftwerke allerdings frühestens um das Jahr 2050 Strom liefern. Der Langzeitbetrieb der grossen Kernkraftwerke Gösgen und Leibstadt ist aus Sicht der Axpo darum zentral. De facto bedeutet dies, dass Gösgen und Leibstadt 70 oder 80 Jahre laufen müssten – was aber nur möglich ist, wenn auch langfristig genügend Personal für die Anlagen vorhanden ist.Passend zum Artikel