In Altstätten sind die ersten Fahrzeuge von Postauto ohne Chauffeur unterwegs – mit chinesischer UnterstützungDas Transportunternehmen wagt in der Ostschweiz den bisher ambitioniertesten Versuch. Die bessere Erschliessung der Peripherie ist nur ein Ziel.12.06.2026, 17.00 Uhr3 LeseminutenAb dem kommenden Jahr sollen Passagiere im Raum Altstätten (SG) das neue Angebot von Postauto nutzen können.Gian Ehrenzeller / KeystoneIn den Kurven kommt der Komfort nicht an einen guten Autofahrer heran. Und vor einem Fussgängerstreifen verhält sich das autonom fahrende Fahrzeug von Postauto besonders vorsichtig, auch wenn eine sich nähernde Person noch weit entfernt ist. Doch die Fahrt auf der festgelegten Route in Altstätten (SG) funktioniert insgesamt problemlos. Nur ein Mal greift der Fahrer, der sicherheitshalber noch an Bord ist, ein, als sich an einer Verzweigung ein anderes Auto nähert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Anfang Monat hat Postauto vom Bundesamt für Strassen (Astra) die Bewilligung erhalten, um erstmals in einem rund 80 Quadratkilometer grossen Einsatzgebiet in den Kantonen St. Gallen und den beiden Appenzell automatisch zu fahren. Die Fahrer müssen nicht das Steuerrad halten, können aber falls nötig eingreifen. Die im auffälligen Gelb von Postauto lackierten E-Autos dienen vorderhand noch internen Tests. Das Transportunternehmen hofft, dass Fahrgäste in der Region ab dem Jahr 2027 probeweise ihre autonome Fahrt über eine App buchen können.Am Freitag stellte Postauto das Projekt namens «Amigo» in einer Garage in Altstätten den Medien und lokalen Politikern vor. Umrahmt von einem Foodtruck, der dem Anlass ein Start-up-Flair verleihen sollte, sparten die Involvierten nicht mit Superlativen. «Amigo hat das Zeug, zu einem Gamechanger zu werden», sagte Jürg Röthlisberger, der Direktor des Astra. Der Chefbeamte sieht im automatisierten Fahren eine grosse Chance. Im Auftrag von Bundesrat und Parlament hat er die rechtlichen Grundlagen vorangetrieben.Es ist nicht der erste Pilotversuch dieser Art in der Schweiz, aber der bisher weitreichendste. Ab dem kommenden Jahr sollen in Altstätten 25 autonome Fahrzeuge verkehren. Die Technologie soll dabei schrittweise verfeinert werden. In einer nächsten Phase ist geplant, die physische Präsenz im Wagen durch eine Fernüberwachung aus einer Leitstelle zu ersetzen. Später soll ein Mitarbeiter für mehrere Fahrzeuge gleichzeitig zuständig sein. Die E-Autos und die Technik stammen vom chinesischen Konzern Baidu beziehungsweise dessen Tochterfirma Apollo Go.«Das Ziel ist, den öffentlichen Verkehr dort zu ergänzen, wo klassische Linienangebote an ihre Grenzen stossen», erklärte Stefan Regli, der Leiter von Postauto. Dies betreffe namentlich die Randstunden und die Peripherie. Man stehe freilich noch am Anfang: «Wir sind weit davon entfernt, ganze Linien durch automatisierte Systeme zu ersetzen.»Ein Testfeld für chinesische TechnologieDas Rheintal ist für das Pilotprojekt ideal. Der Anteil des öV am Verkehr ist im Schweizer Vergleich unterdurchschnittlich. Vor allem aber ist die Topografie mit flachen sowie ansteigenden Abschnitten interessant. Hinzu kommt der politische Goodwill. Die Unterstützung durch die beteiligten Kantone sei von Beginn an gross gewesen, betonte Regli.Dass die Technologie aus China stammt, wirft Fragen des Datenschutzes auf. Baidu gehört beim autonomen Fahren weltweit zu den führenden Akteuren. Regli versicherte, dass sämtliche erhobenen Daten direkt im Fahrzeug anonymisiert würden und die Schweiz nicht verliessen. Gesichter würden nicht erfasst.Vorderhand ist zur Sicherheit noch ein Fahrer im Auto.Gian Ehrenzeller / KeystoneDie chinesischen Partner sehen die Schweiz als Sprungbrett. Diese habe die regulatorischen Voraussetzungen geschaffen, um autonomes Fahren in den Alltag zu integrieren, sagte Nan Yang, Vizepräsident von Baidu. Die Schweiz sei für ihre hohen Qualitätsansprüche bekannt. «Wenn wir die Schweizer Standards erfüllen können, beweisen wir, dass wir in diesem Bereich führend sind.»Kostendruck und DemografieVertreter der Kantone, welche den strassengebundenen Regionalverkehr mitfinanzieren, hoffen mittelfristig auf Einsparungen. Die Ausgaben für das Personal seien ein wesentlicher Kostenfaktor, sagte Patrick Ruggli, der Leiter des ÖV-Amts des Kantons St. Gallen, am Rande des Anlasses. Zudem sei es schon heute ein Problem, genug Chauffeure zu finden. Mit der Pensionierung der geburtenstarken Jahrgänge wird sich die Situation noch verschärfen.Mit dem Projekt «Amigo» stösst Postauto in ein neues Geschäftsfeld vor. Die Kosten belaufen sich gemäss Regli auf einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag. Den Löwenanteil trägt der Post-Konzern selbst. Ursprünglich hatte das Astra beabsichtigt, derartige Projekte aus einem Innovationstopf zu unterstützen. Im Zuge des Entlastungspakets strich der Bund diesen jedoch. Neben der Post beteiligen sich weitere Partner an der Finanzierung, darunter der Touring Club Schweiz (TCS), Baidu und Apollo Go sowie die involvierten Kantone.Passend zum Artikel