PfadnavigationHomePolitikAuslandFrankreich„Deutschland befindet sich in einer besseren Position“ – die neue Rüstungs-RivalitätStand: 16:28 UhrLesedauer: 4 MinutenBundeskanzler Friedrich Merz (l.) und der französische Präsident Emmanuel Macron im November 2025Quelle: Ebrahim Noroozi/Pool AP/dpaBerlin hat seine einstige militärische Zurückhaltung ablegt – und will in den nächsten Jahren doppelt so viel Geld in die Verteidigung investieren wie Frankreich. Dort sorgt das nicht nur für Begeisterung: Paris sieht die fragile Balance der europäischen Rüstung in Gefahr.Auf der Internationalen Luftfahrtmesse in Berlin herrscht Goldgräberstimmung. In Zeiten des Krieges sind Drohnen, Marschflugkörper und Luftverteidigungssysteme gefragt. Doch Berlins Aufholjagd bei der Aufrüstung löst nicht nur Begeisterungsstürme aus. In Frankreich weckt sie Ängste vor einem Nachbarn, der seine einstige militärische Zurückhaltung ablegt.Der französische Generalstabschef Fabien Mandon warnte Ende Mai, dass Paris abgehängt werden könnte. „Wenn Deutschland dieses Tempo beibehält, wird in fünf Jahren das Argument, dass wir über operative Erfahrung und eine besondere militärische Kultur verfügen, nicht mehr tragen. Der Unterschied wird gewaltig sein“, sagte Mandon. Zwar drängte Paris lange darauf, dass Berlin mehr Verantwortung übernimmt. Dass es die stärkste konventionelle Streitkraft Europas aufbauen will und seinen Rüstungssektor massiv ausbaut, löst jedoch die Sorge aus, dass sich das Kräfteverhältnis fundamental verschiebt.Lesen Sie auchDas Scheitern des gemeinsamen Kampfjetprojekts FCAS diese Woche gilt manch einem als jüngster Beleg für ein neues Kräftemessen. Während sich in Deutschland die Sicht durchsetzt, dass das Projekt zu ambitioniert war und an den Allüren von Dassault-Chef Éric Trappier scheiterte, schimmert in Frankreich immer wieder eine andere Lesart durch: Deutschlands neues rüstungspolitisches Gewicht habe Berlin erlaubt, weniger Rücksicht zu nehmen. Zurück sei die Zeit der nationalen Alleingänge. Der Kolumnist Pierre Haski sagte bei France Inter, Paris beobachte seit einiger Zeit, dass Deutschland in verteidigungsindustriellen Fragen „zunehmend eigene Wege geht“. Frankreich, das seine militärische Stärke und Rüstungsindustrie zu seinem wichtigsten Trumpf gemacht habe, sehe sich herausgefordert.Doppelt so großes Budget für RüstungRüstung gilt in Paris als Machtinstrument. „Lange kümmerten sich die Franzosen mit den Briten um die Sicherheitspolitik und überließen Berlin die Wirtschaft“, sagt Christian Mölling, Sicherheitsexperte und Direktor des Thinktanks Edina. Deutschlands Aufrüstungskurs sorge nicht nur für mehr Konkurrenz, sondern bedrohe aus französischer Sicht diese fragile Balance. Lesen Sie auchEin Blick auf die Verteidigungsetats verdeutlicht das: Die Bundesregierung plant, bis 2030 rund 180 Milliarden Euro für Verteidigung auszugeben, mehr als doppelt so viel wie Frankreich. Das Sondervermögen verschafft Berlin ein komfortables Polster für Investitionen, Paris dagegen hat angesichts der angespannten Haushaltslage kaum Spielraum.Auch darauf wirft das Ende von FCAS ein Schlaglicht. Kurz nach Bekanntwerden des Scheiterns wurde bekannt, dass die Bundesregierung bereits mit Unternehmen in Verhandlung steht, die einspringen wollen. „Deutschland befindet sich in einer besseren Position als Frankreich, die Entwicklung eines europäischen Kampfflugzeugs voranzutreiben“, heißt es aus Branchenkreisen. Um offen sprechen zu können, wurde Anonymität gewährt.Lesen Sie auchDie Bedenken aus Frankreich seien nachvollziehbar. „Deutschland ist durch seine stark gestiegenen Verteidigungsausgaben heute viel mächtiger als 2017. Für Frankreich wird es schwieriger, sich mit einer nachgeordneten Rolle zufriedenzugeben, die nicht seinem Selbstverständnis entspricht.“ Die Verschiebung der Kräfteverhältnisse habe beim Scheitern von FCAS eine Rolle gespielt, wenn auch keine entscheidende.Eine weitere Person aus der Branche, die unter der Bedingung der Anonymität mit WELT AM SONNTAG spricht, beobachtet ebenfalls ein „neues deutsches Selbstbewusstsein“. Den Vorwurf des Egoismus hält sie jedoch für verfehlt. „Die Bundesrepublik hat sich den Praktiken ihrer europäischen Partner angenähert“, sagt sie. Gemeint ist etwa die Vergabe von Rüstungsaufträgen. Über Jahre hielt sich Berlin bei Beschaffungsprojekten nahezu pedantisch an die europäischen Vergaberegeln. Inzwischen nutze die Bundesregierung verstärkt jene Ausnahmeregelungen, auf die sich andere Staaten seit Langem berufen. Sicherheitsexperte Mölling formuliert es so: „Deutschlands Rüstungspolitik wird französischer.“ Und dringt damit in traditionelle Einflusssphären der Franzosen vor. „Wer liefert, bestimmt Standards, Ausbildung und Interoperabilität der Streitkräfte. Darin liegt der eigentliche strategische Wert – und die Bedrohung für Frankreich“, so Mölling.Spekulieren auf einen RN-PräsidentenParis steht nun unter Druck, braucht es doch bis 2045 einen Nachfolger für seine Rafale-Jets. Ein neuer Kampfjet sei nur finanzierbar, wenn andere Posten gestrichen werden, so Mölling. Womöglich habe Dassault darauf spekuliert, unter einem künftigen Präsidenten des Rassemblement National (RN) weniger Schwierigkeiten zu haben, sein Projekt umzusetzen. Lesen Sie auchDoch auch Jordan Bardella oder Marine Le Pen werden mit der Realität leerer Kassen konfrontiert sein, sollte einer von ihnen 2027 in den Élysée einziehen. Dann könnten auch weitere Formate wie die vertiefte Zusammenarbeit bei der nuklearen Abschreckung zur Disposition stehen. Für Europa wäre das ein Rückschlag, ist doch nur Frankreich eine wahrhaft unabhängige europäische Atommacht. Aber auch für Paris birgt dies Risiken. „Konventionelle und nukleare Abschreckung sind eng miteinander verknüpft. Je glaubwürdiger die konventionellen Fähigkeiten Europas sind, desto weniger muss es sich auf nukleare Abschreckung stützen“, sagt Mölling. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal Frankreichs würde an Glanz verlieren.Diana Pieper ist Redakteurin im Ressort Außenpolitik. Für WELT berichtet sie über internationale Politik mit einem besonderen Fokus auf Südeuropa sowie Sicherheit und Verteidigung.
Frankreich: „Deutschland befindet sich in einer besseren Position“ – die neue Rüstungs-Rivalität - WELT
Berlin hat seine einstige militärische Zurückhaltung ablegt – und will in den nächsten Jahren doppelt so viel Geld in die Verteidigung investieren wie Frankreich. Dort sorgt das nicht nur für Begeisterung: Paris sieht die fragile Balance der europäischen Rüstung in Gefahr.








