Andere sprechen von Umbau oder Neuordnung. Jan Voigt wähnt sich angesichts der Flut neuer Vorgaben für Krankenhäuser dagegen als Teil einer Revolution. Denn der Bund setzt zur dritten sogenannten Reform innerhalb von fünf Jahren an. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hat ihren Entwurf für das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz vorgelegt und unter anderem die Vertreter von Krankenhäusern gegen sich aufgebracht. Voigt kann als neuer Kaufmännischer Geschäftsführer des privatisierten Uniklinikums Marburg der Vorlage wenig Gutes abgewinnen. Warken komme mit ihren Ideen zu einer Zeit, in der die mit dem bisher letzten Reformgesetz verfügten Leistungsgruppen noch gar nicht in Kraft seien.Das ist aber längst nicht alles. Über 12.000 Seiten erstrecke sich das Handbuch zu diesen Leistungsgruppen. Das sind klar bestimmte Pakete medizinischer Aufgaben, auf die Krankenhäuser sich fortan spezialisieren sollen. „Die Kompaktversion hat 1000 Seiten“, sagt Voigt. Und fügt hinzu: „Im Vergleich dazu stelle ich lieber einen Bauantrag.“ Mit diesem Zahlenspiel illustriert der junge Klinikmanager einen Teil des Arbeitsalltags, der nicht nur ihn umtreibt.Neben Voigt sitzen an diesem Vormittag in einem Seminarraum des Uniklinikums Gießen fünf Kollegen aus privaten, kirchlichen und öffentlichen Krankenhäusern aus ganz Mittelhessen und der Wetterau. Sie alle greifen sich einzelne Gesichtspunkte der geplanten Reform heraus. Auffallend oft sagen sie zwei Worte: Bürokratie und Vertrauen. Von dem einen haben sie mehr als genug, das andere vermissen sie.Asklepios-Managerin: Bürokratie in Kliniken muss Versorgung dienenAntonia Schenk Gräfin von Stauffenberg hat auch ein paar Zahlen mitgebracht. Ihr Thema an diesem Vormittag ist die Bürokratie. Je nach Berufsgruppe wendeten Ärzte und Pflegekräfte zwischen 35 und 48 Prozent ihrer Arbeitszeit auf, um Dokumentationspflichten zu erfüllen. Diese Arbeitszeit fehle für die eigentliche Arbeit – die Pflege und medizinische Versorgung von Patienten, sagt Schenk, die seit Januar die Geschäfte der Asklepios-Klinik in Lich führt. Dies machten Pflegekräfte und Ärzte nicht aus Spaß, sondern weil die Vorgaben eben so seien. Während Politiker über Bürokratieabbau redeten, nehme die Zahl der Vorgaben immer weiter zu. Mittlerweile sei der Anmeldeprozess in einem Krankenhaus mit sieben bis zwölf Unterschriften verbunden. Für den jeweiligen Patienten. Das sei aber weder den Beschäftigten noch den Kranken noch vermittelbar, sagt Schenk.Sie treibt, ebenso wie ihre Kollegen am Tisch, nicht nur der überbordende Verwaltungsaufwand um. Diese Bürokratie verursache teils unnötige Kosten. Gleichzeitig setze die Bundespolitik die Krankenhäuser unter Spardruck. Dass die Gesundheitskosten davonlaufen, bestreitet die Managerin keineswegs, auch nicht die Notwendigkeit von Lösungen für die gesetzlichen Krankenkassen. Die Frage sei aber, ob eine Reform die medizinische Versorgung der Menschen stärke. Bürokratie in Kliniken müsse dieser Versorgung dienen. „Und was dem nicht entspricht, muss mutig abgeschafft werden“, sagt Schenk und fordert von der Politik: „Befreien Sie uns vom Dickicht der Bürokratie.“Matthias Müller, dem Geschäftsführer der Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim, fällt zu Bürokratie unter anderem die Pflegekräfte-Qualifizierungsquote je Patient ein. Sein Kollege Tobias Gottschalk von den Lahn-Dill-Kliniken in Wetzlar verweist auf 45.000 Codes zu medizinischen Tätigkeiten. Nach Anfragen des Medizinischen Dienstes der Kassen habe sein Haus zuletzt nur 0,45 Prozent der Codes im Jahr korrigiert. Gleichwohl dürfte dieser Dienst laut Reformentwurf künftig dreimal so viele Fälle überprüfen wie derzeit. Dies wären 3500 Fälle mehr. „Was hat das mit Entbürokratisierung zu tun?“, fragt Gottschalk.