Letztes Jahr gewann er noch die Vendée Globe, nun ist er mit 42 Jahren gestorben: Frankreich trauert um seinen SegelheldenCharlie Dalin starb an einem Krebsleiden; er war schon während der Weltumsegelung krank. Der Franzose galt als Perfektionist, dessen Welt auf dem Wasser von Disziplin geprägt war.Walter Rüegsegger12.06.2026, 15.16 Uhr3 LeseminutenAktualisiertCharlie Dalin hatte erst nach der Vendée Globe 2024 über seine Krebserkrankung gesprochen.Alexis Courcoux / Imago«Das Meer verliert einen seiner grössten Botschafter.» Mit diesen Worten würdigte Agnès Pannier-Runacher, Abgeordnete des Departements Pas-de-Calais, den 42 Jahre alten Charlie Dalin. Im Herbst 2023 war beim Segler ein Darm-Krebs diagnostiziert worden. Die Ärzte hatten einen 15 Zentimeter langen Tumor in seinem Dünndarm entdeckt. Nach einer Operation verbesserte sich Dalins Zustand vorübergehend; er konnte Ende 2024 an der Vendée Globe teilnehmen. Und gewann die prestigeträchtige Regatta mit einer Rekordzeit von 64 Tagen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Öffentlichkeit erfuhr erst im vergangenen Herbst, dass Dalin das Rennen mit der Krebserkrankung bestritten hatte. Nach einer erneuten Operation hatte er mit Hilfe eines Journalisten seine Biografie veröffentlicht. In «La force du destin» spricht er ausführlich über seine Krankheit. «Die Ärzte haben mir grünes Licht gegeben. Hätten sie mir gesagt, dass es nicht vernünftig wäre, hätte ich das Risiko nicht auf mich genommen.» In einem Interview mit der «Washington Post» sagte er, er habe beschlossen, mit dem Krebs so umzugehen, wie er es mit einem Problem an Bord tun würde.Entscheidend war für ihn, was er aus seinem Schicksal machteStützt man sich bei Dalins Buchtitel auf die deutsche Übersetzung («Die Macht des Schicksals»), könnte der Eindruck entstehen, der Franzose hadere mit seinem Los, das Schicksal habe sich gegen ihn gewandt. Das französische «destin» bedeutet mehr als das deutsche «Schicksal». Es kann sowohl Unausweichlichkeit als auch Lebensweg oder Bestimmung bedeuten.Sinngemäss meinte der Segler, sein Leben sei in den Jahren 2023 bis 2025 von einer Reihe aussergewöhnlicher Ereignisse geprägt gewesen: der Krebsdiagnose, der Unsicherheit über seine Zukunft, der Vorbereitung auf die Vendée Globe und dem Rekordsieg trotz seiner Erkrankung. Diese Verkettung von Ereignissen habe ihn dazu gebracht, von der «Macht des Schicksals» zu sprechen. Das Schicksal sei etwas, das ihm widerfahren sei, entscheidend aber sei gewesen, was er daraus gemacht habe.Die Franzosen hatten Dalin bereits bei seiner ersten Vendée Globe ins Herz geschlossen. 2021 überquerte er nach achtzig Tagen als Erster die Ziellinie, doch Yannick Bestaven wurde der Sieg mit mehr als zwei Stunden Vorsprung zugesprochen, nachdem er einen Zeitbonus von zehn Stunden für die Hilfe bei der Rettung eines anderen Teilnehmers erhalten hatte. «Ich bin nachts aufgewacht und habe nach den Minuten gesucht, die ich verloren hatte», meinte damals der «Sieger der Herzen».Der in Southampton ausgebildete Schiffsarchitekt Dalin galt als hervorragender Wetteranalyst und Stratege. Zugleich war er ein Perfektionist mit ausgeprägtem Sinn für Details. Am weitesten ging Charlie Dalin bei der Ergonomie seines Bootes. In einem viel beachteten Video zeigte der Franzose, mit welchem Aufwand er seine Imoca auf die Bedürfnisse eines Einhandseglers zugeschnitten hatte.Jedes Detail an Bord seines Bootes war durchdachtDas Herzstück des Konzepts war ein zentral platzierter, gefederter Schalensitz, von dem aus praktisch alle wichtigen Funktionen erreichbar waren. Sämtliche wichtigen Instrumente, Kommunikationsmittel und selbst der Campingkocher befanden sich in unmittelbarer Reichweite, so dass der Skipper seinen Platz nur selten verlassen musste. Zusätzliche Haltegriffe und speziell konstruierte Cockpitfenster erhöhten die Sicherheit und verbesserten die Belüftung.Selbst an scheinbare Nebensächlichkeiten wie eine gedämpfte Nachtbeleuchtung oder ein schonendes Wecklicht hatte Dalin gedacht. Die Koje lag nur einen Schritt vom Arbeitsplatz entfernt und fügte sich in ein Gesamtkonzept ein, das jede unnötige Bewegung an Bord vermeiden sollte. Für andere Imoca-Segler war dieses Konzept wegweisend.Viele Weggefährten von Dalin, der letztes Jahr zum Segler des Jahres gewählt wurde, bezeichneten ihn als zurückhaltenden, bisweilen fast verschlossenen Menschen, dessen Welt auf dem Wasser von Disziplin geprägt war. Gleichzeitig schien sich nach seiner Krebsdiagnose im Jahr 2023 etwas verändert zu haben. Freunde und Kollegen berichteten später, er sei gelassener geworden. Der Mann, der früher nahezu jede freie Woche dem Segeln unterordnete, habe gelernt, sich gelegentlich auch Auszeiten zu gönnen.Die Krankheit hatte ihn nicht zu einem anderen Menschen gemacht, wohl aber seine Sicht auf die Zeit verändert. Wer ihn in seinen letzten Lebensjahren erlebte, gewann den Eindruck, dass er die Dinge bewusster wahrnahm und Prioritäten neu setzte, ohne dabei seine Zielstrebigkeit zu verlieren.Passend zum Artikel