In der Nacht auf Donnerstag ist gegen Patrick Bruel ein Ermittlungsverfahren eröffnet worden. Der französische Sänger hatte in den Neunzigerjahren einen mitunter hysterischen Hype hervorgerufen, für den seinerzeit der Begriff „Bruelmania“ geprägt worden war. Die Staatsanwaltschaft der westlichen Pariser Vorstadt Nanterre ermittelt gegen den heute siebenundsechzig Jahre alten Bruel wegen Vergewaltigung, versuchter Vergewaltigung, sexueller Nötigung und sexueller Belästigung in vier Fällen.In vier weiteren Fällen, darunter drei, die ein mutmaßliches kriminelles Vergehen angehen, wurde Bruel in den Status des „témoin assisté“ gestellt (wörtlich: „Zeuge mit Anspruch auf Rechtsbeistand“), der im französischen Strafrecht die Stufe zwischen Zeuge und Gegenstand eines Ermittlungsverfahrens bezeichnet. Diese acht Fälle könnten lediglich die Spitze des Justizeisbergs bilden: Mehr als dreißig Frauen klagen den Star heute wegen sexueller Übergriffe unterschiedlicher Schwere an.Vieles an den Vorwürfen gegen Bruel erinnert an andere FälleDie Mühlen der Justiz mahlen bekanntlich langsam, und im vorliegenden Fall hat es besonders lang gedauert, bis sich das schwerfällige Getriebe in Gang gesetzt hat. 2019 hatte eine Masseurin, die in einem korsischen Luxushotel arbeitete, Anzeige wegen sexueller Übergriffe gegen Bruel erstattet. Berufskolleginnen aus Spas in drei weiteren Städten hatten sich ihr angeschlossen sowie vier andere Frauen. 2020 waren diese Verfahren eingestellt worden, mangels Beweisen.Doch im März und im Mai dieses Jahres hat Marine Turchi in der Pariser Onlinezeitung „Mediapart“ zwei lange Investigationsberichte mit insgesamt neunundzwanzig neuen Zeugnissen veröffentlicht. Die rapportierten Übergriffe reichen von Exhibitionismus bis zu Vergewaltigungen, in einigen Fällen mit erschwerenden Umständen wie der Minderjährigkeit der mutmaßlichen Opfer oder dem Verdacht der Verabreichung betäubender Drogen. Daraufhin hat die Staatsanwaltschaft von Nanterre die Zuständigkeit für alle landesweit verstreuten Anzeigen, Voruntersuchungen und auch bereits eingestellten Verfahren übernommen. Und hat, wie oben berichtet, in acht Fällen formelle Untersuchungen eröffnet.Der Modus Operandi, der Bruel vorgeworfen wird, ist von vielen anderen Fällen her bekannt: eine Mischung aus Fokussierung auf wehrlose, weil junge und sozial niedrig stehende Opfer, aus Verlockung mit Freikarten, Besuchen hinter den Kulissen, in Aussicht gestellter Karriereförderung, aus Nacht („niemand darf davon wissen“) und Nebel („niemand wird dir glauben“), aus resoluter Taubheit für das Wort „Nein“, nicht zuletzt aus psychologischem Druck und physischer Gewalt. Allzu vertraut wirkt auch der Umstand, dass es – wie mit Judith Godrèche im Fall von Benoît Jacquot – der Zeugnisse mutmaßlicher Opfer mit großer medialer Reichweite bedurfte, bis auch die Klagen der „Kleinen“ ernst genommen wurden.Lange galt Patrick Bruel als sympathisch und sozial engagiertSo haben gegen Bruel die heutige Generaldirektorin von Unifrance (einem Zentrum zur Förderung des Filmexports), Daniela Elstner, und die Starmoderatorin Flavie Flament ausgesagt. Letztere hatte 2016 in ihrem Buch „La Consolation“ den als Dreizehnjährige erlittenen Missbrauch durch den Fotografen David Hamilton publik gemacht – drei Jahre später habe dann Bruel sie genötigt. Nicht zuletzt könnte dem Fall eine systemische Dimension innewohnen: In zwei weiteren Artikeln hat „Mediapart“ Anfang dieses Monats insgesamt dreißig Zeugnisse vereint, die darauf hindeuten, dass das „Problem Bruel“ in der Musikindustrie und in TV-Redaktionen seit Langem identifiziert war – dem übergriffigen Star seien mitunter sogar Anstandswauwaus zur Seite gestellt worden, um ihn von jungen Frauen fernzuhalten.Der Fall des Sängers, der auch als Schauspieler in Filmen etwa von Claude Chabrol, Claude Lelouch und Tonie Marshall Hauptrollen gespielt hat (in Marshalls „Tu veux ou tu veux pas“ verkörperte er 2014 einen Sexsüchtigen auf Entziehungskur), mutet nicht zuletzt deshalb besonders abstoßend an, weil Bruel lange Zeit den sympathischen, volkstümlichen und sozial engagierten good guy verkörpert hat. Er wirkte an dreiunddreißig Ausgaben der jährlichen Concerts des Enfoirés mit, die Geld sammeln für die durch den legendären Komiker Coluche gegründete Essens- und Kleiderausgabe Les Restos du Cœur. Er machte mobil gegen Hunger, Aids und Rassismus und wurde – auch weil Jude – zu einem Angstgegner von Jean-Marie Le Pen, dem Mitgründer und jahrzehntelangen Führer des rechtsextremen Front National.Bruel bestreitet jeden Übergriff und genießt die Unschuldsvermutung. Sollten sich die Anschuldigungen gegen ihn bestätigen, fiele mit ihm eine weitere französische Ikone – nach Gérard Depardieu, dem Nachrichtensprecher Patrick Poivre d’Arvor und dem Gründer der Wohltätigkeitsorganisation Emmaus, der unter dem Pseudonym „Abbé Pierre“ den Status eines Nationalheiligen erlangt hatte.
Sexuelle Übergriffe: Ermittlungen gegen französischen Sänger Patrick Bruel
Vorwürfe und Klagen wegen sexueller Nötigung gegen den französischen Schauspieler Patrick Bruel gibt es schon lange. Nun hat die Staatsanwaltschaft in Nanterre sich ihrer angenommen – und ein Verfahren eingeleitet.












