Von anderen abhängig zu sein, ist so gar nicht nach Frank Karlitscheks Geschmack. Dann könnte er ja nicht so offen reden. Und dann gäbe es sein Unternehmen Nextcloud heute auch gar nicht. Der studierte Computerwissenschaftler gründete schon im Jahr 2011 das Softwareunternehmen Owncloud mit – eine Dropbox-Alternative, die das Speichern, Teilen und gleichzeitige Bearbeiten von Daten ermöglichte. „Ich dachte schon damals, dass die Welt auf eine Zukunft zusteuert, in der fünf Unternehmen alle unsere Daten besitzen“, sagt Karlitschek.Mit Owncloud wollte er eine transparente Alternative zu den großen amerikanischen Platzhirschen schaffen. Der Code sollte offen einsehbar sein, sodass Entwickler auf der ganzen Welt daran mitarbeiten konnten. Das Projekt fand in der Entwicklergemeinschaft großen Anklang. Aber Owncloud hatte, so sieht es jedenfalls Karlitschek, von Beginn an einen Konstruktionsfehler.Denn der Gründer hatte sich überreden lassen, sein Unternehmen in den Vereinigten Staaten anzusiedeln, finanziert von amerikanischen Investoren. Doch die hätten nach einer gewissen Zeit darauf gedrängt, kommerzielle Interessen durchzusetzen – und außerdem den ursprünglichen Gedanken einer quelloffenen Software zu konterkarieren. 2016 entschied Karlitschek sich zusammen mit Mitgliedern des technischen Kernteams, Owncloud zu verlassen und innerhalb weniger Wochen einen Wettbewerber zu seinem ehemaligen Unternehmen aufzubauen: Nextcloud. Dieses Mal ohne Investoren, mit eigenem Geld und ohne Kompromisse.Scharfer Kritiker der Abhängigkeit von US-Konzernen„Als Owncloud nicht funktioniert hat, habe ich auch an mir selbst gezweifelt“, sagt Karlitschek heute. „Aber als Gründer muss man immer ein Stück weit naiv sein und die Risiken ausblenden.“ Damals habe er die Chancen auf 50:50 geschätzt, dass Nextcloud erfolgreich werde. „Ich dachte mir, wenn das schiefgeht, kann ich mir immer noch einen neuen Job suchen.“Aber es ging nicht schief. Schon 2016 wurde das Unternehmen profitabel, konnte sein Wachstum aus eigener Kraft finanzieren – und expandieren. Heute bietet Nextcloud längst eine komplette Kollaborationsplattform mit Software für Videotelefonie, E-Mails, Textverarbeitung, Präsentationen und KI-Assistenten an; ist in Europa zu einer ernst zu nehmenden Alternative für Microsoft oder Slack geworden.Kaum jemand in Deutschland hat schon vor Donald Trumps zweiter Amtszeit so lautstark und vehement vor der Abhängigkeit der deutschen Verwaltung und Wirtschaft von amerikanischen Softwarekonzernen gewarnt wie Karlitschek. Regelmäßig weist der Unternehmer etwa auf den Cloud Act hin, der amerikanische Unternehmen verpflichtet, auf Anfrage auch im Ausland verarbeitete Daten den US-Sicherheitsbehörden zur Verfügung zu stellen – und zwar ohne danach darüber sprechen zu dürfen. Oder er warnt vor einem möglichen „Killswitch“ in amerikanischer Software – also einem Szenario, in dem der US-Präsident amerikanische Techkonzerne aus geopolitischen Gründen anweist, wichtige Dienstleistungen in Europa abzuschalten.Französisches Bildungsministerium als GroßkundeIn den deutschen Zentralen von Microsoft und Co. ist Karlitschek bestens bekannt. Seine Abneigung gegen Abhängigkeit zahlt sich inzwischen aus. Die Landesverwaltung Schleswig-Holsteins hat beispielsweise von Microsoft auf eine Mischung aus Linux und Nextcloud umgestellt, in Österreich arbeitet das Wirtschaftsministerium mit Nextcloud, in Frankreich unter anderem das Bildungsministerium. Aktuell nutzen 400.000 Menschen im französischen Bildungssektor Nextcloud, es sollen einmal 1,2 Millionen werden.Frank Karlitschek ist die Abhängigkeit von US-Software ein Dorn im Auge.Andreas PeinNextcloud ist im vergangenen Jahr mehr als 50 Prozent gewachsen – aber der schwäbisch-bodenständige Karlitschek neigt nicht zum Bejubeln von schon Erreichtem. „Erfolg ist eine Frage des Maßstabs“, sagt er. „Wir müssten angesichts der Weltlage eigentlich noch viel schneller wachsen.“ Es komme zwar immer mehr in Bewegung. Aber 99 Prozent des Marktes warten noch ab – auch die Bundesregierung.Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU) spricht zwar oft über digitale Souveränität und hat auch einige Initiativen angestoßen. Selbst der Bundeskanzler hat wiederholt die Abhängigkeit von amerikanischer Software problematisiert. Die blanken Zahlen sind aber noch eher ernüchternd: 481,4 Millionen Euro hat die Bundesverwaltung 2025 für Microsoft-Lizenzen ausgegeben. Das war nicht weniger als in den Vorjahren, sondern sogar deutlich mehr. 2024 flossen 347,7 Millionen Euro an Microsoft, 2023 waren es 274,1 Millionen Euro.Karlitschek will in den MainstreamKarlitschek ist bewusst, dass die Themen digitale Souveränität oder Open Source immer noch eine eher kleine Gruppe von Menschen ansprechen. „Diese Gruppe bedienen wir gerade sehr gut. Aber wenn wir in den Mainstream wollen, dann reicht diese Positionierung alleine nicht mehr aus.“ Also will Nextcloud bis zum Jahr 2030 insgesamt 250 Millionen Euro in „digitale Souveränität“ investieren. Konkret heißt das: Die Belegschaft soll sich bis 2030 versiebenfachen, um neue Produktinnovationen zu entwickeln, die Open-Source-Entwicklergemeinschaft zu stärken und Partnerschaften auszubauen.„Ein bisschen größenwahnsinnig“Der Schlüssel für weiteres Wachstum liegt für Karlitschek im Vertrieb und weniger in der Technik. „98 Prozent der Funktionalitäten sind bei uns vorhanden“, sagt er. Früher hätten sich potentielle Großkunden zudem um die Skalierbarkeit der Software gesorgt, also darum, ob Nextcloud auch Organisationen mit Millionen Nutzern bedienen kann. „Diese Sorge gibt es eigentlich auch nicht mehr, weil wir sehr große Referenzkunden haben“, sagt Karlitschek. Mit die größten Herausforderungen lägen in der Akzeptanz der Nutzer, gerade im öffentlichen Sektor. „Das habe ich als Techniker lange unterschätzt.“ Er habe gedacht, das Bedienen einer Software könne doch nicht so schwer sein und es sei egal, welche Farbe das Logo habe oder ob ein bestimmter Knopf links oder rechts sei.Zahlreiche Beschwerden haben ihn eines Besseren belehrt. Die Nutzer seien nun einmal die Bedienung der Platzhirsche gewohnt, arbeiteten teils zwanzig Jahre lang mit den gleichen Formularen. Jetzt ist die Textbearbeitungssoftware von Nextcloud in der Farbe Blau aufgemacht, das Tabellenwerkzeug grün und die Präsentationssoftware orange – angelehnt an Microsoft Office, versteht sich.Auch wenn nicht alles so schnell geht, wie Karlitschek es gerne hätte, gibt er sich kämpferisch. „Unsere Mission ist immer noch dieselbe wie am ersten Tag“, sagt er. „Wir wollen die europäische Open-Source-Alternative zu Microsoft und Google werden.“ Das sei am Anfang natürlich „ein bisschen größenwahnsinnig“ gewesen. Inzwischen verdränge man Microsoft aber aus immer mehr großen Organisationen. „Jetzt sind wir so weit gekommen, das erhöht schon den Erfolgsdruck“, sagt Karlitschek.Owncloud schloss nach Karlitscheks Exit im Jahr 2016 seine Zentrale in den Vereinigten Staaten, nur die deutsche Niederlassung überlebte. 2023 wurde sie ausgerechnet vom amerikanischen Techunternehmen Kiteworks übernommen. Für den freiheitsliebenden Frank Karlitschek wäre das natürlich keine Option.Das UnternehmenNextcloud wurde im Jahr 2016 von Frank Karlitschek und Niels Mache in Stuttgart gegründet. Das Unternehmen startete mit zwölf Beschäftigten. Heute arbeiten über die ganze Welt verteilt 165 Menschen für Nextcloud. Schon vor der Pandemie setzte das Unternehmen auf „Remote First“, die Mitarbeiter dürfen also seit jeher auch von zu Hause arbeiten. Der letzte öffentliche Jahresabschluss stammt aus dem Jahr 2023, der Gewinn betrug damals etwa 2,5 Millionen Euro. Der Umsatz liegt heute im mittleren zweistelligen Millionenbereich.
Nextcloud-Chef Frank Karlitschek: „Erfolg ist eine Frage des Maßstabs“
Frank Karlitschek wurde für seine Vision einer europäischen Alternative zu Microsoft Teams und Co. lange belächelt. Heute ist sein Unternehmen Nextcloud ein echter Konkurrent. Aber Karlitschek will mehr.










