Diese Geschichten, wie Fußballer vom Bundestrainer mit der Einladung zur Nationalmannschaft überrascht werden, klingen im Grunde jedes Mal gleich. Und doch sind sie immer verschieden und immer wieder schön. Meistens handeln sie davon, wie die frohe Nachricht plötzlich ins tägliche Leben eines Spielers platzt und ihn in irrationale Zustände versetzt. So wähnte Leipzigs Verteidiger Marcel Halstenberg einst hinter dem Anrufer Jogi Löw einen Mannschaftskollegen mit verstellter Stimme und weigerte sich, die Aufforderung ernst zu nehmen. Mark Uth befand sich gerade im Baumarkt, um Kaminholz zu beschaffen, als der Bundestrainer anklingelte. Das Gespräch brachte ihn so sehr aus der Fassung, dass er sofort zum Auto lief und davonfuhr – ohne Kaminholz. Oder Robin Gosens: Von seiner Nominierung erfuhr er auf einer Autofahrt, und danach hat er „alles und jeden angehupt“.Was Julian Nagelsmann gesagt hat, als er am Freitag der vorigen Woche Assan Ouédraogo anrief und ihm kurzfristig den Platz des verletzten Münchners Lennart Karl im deutschen WM-Kader anbot, ist im Wortlaut nicht bekannt. Ansonsten ist die Szene für die Nachwelt aber bestens überliefert, weil Ouédraogo authentisch darüber informiert hat, als er sich jetzt in Winston-Salem den Medien und dem heimischen Publikum vorstellte. Er verbrachte gerade den Urlaub in Marbella, lag auf der Sonnenliege und entspannte vorbildlich („ich war unfassbar am Chillen“), bis das große Glück klingelte. Doch das erzählt er am besten selbst: „Dann kam der Anruf. Es ging direkt von null auf 180. Ich bin um die Ecke gerannt, damit mich keiner hört. Dann hat er (Nagelsmann) mir gesagt, dass er mich gerne nachnominieren würde. Ich habe mich sofort unfassbar gefreut.“ Offenbar so sehr, dass ihn Nagelsmann fragte, ob er vielleicht betrunken sei. Tatsächlich handelte es sich bloß, so Ouédraogo, um eine „Emotionsexplosion“.Ouédraogo ist kein positionsgetreuer Ersatz für Lennart KarlNicht nur die vielen nebenberuflichen Bundestrainer in der Heimat hatten von ihrem Kollegen Nagelsmann eine andere Wahl erwartet, auch der hauptamtliche TV-Experte Lothar Matthäus fand die vom Nationaltrainer getroffene Wahl irritierend. Warum ein offensiver Mittelfeldspieler anstelle eines echten Offensivspielers?, fragte Matthäus: „Ich hätte an (Saïd) El Mala gedacht, El Mala war mein erster Gedanke.“DFB-Team:WM-Aus für Karl – Ouédraogo nachnominiertLennart Karl zieht sich im Abschlusstraining vor dem Test gegen die USA eine schwerwiegende Muskelverletzung zu und kann die WM nicht spielen. Bundestrainer Julian Nagelsmann nominiert einen Leipziger nach.Dass Lothar Matthäus ein Kenner ist, das ist hinreichend erwiesen. Dass er aber die Ansicht vertrat, Ouédraogu sei kein strategisch adäquater Ersatz für Lennart Karl, zeugt von einer Wissenslücke und ein wenig auch davon, dass RB Leipzig sicher einer der am besten ausgestatteten, aber auch am meisten übersehenen Standorte in der ersten Liga ist, wo selbst der Bundesexperte Matthäus nicht so genau hinschaut. Selbstverständlich ist Ouédraogu ein anderer Spieler als Karl, aber das ist El Mala, Publikumsfavorit nicht nur unter den Anhängern des 1. FC Köln, noch viel mehr. Saïd El Mala, 19, fühlt sich als Linksaußen heimisch und taugt als zweite oder vorderste Spitze. Karl hingegen gehört ins zentrale offensive Mittelfeld oder alternativ auf den rechten Flügel. Hier liegt auch Ouédraogos Einsatzgebiet, wenngleich er selbst den Kreis größer zieht. Lieblingsposition? „Hauptsache auf dem Feld irgendwo.“ Ähnlich grenzenlos beschreibt er seine besonderen Stärken: „Ein bisschen unberechenbar, ein bisschen von allem irgendwas.“Was Nagelsmann über den Linksverteidiger Nathaniel Brown gesagt hat, das treffe auch auf Ouédraogo zu, erklärte dessen Leipziger Mitspieler David Raum: „Er weiß noch gar nicht, wie gut er ist.“ Mit seinen Dribblings, seiner Technik und seinem Tordrang wird der Nachzügler Assan Ouédraogo sicher nicht als Nummer 26 im Bestand geführt werden. Das WM-Debüt ist jederzeit möglich.Warum Nagelsmann auf den Draufgänger El Mala verzichtet, der eine starke Rückrunde gespielt und mit großem Ehrgeiz viel professionelles Basiswissen dazugelernt hat, ist auf Anhieb nicht zu verstehen und auch durch Nachdenken schwerlich zu begreifen. El Mala hätte dem Kader mit seinen Fähigkeiten und seinem Anarchismus eine zusätzliche Option geboten, weshalb die Formel besser nicht Entweder-oder hätte lauten sollen, sondern Sowohl-als-auch. El Mala und Ouédraogo.Fußball-Weltmeisterschaft:Die Nagelsmänner für NordamerikaFlankenkönig, Arbeiter, Dauerläufer, Genie: Der deutsche WM-Kader im Überblick.Ouédraogo wird vom Bundestrainer auffallend geschätzt. Wer den in Mülheim an der Ruhr geborenen Profi am Mittwoch auf der Pressekonferenz erlebt hat, begreift sofort warum. Ouédraogo besitzt Charme und Witz und strahlt viel Lebensfreude aus. „Ein sehr gut erzogener Junge mit sehr guten Manieren“ ist er außerdem, wie Raum zu berichten weiß.Ouédraogo steht für einen geheimen WM-Trend: Er ist Ex-Schalker!Letzteres ist, in fußballerischer Hinsicht, auch das Verdienst eines Lehrmeisters, der bei dieser Weltmeisterschaft als heimlicher Schirmherr firmiert. 0,64 Prozent der 1248 für das Turnier gemeldeten Spieler sind durch seine Fußball- und Lebensschule gegangen: die US-Nationalspieler Weston McKennie und Haji Wright, der Türke Kaan Ayhan, der Bosnier Sead Kolasinac sowie die DFB-Spieler Manuel Neuer, Malick Thiaw, Leroy Sané und Assan Ouédraogu. Die Rede ist also von Schalkes Juniorentrainer Norbert Elgert, 69, über den der Schüler Ouédraogu spricht wie über den strengen, aber trotzdem verehrten Deutschlehrer. Elgert habe ihm „Sachen mitgegeben, die man vielleicht lieber nicht hören wollte“, zum Beispiel, dass er sich Härte aneignen müsse, nachdem ihm wegen seiner herausragenden Begabung alles etwas zu leichtgefallen war.Heute weiß Ouédraogo, dass der Coach recht hatte mit seinen Mahnungen, während sich Norbert Elgert immer noch ärgert, dass er das körperlich bisher nicht ausreichend entwickelte Talent zu früh in die Profiabteilung entlassen hatte. Mit besserer Vorbereitung auf die Karriere, so die These, wären Ouédraogo vielleicht einige der Verletzungen erspart geblieben, die ihn in den vergangenen drei Jahren immer wieder zurückgeworfen haben.Auch in Leipzig, das für den 18-Jährigen rund zehn Millionen Euro bezahlt hatte, fiel Ouédraogo dreimal monatelang wegen Knie- und Muskelblessuren aus. Da zeigte sich dann aber auch die Stärke des Standorts. Wiederaufbau und Reintegration wurden mit Ruhe und Sorgfalt betrieben, Trainer Ole Werner führte den sensiblen Athleten mit dosierten Einsatzzeiten an dessen Leistungsvermögen heran. Trotz der Verletzungen bezeichnet Ouédraogo das vergangene Fußball-Jahr als „das beste meines Lebens“, nun folgt auf das Debüt als Nationalspieler im November auch noch die Weltmeisterschaft. Im Moment, sagt er, sei schon das Dabeisein eine „unfassbare Ehre“.