Eine Reise zu den Gärten der Wunder in der Schweiz beginnt in der Kartause Ittingen und mit der Geschichte eines Sitzstreiks, des ersten dokumentierten im Kanton Thurgau. Er trug sich im Jahr 1471 zu, als die Kartäuser-Mönche den Frauen das Portal vor der Nase zuschlugen. Man wollte sie nicht mehr in die Kirche einlassen. Also blieben sie einfach davor hocken, und sie hielten durch, bis sich die eidgenössische Regierung bereit erklärte, auf dem Hügel über der Kartause eine neue Kapelle für sie zu bauen. Offiziell heißt sie St. Martin, inoffiziell Frauenkirche. Ein 185 Stufen steiler Treppenweg – die Himmelsleiter – führt durch den Kirchwingert hinauf. Blauburgunder wächst hier neben einem aufgelassenen Weinberg, in dem sich wieder Ungezähmtes breitmachen darf. Neben St. Martin liegt eine Caféterrasse mit Sonnenschirmen und Blick über bewaldete Hügel und das glitzernde Band der Thur bis zum Säntis. Am Fuß des Hügels sieht man die Kartause, eingerahmt von Gemüsefeldern, Fischteich, Mühle, Barockgarten, Baumwipfel, Glockentürmchen und weißen Mauern.Vom Innern der Kartäuserkirche, wie sie sich heute zeigt, bekamen die Bauern, männliche wie weibliche, auch vor dem Sitzstreik nicht viel zu sehen. Sie mussten im Vorraum verharren, zwei Schranken trennten sie vom Chor der Mönche mit dem Hochaltar, in den nur die keuschen Kartäuser einzogen. Seine Säulen, Fresken und Statuen, seine ganze in Gold und Himmelblau, Himbeerrot und Sahneweiß schäumende barocke Herrlichkeit ist das spirituelle Gegenprogramm zu der langen Reihe grauer Giebelhäuschen am Rand der Kartause. Jeder Mönch lebte dort nach strengen Regeln, allein und schweigend. Auch in seinem zugeschnittenen Gärtchen hinter dem Haus durfte keine Silbe gesprochen werden, weder mit sich selbst noch mit den Vögeln oder gar dem Mitbruder nebenan. Rosenbögen und gestutzte Hecken rahmen heute Päonien, Iris und Akelei. Und dort, wo Hainbuchenhecken Grenzen andeuten, standen zu Klosterzeiten Mauern, eine besonders hohe Richtung Süden, die den Mönchen den Ausblick auf Gottes schönes Alpsteingebirge versperrte. So streng war das Klosterleben.Die größte Rosensammlung der SchweizHeute ist das ganz anders: freundlich, gastlich, tröstlich, barmherzig. Die Kartause Ittingen ist Hotel, Restaurant, Denkmal und Kulturzentrum, ein Ort für Kunst, Gespräch und zugleich für betreutes Wohnen und Arbeiten. Ihre Fachwerkhäuser rund um den Platz mit dem Brunnen sind alt geblieben. Auf der Wiese vor der Kirche weiden braune Engadiner Schafe, und die Gärten – da sind wir endlich – sind eine Pracht: voller Blumen, Kräuter und Spalierobst, mit einem Labyrinth aus Thymian-Polstern. Mehr als 130 Kräuter werden in der Gärtnerei vermehrt und in den ehemaligen Zellen getrocknet. Deshalb riecht es in den Gewölbegängen so gut wie noch nie in den vergangenen 900 Jahren. Außerdem beherbergt die Kartause die größte Rosensammlung der Schweiz: mehr als 1000 Stöcke, mehr als 250 Sorten entlang der Südmauer im Barockgarten, die exquisite Namen tragen: Ghislaine de Feligonde, Felicité Parmentier, Tuscany superb, Pompon de Bourgogne. Das erste Wunder.Wenn der Kanton Thurgau mit den meisten Rosen angibt, darf sich der Kanton Tessin der umfangreichsten Sammlung von Azaleen und Rhododendren rühmen. Vom Dorf Carona mit seinem Kopfsteinpflaster und den Mauern in mürben Farben steigt man auf 680 Höhenmeter hinauf zum 200.000 Quadratmeter großen Parco San Grato über dem Luganer See, zu einem Gipfel, den im April und Mai eine lockere Mütze in Weiß, Rot, Rosa und Gelb deckt: blühende Gehölze, baumgroß und dschungeldicht. Wer nach der Rhododendron-Blüte kommt, sieht auch die vielen exotischen Koniferen und kann auf einem der Themenwege zu Skulpturen zeitgenössischer Künstler wandeln bis hinauf zu dem Wiesenplateau, auf dem sich drei monumentale, rostrote Cortenstahlreifen von Luca Minotti in einer prekären Schwebe halten: Senza titolo.Die Harmonie von Kunst und Natur: Luca Minottis monumentale Skulptur im Parco San Grato.MauritiusVor 1943 war der Parco San Grato ein Wald und sah vermutlich so tessin-typisch aus wie der Monte San Salvadore und der Monte Arbòstora, die ihn umstehen: Grauer Fels ragt aus grünem Gestrüpp. Dann kaufte der Schweizer Martin Winterhalter das Gelände, stellte seine Pferde unter und begann verschwenderisch zu pflanzen – vermutlich nicht er selbst, sondern ein Heer von Gärtnern, denn Winterhalter war der Erfinder des modernen Reißverschlusses und hatte das Werk RiRi (Rippen und Rillen) in Mendrisio zu leiten. Leider funktionierte sein übriger Verstand nicht so gut wie seine Erfindung. Er beharrte auf verschwenderischen Gesten, auch nachdem sein Patent verfallen war. Seine Familie ließ ihn entmündigen. Er war dagegen. Einmal noch gelang ihm die Flucht aus der Psychiatrie, dann hatten sie ihn. Allerdings hatte er vorgesorgt und mit seinem Geld rechtzeitig eine Stiftung zur Förderung von Forschung, Wissenschaft, Kunst und Kultur gegründet. Zwar war es vor allem sein Nachfolger, der die Botanik auf dem Berg erst richtig zum Glühen brachte, aber ohne Winterhalter kein Parco San Grato. Wunder Nummer zwei. Ehre seinem Namen.Ein Loblied auf die ExzentrikDen eigenen Mammon in so etwas Vergängliches wie Pflanzen zu investieren, erfordert eine gewisse Exzentrik, für die man ihren unbesonnenen Schöpfern dankbarer ist als jenen, die Triumphbögen oder Ballsäle zu ihrer Unsterblichkeit errichten lassen. Dabei haben es exzentrische Gartenliebhaber ausgezeichnet verstanden, Bögen und Säulen anspielungsreich mit der Botanik zu verbinden – wie der Textilgroßhändler Hermann Arthur Scherrer, der in Morcote am Luganer See zwischen 1930 und 1956 seinen „Garten der Wunder“ anlegte. Er tat es zur eigenen Erbauung, aber auch, um weniger Wissende an seinem Kunstverstand und seinen Reisen teilhaben zu lassen.Spektakuläre Kulisse: In Morcote am Luganer See ließ ein Textilgroßhändler seinen „Garten der Wunder“ als terrassiertes Gesamtkunstwerk anlegen.MauritiusScherrers Garten, der in Terrassen über dem See ansteigt, ist ein Gesamtkunstwerk aus exotischen Pflanzen und Bäumen – Palmen, Glyzinien, Zedern und Magnolien – und Zitaten klassischer Bauwerke, die sich im Grün verbergen: der Tempel der Nofretete, stark verkleinert mit einer Kopie ihrer Büste; das antike Erechtheion der Akropolis im Maßstab 1:4; ein indischer Palast mit Wasserbecken, über dem die Heilige Kuh von Mysore von der Größe eines Kälbchens lagert. Man legt die Hände an die Schläfen und späht durch die Scheiben in den Salon eines Moguls. Brannte in diesem ornamentalen Kamin jemals ein Feuer? Saß der Hausherr rauchend in jenem Sessel neben dem Elefanten-Stoßzahn? Ließ er sich im siamesischen Teehaus ein Tässchen Oolong reichen? Oder war das alles nur architektonische Spielerei und wunderliche Kulisse? Nach seinem Tod schenkte Scherrers Witwe den Garten der Gemeinde Morcote. Nun ist er ein Park für alle. Graue Flechten überziehen die marmorne Göttin am Fuß der Treppe. Jemand hat ihr eine blaue Blüte in die Armbeuge gesteckt; ein Bewunderer.Ein Park, der einmal nur der eigenen Augenweide diente, liegt auf der Brissago-Insel im Lago Maggiore. 1885 hatte die Baronin Antoinetta Saint-Léger, angeblich eine illegitime Tochter des letzten Zaren, die beiden Inselchen südöstlich vor Porto Ronco gekauft. Auch Madame war eine Meisterin der großen Geste. Nicht nur warf sie ihr Vermögen zum Fenster hinaus, als sie unvorstellbare Ladungen guter Erde auf die Felsbuckel transportieren, Zypressen, Palmen, Baumfarne, Rhododendren, Eukalyptusbäume, Mimosen, Bambus und Zitrusfrüchte pflanzen ließ. Sie finanzierte auch wahnsinnige Unternehmen wie die Gewinnung von Öl aus Heuschrecken und Alkohol aus Torf bis zum bitteren Ende. Als 1927 nichts mehr auszugeben war und sie Brissago verkaufen musste, richtete ihr der neue Besitzer, der Hamburger Kaufhaustycoon Max Emden, eine Mühle am Ufer von Ronco als Altersasyl ein. Von dort aus konnte sie ihre geliebten Inseln betrachten.Was Madame Saint-Léger sah, war der Bau einer klassizistischen Villa mit Arkaden und Balustraden und einer Reihe von Statuen auf dem Dach. Was sie nicht sah, aber wovon bald jeder sprach, war das Treiben hinter den Mimosenhecken. Max Emden lud junge Frauen auf seine Insel ein, die ohne Hemden und im Lichtkleid, wie fortschrittliche Kreise damals das fehlende Textil nannten, durch die Botanik sprangen. Im ehemaligen Gemüsegarten auf einer Terrasse über dem See entstand ein von Mauern gerahmtes „römisches Bad“, und das Bild, das sich die Nachwelt von Brissago macht, ist das Foto dreier gut gebräunter Mädchen, von denen sich zwei nackt mit neckisch zusammengedrückten Knien und verschraubten Rücken über ein Geländer im offenen Mauerbogen neigen und auf den Lago Maggiore schauen. Bundeskanzler Konrad Adenauer, der 25 Jahre später auf dem Monte Verità über Ascona Urlaub machte, posierte in Hut, Stock und Überzieher vor demselben Geländer und nannte den Blick durch den Mauerbogen „eine der schönsten Aussichten Europas“.Emden hatte seinen Leitspruch „Auch Leben ist eine Kunst“ ans Bootshaus schreiben lassen. Er machte sich nicht viel aus der vorhandenen Hortikultur, schätzte den Park jedoch als Rahmen für seinen feudalen Stil. Heute ist die Villa Emden ein Hotel und Brissago der botanische Garten des Kantons Tessin. Am Steg legt die Fähre aus Locarno, Ascona und Porto Ronco fahrplanmäßig an. Zwischen den majestätischen Erbstücken der Baronin gedeihen 1700 Pflanzen aus fünf Kontinenten, von der umfangreichen Magnolia grandiflora bis zum winzigen blauen Leinkraut im Rasen.Eine Reihe chinesischer Hanfpalmen entlang der Aussichtsterrasse zum See wurde indessen gefällt. Die schöne strubbelige Palme, so allgegenwärtig im Tessin, ist ein invasives Gewächs, das die heimischen Arten verdrängt und mit ihren trockenen Wedeln die Waldbrandgefahr erhöht. Nachdem sie jahrelang als Zierde gepflanzt worden war, wird sie nun überall ihrer Blüten beraubt, abgesägt, entfernt und ausgejätet. Doch Trachycarpus fortunei ist eine Überlebenskünstlerin. Sie zu besiegen, wäre ein wahres Wunder.
Schweiz: Vier wundersame Gärten voller Schönheit und Exzentrik
Bei der Gestaltung eines Gartens erweist sich Exzentrik als hilfreich, besonders wenn es um ganze Gipfel oder Inseln geht. Vier Beispiele aus der Schweiz bestätigen das eindrücklich.
Vier Schweizer Gärten entstanden aus Sammler-Leidenschaft: Kartause Ittingen (1000+ Rosen), Parco San Grato (200.000m² Rhododendren), initiiert von Winterhalter, Erfinder des Reißverschlusses. Exzentrische Visionen, in Pflanzen statt Denkmäler investiert, schaffen bleibenden Kulturwert.







