Interview«In hundert Jahren werden Historiker die KI interviewen, um Epochen zu erforschen»Mönche, Modelle, Metadaten – der Computerwissenschafter Damian Borth spricht im Interview darüber, warum es für die Menschheit so wichtig ist, dass die künstliche Intelligenz in die Stiftsbibliothek St. Gallen einzieht.12.06.2026, 05.34 Uhr6 LeseminutenDie Stiftsbibliothek in St. Gallen wurde zwischen 1758 und 1767 erbaut und kunstvoll ausgestattet. Sie beherbergt 2000 Handschriften, 1635 Inkunabeln und fast 100 000 Bücher.Brandstätter / Hulton / GettyDas Internet Archive, bekannt für die Archivierung des gesamten Netzes, schlägt ein neues Kapitel in der Schweiz auf. Es wird in der Stiftsbibliothek St. Gallen angesiedelt. Sie wollen dort Versionen von öffentlich verfügbaren LLM archivieren – also grosse Sprachmodelle wie Chat-GPT-oss, Gemini-gemma oder Llama. Warum reicht es nicht, die Texte zu speichern, auf denen diese KIs trainiert wurden?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ich verstehe diese Modelle als eine Art komprimierte Version des Internets. Sie lernen auf der gigantischen Datenmenge unseres digitalen Zeitalters, fügen aber eine entscheidende, oft unbekannte Variable hinzu: die Art und Weise, wie sie trainiert wurden und wie sie gewichtet werden. Ihr Einfluss auf das Individuum und die Gesellschaft ist immens. Sie sind kulturelle Artefakte. Wir müssen sie für nachfolgende Generationen aufbewahren, damit diese in 50 oder 100 Jahren verstehen können, warum wir heute bestimmte Entscheidungen getroffen haben oder wie unsere Meinungsbildung funktionierte.Sie sprechen da gerne von «digitaler Archäologie». Wie unterscheidet sich das Studium eines KI-Modells vom Studium einer mittelalterlichen Handschrift?Wenn ich ein Buch lese, das vor 2000 Jahren geschrieben wurde, kann ich den Autor nicht mehr fragen. Bei einem archivierten Sprachmodell ist das anders. Wir speichern nicht nur die Daten, sondern auch die «Gewichte» des neuronalen Netzes. Das ermöglicht künftigen Historikern das sogenannte «Probing».Was ist das?Man kann das Modell auch in Jahrzehnten noch mit Fragen testen. Es ist eine völlig neue Art des Quellenstudiums. Mit dem richtigen Verfahren kann man nachvollziehen, welche Antworten von den Entwicklern der grossen Sprachmodelle bevorzugt wurden – und welche nicht. Wir lesen nicht nur den Text, wir befragen das digitale Bewusstsein einer Epoche.Zur PersonPDDamian BorthProf. Dr. Damian Borth, 45, ist Professor für AI and Machine Learning sowie Direktor am Institut für Computer Science der Universität St. Gallen (HSG). Er promovierte an der TU Kaiserslautern. Als Experte für Deep Learning gilt er als Vordenker für Weight-Space-Learning, bei dem KI-Systeme aus vorhandenen KI-Modellen lernen. Neben der Forschung ist Borth Stiftungsrat des Internet Archive Switzerland. In dieser Rolle leitet er die Bestrebungen, KI-Modelle als kulturelles Erbe langfristig zu sichern, etwa in der Stiftsbibliothek St. Gallen.Sprachmodelle sind, sagen Sie, nie neutral. Sie haben «guardrails», also eingebaute Sicherheitsmechanismen, und spiegeln somit die kulturellen Werte ihrer Entwickler wider.Richtig. Genau deshalb ist die Archivierung so wertvoll. Ein Modell, das in den USA trainiert wurde, reagiert bei Fragen zu Politik, Geschlecht oder Religion anders als eines aus China. Heute merken wir vielleicht gar nicht, in welche Richtung wir durch diese Modelle gedrängt werden. Wenn wir diese Modelle aber einfrieren und archivieren, können wir später analysieren: Welche Konsumentenmarken wurden favorisiert? Welche Politik war tief in den Gewichten verankert?Wenn Sie nur ein einziges Modell für die nächsten 500 Jahre im Keller der Stiftsbibliothek retten dürften, welches wäre das?Das erste Llama-Modell des Unternehmens Meta.Warum?Es war ein Wendepunkt. Ursprünglich wurde es nicht als Open Source veröffentlicht, sondern es «leakte». Meta hatte damals Angst um den Marktwert der Firma. Doch dann passierte das Gegenteil: Man erkannte, dass Meta KI kann, und der Aktienkurs stieg. Es widersprach allem, was man in Wirtschaftsbüchern über den Schutz von geistigem Eigentum lernt. Zudem war diese frühe Version des Modells noch nicht so stark durch heutige Sicherheitsvorgaben glattgebügelt. Es ist ein unverfälschtes Dokument der Anfangstage.Bei Ihnen schwingt die Sorge über eine «digitale Demenz» mit. Haben Sie Angst, dass wir unser Gedächtnis verlieren, wenn wir die KI-Modelle nicht archivieren?Wenn wir die Modelle jetzt nicht systematisch sichern, ist das Wissen über ihre Entstehung weg. Ich würde gerne von der gesamten Schweizer Bevölkerung wissen: Was sind die 100 Fragen, die wir jedem Sprachmodell stellen sollten? Wenn wir die Antworten auf diese 100 Fragen aus den unterschiedlichen KI über Jahre dokumentieren, verstehen wir, wie sich die Technologie verändert und wie sehr uns die KI beeinflusst.Verändert die KI auch Ihren persönlichen Denkprozess?Absolut. Als Akademiker ist es schwer zu akzeptieren, dass ein Modell einen Text oft besser formulieren kann als man selbst.Also werden Sie bald von einer KI abgelöst?Das glaube ich nicht. KI macht mich besser. Ich nutze KI heute als Sparringspartner für Gedankenstrukturen. Aber ich zwinge mich, den Kern meiner Ideen selbst aufzuschreiben. Die Gefahr ist gross, dass wir den Denkprozess komplett auslagern. KI ist in den Schulen und Unis wie der Taschenrechner. Aber wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu viel an die Maschine abgeben und damit die Fähigkeit verlieren, uns zum Beispiel durch eine Schreibblockade durchzubeissen. Denken kann anstrengend sein, wie ein Besuch im Fitnessstudio – aber wenn ich regelmässig hingehe, fällt mir das Training immer leichter, und es beginnt, Spass zu machen. Genauso ist es mit dem Denken auch.Ein wichtiger Aspekt Ihrer Forschung ist die Nachhaltigkeit. Sie wollen Modelle nicht nur archivieren, sondern wiederverwerten. Wie funktioniert das?Wir verbrauchen heute gigantische Mengen an Rechenleistung, um Modelle immer wieder aus grossen Datenmengen zu trainieren. Meine Idee ist: Warum trainieren wir neue Modelle nicht auf den Gewichten aller alten Modelle? Wir haben in einer aktuellen Arbeit gezeigt, dass wir so bis zu 20-mal schneller vorankommen können. Statt 12 000 GPU-Stunden brauchen wir nur noch 200 bis 300. Das ist eine massive Einsparung von Energie.Es gibt die Theorie des «Daten-Inzests»: Wenn KI mit Daten trainiert werden, die bereits von KI erzeugt wurden, degenerieren die Modelle. Besteht diese Gefahr auch beim Training auf Modellgewichten?Das ist ein legitimer Einwand. Wenn man Fehler immer wieder mitkopiert, landet man irgendwann bei durchschnittlicher Qualität. Man wird deshalb immer menschengemachte oder echte Daten zur Balance brauchen. Bei Modellgewichten sehe ich aber ein ganz anderes Problem. So wie es bei Software schädliche Programme gibt, so gibt es bei KI auch potenziell schädliche neuronale Netze. Wir werden also auch eine Art «Antiviren-Software» für neuronale Netze entwickeln müssen. Um das zu ermöglichen, müssen wir zuerst in der Lage sein, einen Fingerabdruck für diese Netze abzunehmen. Erst dann können wir lernen, zu verstehen, welche Teile gut und welche schädlich sind. Archivierte Modelle sind die Basis für diese Forschung.Kommen wir zum Standort. Warum ist die Schweiz – und speziell die Stiftsbibliothek St. Gallen – der richtige Ort für das Internet Archive?Die Schweiz gilt als neutrales Land mit einer stabilen Gesetzgebung. Das ist ein Standortvorteil für bedrohte Archive. In den USA gibt es beispielsweise Bestrebungen, Satellitendaten zum Klimawandel zu löschen, weil die Existenz des Klimawandels dort politisch instrumentalisiert wird. Die Kombination in St. Gallen ist zudem einzigartig: Hier trifft eine über tausendjährige Tradition des Bewahrens – das Stiftsarchiv – auf die digitale Welt. Bruce Kahle, der Gründer des Internet Archive, sieht sich primär als Bibliothekar. Es ist eine Brücke zwischen Pergament und Code.Ist die Schweiz in der gegenwärtigen geopolitischen Lage wirklich noch der sichere Hafen?Die Schweiz ist im internationalen Vergleich heute immer noch einer der sichersten und politisch stabilsten Orte der Welt. Zudem halten wir hier sehr viel von Föderalismus; dezentrale Strukturen spielen in der Schweiz eine grosse Rolle. Digitale Daten sichert man durch Verteilung. Es ist auch ein politisches Statement für die Demokratisierung der KI. Wir wollen nicht, dass nur einige wenige Big-Tech-Unternehmen in den USA oder China kontrollieren, was vom digitalen Erbe übrig bleibt.Wohin bewegt sich die KI als Nächstes? Viele sprechen von einer «Blase», die platzen könnte, weil uns die Trainingsdaten ausgehen.Die Industrie antwortet darauf mit «Weltmodellen». Wenn das Internet leer gelesen ist, schickt man KI-Agenten in simulierte oder die physische Welt, um dort durch Erfahrung zu lernen. Das erklärt den derzeitigen Trend der Robotik. Meiner Meinung nach wird es noch viel spannender, wenn sich die KI aktiv an der Forschung zu naturwissenschaftlichen Themen in der Physik, Chemie oder Biologie beteiligt. Das kommt dann als Nächstes.Sie sprechen hier von den Grossprojekten von Tech-Milliardären wie Elon Musk und Jeff Bezos.Genau. Elon Musk verspricht Millionen von Robotern bis 2030. Das wird die Marktdynamik fundamental verändern. Wir brauchen dann keine riesigen Rechenzentren in Kalifornien mehr, sondern Rechenleistung direkt am Roboter – dezentral und effizient. Europa hat die ersten beiden Wellen der KI weitgehend verpasst. Bei dieser dritten Welle, wo es um Engineering und physische Präsenz geht, haben wir eine echte Chance. Wir sollten jetzt Gas geben.Passend zum Artikel