Spielt er, oder spielt er nicht? Vor dem ersten WM-Spiel der Deutschen wird wieder einmal über den Goalie Manuel Neuer diskutiertVier Torhüter sind im deutschen WM-Camp. Neuers Protégé Jonas Urbig ist als Trainingsgoalie mitgereist.11.06.2026, 15.02 Uhr6 LeseminutenWärmt sich auf: Manuel Neuer. Ob nur für das Training oder auch für das Spiel, ist nicht bekannt.Scott Coleman / ImagoWie geht es eigentlich Manuel Neuer? Diese Frage kann vermutlich nur Neuer selbst beantworten, aber es ist diejenige, die im deutschen WM-Quartier in Winston-Salem im amerikanischen Süden häufiger gestellt wird als jede andere. Das hat Gründe. Denn um die Verfassung des Bayern-Keepers stand es noch vor wenigen Tagen nicht zum Besten: Im letzten Testspiel der deutschen Mannschaft gegen die USA stand Oliver Baumann zwischen den Pfosten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die fehlende Antwort vergrössert den Spielraum für Spekulationen. Allenfalls könnte Rudi Völler eine liefern, der Sportdirektor des Deutschen Fussball-Bundes (DFB). Er ist nah an der Mannschaft, und er wusste natürlich, dass ihm diese Frage auf der ersten Medienkonferenz des DFB im WM-Quartier gestellt werden würde. Als sie gestellt wird, setzt Völler ein Pokerface auf – die Tendenz ist positiv: «Um Manuel müssen wir uns alle keine Sorgen machen.»Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenVöller schwärmt von NeuerCuraçao – so heisst der erste Gegner der Deutschen an dieser Weltmeisterschaft; in Houston, Texas, trifft das DFB-Team am Sonntag auf den Aussenseiter (19 Uhr MESZ). Schliesslich, so hat es den Anschein, sei es der Torhüter selbst, der entscheide. Völler: «Auch wenn er jetzt kein Testspiel mehr macht: Wir reden hier über Manuel Neuer! Er ist ein Weltklasse-Torhüter, der in seiner Karriere bereits alles erlebt und genug Erfahrung hat. Er wird ein Super-Turnier spielen, davon bin ich überzeugt.»Was Völler über den Torhüter formuliert, streift die Grenze zum Urvertrauen in die Fähigkeiten eines Spielers, der mit 40 Jahren längst nicht mehr jung ist und, vor allem in den letzten Jahren, eine beachtliche Verletzungshistorie angesammelt hat. Im letzten Saisonspiel der Fussball-Bundesliga zerrte sich Neuer die Wade; sein Stellvertreter Jonas Urbig sprang ein und bestritt anstelle der Nummer eins auch den Pokalfinal in Berlin gegen den VfB Stuttgart.Nahezu unzertrennlich präsentieren sich der legendäre Keeper und sein prädestinierter Nachfolger nicht nur im Klub, sondern auch an der Weltmeisterschaft: Oft werden sie zusammen gesehen; Urbig veröffentlichte auf seinem Instagram-Kanal sogar ein Selfie, das die beiden vor einem Spiegel zeigt.Nahezu unzertrennlich: Manuel Neuer (rechts) und sein prädestinierter Nachfolger bei Bayern, Jonas Urbig (links).Maryam Majd / ReutersVertreten wird der 22-Jährige sein Idol nicht. Dass er überhaupt in die USA mitgereist ist, ist das Ergebnis einer monatelangen Posse um die Nummer eins im deutschen Team, das offiziell mit drei, de facto aber mit vier Torhütern angereist ist: Urbig nimmt die Rolle des sogenannten Trainingstorhüters ein, in die er sich klaglos fügt. Bei der öffentlichen Übungseinheit vor 3500 Zuschauern auf dem Campus der Universität von Winston-Salem stand er in einem Trainingsspiel im Tor, während sich am gegenüberliegenden Ende des Platzes die drei offiziell gemeldeten Torhüter gegenseitig beschäftigten: Manuel Neuer, Oliver Baumann und Alexander Nübel – so lautet die offizielle Hierarchie im deutschen Team.Bloss wäre es falsch, Oliver Baumann aus Hoffenheim als Neuers Stellvertreter zu betrachten. Denn im Grunde handelt es sich um nicht mehr und nicht weniger als eine degradierte Nummer eins: Als faktische Nummer eins hatte er sich in den letzten beiden Jahren betrachten dürfen, als es den Anschein hatte, dass Neuer seine Karriere im Nationalteam beendet hatte. Erst auf den letzten Metern tauschte der Nationaltrainer Julian Nagelsmann den geduldigen Baumann aus, der bis zuletzt treu versicherte, dass er über keine andere Information vom Bundestrainer verfüge als die, dass er die Nummer eins sei.Baumann wurde degradiertNun ergab sich durch die Verletzung Neuers eine paradoxe Situation: Er absolvierte keines der beiden Vorbereitungsspiele. Baumann, zur Nummer zwei degradiert, versah den Job zuverlässig. Sollte Neuer tatsächlich zum Beginn der Vorrunde nicht belastbar sein, so kann sich eine Situation ergeben, wie sie der deutsche Fussball noch nicht gesehen hat. Dann würde mit Baumann ein Mann im Tor stehen, dem das Vertrauen, eine herausragende Nummer eins zu sein, vom Nationaltrainer erst wenige Wochen zuvor entzogen wurde.Dabei ist fraglich, warum sich beide Seiten, Neuer wie Nagelsmann, auf dieses Spiel eingelassen haben. Den Trainer und den Spieler verbindet eine Vorgeschichte, die nicht frei von Konflikten ist. 2022 – Nagelsmann war im zweiten Jahr Trainer des FC Bayern – verletzte sich Neuer nach dem Ausscheiden an der Fussball-Weltmeisterschaft in Katar auf einer Skitour schwer.Das Schienbein war gebrochen, Neuer fiel vier Monate lang aus; erst im darauffolgenden Dezember – da war Nagelsmann längst entlassen – feierte er sein Comeback. Nagelsmann hatte Neuers Abwesenheit genutzt, um sich dessen langjährigen Vertrauten, dem Torhütertrainer Toni Tapalović, zu entledigen und seinen alten Weggefährten Michael Rechner aus Hoffenheim bei den Bayern zu installieren. Der gekränkte Neuer widersprach in der «Süddeutschen Zeitung»: Man habe ihm «das Herz herausgerissen». Die Wunde aber verheilte schnell; an der EM 2024 war Neuer Nagelsmanns Nummer eins.An der Europameisterschaft 2024 war Manuel Neuer die unbestrittene Nummer eins im deutschen Tor.Nick Potts / ImagoDas Vertrauen des Nationaltrainers in die Fähigkeiten des Routiniers scheint gewaltig. Denn im Grunde hat er Neuer unausgesprochen einen Stammplatz garantiert. Dabei hätte er durchaus Alternativen gehabt. Allerdings hätten diese eine gewisse Courage erfordert, denn das Risiko wäre hoch gewesen. Man hätte etwa den U-21-Nationaltorhüter Noah Atubolu zur Nummer eins machen können, oder – besonders wagemutig – Neuers Stellvertreter Jonas Urbig, der beim FC Bayern immer dann einen tadellosen Job versah, wenn es Neuer hier und dort zwickte, was in der vergangenen Saison häufiger der Fall war, und zwar mit steigender Tendenz.Nicht nur Verletzungspausen gaben dem jungen Kölner die Gelegenheit zum Einsatz, auch trat der Routinier freiwillig das eine oder andere Spiel ab, wodurch sich eine sehr spezielle Aufteilung ergab: Der Vorgänger arbeitet seinen Nachfolger unter Wettkampfbedingungen ein – und führt ihn so, Schritt für Schritt, an das höchste Niveau heran. So kann man durchaus fragen: Wäre ein Torhüter, auf den die Bayern in der Champions League und in einem Cup-Final vertrauen, nicht prädestiniert, auch im Nationalteam die Nummer eins zu sein?Auf den ersten Blick mag eine solche Entscheidung mit grossem Risiko behaftet sein. Fraglich ist allerdings, ob das Risiko, das Nagelsmann eingeht, tatsächlich grösser ist, als im vierten oder fünften Spiel – sofern das deutsche Team so weit kommt – einen Torhüter einzusetzen, der Tage zuvor noch Mühe hatte, am Mannschaftstraining teilzunehmen.Gewiss wäre eine solche Entscheidung beispiellos. Allerdings hat es gerade in der Geschichte der deutschen Nationalmannschaft immer wieder Situationen gegeben, in denen Trainer sich genötigt sahen, Entscheidungen zu treffen, die sich nicht auf den ersten Blick erschlossen.Klinsmann entschied sich 2006 gegen KahnDer Nationaltrainer Jürgen Klinsmann rief vor der Fussball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland den Wettstreit zwischen Jens Lehmann und dem bis dahin unantastbaren Oliver Kahn aus – Klinsmann kategorisierte in Nummer 1 a und Nummer 1 b. Lehmann gewann, und Klinsmann durfte sich durch die Leistungen des Torhüters im Turnier bestätigt sehen. Allerdings war das Risiko für Klinsmann von überschaubarem Ausmass: Lehmann war als Stammtorhüter der «Invincibles» von Arsenal einer der besten Torhüter Europas – und bekräftigte im Turnier, dass Klinsmann richtig lag.Die gegenwärtige Situation bewertet Klinsmann denn auch ein wenig anders als die Entscheidung, die er damals zu treffen hatte. Hier geht es schliesslich nicht darum, die Verfassung zweier Weltklasse-Torhüter zu beurteilen. Der Status Neuers rechtfertige dessen herausgehobene Stellung: «Wenn Manuel Neuer auch nur Normalform hat, gehört er immer noch zu den Top drei der Welt. Er hat eine gigantische Erfahrung und ist nach wie vor schnell unten mit einem unglaublichen Reaktionsvermögen. Da ist alles da.»Die Entscheidung, Neuer bei vollen Kräften aufzubieten, sei für einen Nationaltrainer im Grunde geboten: «Manuel Neuer spielt beim FC Bayern – das ist einer der Top-5-Klubs der Welt, ohne Wenn und Aber. Beim FC Bayern würde niemand über Manuel Neuer diskutieren.» Im Grunde, sagt Klinsmann, verdiene Neuer Hochachtung: «Er gehört zu dieser Generation von Spielern, die mit vierzig noch Phänomenales leisten und in eine WM gehen, siehe Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi. Manuel gehört dazu. Von daher ist diese harte Kritik ihm gegenüber nicht in Ordnung.»Herberger spielte die WM mit einem Zweitliga-GoalieAls Hasarderie dagegen kann die Nominierung des unerfahrenen Wolfgang Fahrian im Jahr 1962 gelten: Der Bundestrainer Sepp Herberger nahm den Unmut des Dortmunders Hans Tilkowski in Kauf, der seinerzeit eine etablierte Stammkraft war, und berief den damals 21-jährigen Ulmer Torhüter eines Zweitligisten. Gute Leistungen in der WM-Vorbereitung liessen ihn schliesslich im Turnier in Chile zum Stammtorhüter werden. Anders als viele seiner Nachfolger, die der Nummer eins im deutschen Tor eine Art Gewohnheitsrecht einräumen, hielt Herberger von solchen Garantien nicht viel: In die Weltmeisterschaften 1954, 1958 und 1962 ging er jeweils mit einem anderen Torhüter.Passend zum Artikel
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