Beschwingt, aber nicht originell: Mit Shakira wird im Aztekenstadion von Mexiko die Fussball-WM eröffnetBeim Programm ging die FIFA kein Risiko ein. Der heimliche Star war das Stadion.Stefan Osterhaus, New York12.06.20264 LeseminutenGoldig ging es während der Eröffnungsfeier im Aztekenstadion von Mexiko zu.APEs gibt Situationen im Fussball, die für manchen wie ein Déjà-vu wirken. Die Ereignisse ähneln sich geradezu aufs Haar, als wären sie kopiert und in eine andere Zeit versetzt worden. Szenen, die miteinander verglichen werden, Reaktionen und Spielverläufe – all das gehört zum festen Repertoire der Diskussion um den Fussball. Seltener, ja eigentlich nie, kommt dies vor, wenn es sich um das Rahmenprogramm des eigentlichen Ereignisses handelt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Ein typisches Shakira-StückAber es kommt vor, so wie am Donnerstag in Mexico City im Aztekenstadion, das auch nach seiner Runderneuerung das Prädikat «ehrwürdig» voll und ganz verdient. Shakira, die kolumbianische Sängerin, trat auf und führte gemeinsam mit dem Sänger Burna Boy den offiziellen WM-Song «Dai Dai» auf. Ein typisches Shakira-Stück, rhythmisch, stampfend, mit einem eingängigen Refrain, der einem nicht so schnell aus dem Kopf geht. Und doch kam es einem so vor, als habe man das alles schon einmal gesehen, ja auch gehört.Der Eindruck trügt nicht. 2010, in Südafrika, führte Shakira ihren WM-Song «Waka, Waka» auf. Zwar würde es die Ehre der Künstlerin verletzen, zu behaupten, dass sich die Songs nicht unterscheiden. Aber es wirkte schon etwas so, als habe die Sängerin bei sich selbst abgeschrieben – bis hin zur der Choreografie des Tanzes auf der Bühne.Shakira ist demzufolge eine Weltmeisterschaftsveteranin des Rahmenprogramms. Und obwohl der mexikanische Fussball so viele Eigenheiten hat, die denjenigen nicht ersichtlich sind, die sich nicht ständig damit beschäftigen, war es kein einheimischer Künstler, keine mexikanische Sängerin, die den Abend bestimmte – die US-Mexikanerin Lila Downs und die Rockband Maná wurden in die zweite Reihe verwiesen.Die Frage, die auf der Hand liegt, lautet: Warum überlässt man die Bühne nicht ausschliesslich inländischen Künstlern, sondern holt einen internationalen Superstar, für den es zudem kein Novum ist? Die Antwort kann eigentlich nur darin liegen, dass zu einem globalen Konzern wie der FIFA auch ein Sounddesign gehört, das irgendwie wiedererkennbar ist.Dabei soll die Klage nicht allzu laut geführt werden. Man hätte es sehr viel schlimmer treffen können als mit Shakira. Der Profifussball ist ihr aus nächster Nähe bestens vertraut – durch ihre lange Beziehung mit dem ehemaligen Barça-Innenverteidiger und spanischen Weltmeister Gerard Piqué. Kein Fehlschlag, dafür war das Niveau der Beiträge zu hoch, die Choreografie zu perfekt, allerdings auch alles andere als ein Entwurf mit Originalität oder Risikobereitschaft.Alles in allem: ziemlich konventionell war der mexikanische Teil der Feierlichkeiten, denen noch zwei weitere Zeremonien folgen werden. Die Co-Gastgeber USA und Kanada richten am Freitag eigene Feiern in Toronto und Los Angeles aus, Michael Bublé, Alanis Morissette und Katy Perry werden auftreten.Infantino ohne HandschuheOhne Verweis auf Mexikos Geschichte kam die Feier nicht aus. Auf einem pyramidenartigen Podest war eine gigantische Nachbildung des WM-Pokals zu sehen. 300 Darsteller sorgten für die Kulisse; drei Priester, gekleidet in den mexikanischen Nationalfarben Weiss, Rot und Grün, vollzogen den Ritus.Es war mehr als blosse Folklore, denn hier kam der Co-Gastgeber zu sich, und für einmal wirkte Mexiko als weit mehr als nur ein Anhängsel im Dreiländer-Turnier, in dem die USA den grössten Teil der Aufmerksamkeit absorbieren. Die mexikanische Schauspielerin Salma Hayek überreichte Gianni Infantino, dem Fifa-Präsidenten, den Cup.Reibungslos – das war sie nicht, die Eröffnungszeremonie, und das hatte weniger mit dem Ablauf auf der Bühne zu tun als mit dem, was sich vor der Fan Zone ereignete. Tausende von Fans begehrten Einlass, sie drängten, es staute sich, es kam ausserhalb der Arena zu Krawallen, Anhänger attackierten Polizisten.Feierlichkeiten zu Beginn einer Fussball-WM sind meistens kompakt – sieht man vielleicht einmal von dem opulenten Programm 2022 in Katar ab, durch das der Schauspieler Morgan Freeman führte. Darin unterscheiden sie sich von Olympischen Spielen, deren Auftaktveranstaltung zumeist eine Show ist, die international grosse Beachtung findet; man denke nur zurück an Paris 2024 oder London 2012. Selbst zusammengenommen würde der Dreiländer-Auftakt zur WM 2026 weit dahinter zurückbleiben.Grosse Shows haben ihre Hauptdarsteller – aber die meisten haben auch einen heimlichen Star. Und der war, ohne jeden Zweifel, das Aztekenstadion von Mexico City. Am Donnerstagabend wurde im Aztekenstadion zum 20. Mal ein WM-Spiel angepfiffen, Mexiko bezwang Südafrika 2:0.Rudi Völler, der Direktor des deutschen Nationalteams, hat die Spielstätte kürzlich als sein Lieblingsstadion überhaupt bezeichnet – «das schönste Stadion der Welt». Errichtet auf dem erkalteten Lavastrom eines erloschenen Vulkans, thront die Arena, die zeitweise bis zu 115 000 Menschen Platz bot.Kein Stadion hat mehr WM-GeschichteVöller, der alle grossen Stadien der Welt kennt, hat 1986 dort gespielt: im Viertelfinal gegen die Gastgeber, im WM-Final gegen Argentinien, das Deutschland mit 2:3 verlor. Es war bereits das zweite Mal, dass ein Final im Aztekenstadion ausgetragen wurde: 1970 besiegte Brasilien an gleicher Stätte Italien mit 4:1.In keinem anderen Stadion war dies der Fall – nirgends, weder im Maracanã noch in Wembley. Hier, bei den Atzteken, schlängelte sich Diego Maradona über den Platz, hier überwand er Peter Shilton irregulär mit der Hand Gottes. Hier torkelten Deutsche und Italiener 1970 im Halbfinal durch eine Verlängerung: Ein Spiel, das Italien schliesslich 4:3 gewann und das seitdem als Jahrhundertspiel gilt. Nirgends hat sich die WM-Geschichte tiefer eingeschrieben als in diesem Stadion.Passend zum Artikel
Fußball-WM: eine Eröffnungsfeier ohne Risiko
Beim Programm ging die FIFA kein Risiko ein. Der heimliche Star war das Stadion.










