Philip Morin Freneau, geboren 1752 in New York City als Kind einer Hugenotten-Einwandererfamilie, wurde bereits zu Lebzeiten als „Poet of the American Revolution“ verherrlicht. Dieser literarische Ruhm verdankt sich vor allem seinem 1781 (also noch während des Unabhängigkeitskriegs) publizierten Versepos „The British Prison Ship“. Es hat ein alles andere als heroisches Thema, doch es bestärkte das amerikanische Gefühl, gegen ein Unrechtsregime zu kämpfen: „Ah! monsters, lost to every sense of shame, / Unjust supporters of a tyrant’s claim; / Foes to the rights of freedom and of men, / Stain’d with the blood of thousands you have slain“ – so lautet das Fazit nach mehr als sechshundert Versen, die ein persönliches Erlebnis von Freneau während des Krieges exemplarisch in Worte zu fassen versuchen.Die Erstausgabe von Philip Freneaus „The British Prison Ship" von 1781National Humanities CenterIn klassische Worte, wie man direkt zu Beginn hört: „Assist me, Clio! while in verse I tell / The dire misfortunes that a ship befell.“ Die Anrufung der Muse der Helden- und Geschichtsschreibung nimmt den Ton der „Ilias“ auf, und es mangelt im Verlauf des in vier Gesängen gegliederten Gedichts nicht an weiteren Antikenreminiszenzen. Damit veredelte Freneau die eigene Demütigung: Sechs Wochen lang, von Ende Mai bis Mitte Juli 1780, war er auf dem britischen Schiff „Scorpio“ gefangen gehalten worden, das im Hudson River vor seiner Heimatstadt ankerte.Der Autor selbst hatte ein solches Schiff nur mit Glück überlebtDer amerikanische Kaperfahrer „Aurora“ war mit Freneau (der sich angeblich nur als geschäftsreisender Passagier an Bord befand) unterwegs in die Karibik gewesen, als er an der Mündung des Delaware-Flusses vom britischen Kriegssschiff „Iris“ aufgebracht wurde. Wer den Kanonenbeschuss überlebt hatte, kam in Gefangenschaft. Die Haftbedingungen, wie Freneau sie erlebte, beschrieb (in einem unmittelbar nach seiner Freilassung entstandenen, aber damals nicht publizierten Bericht) und schließlich bedichtete, waren grausam; die Zahl der während des Unabhängigkeitskriegs auf britischen Gefängnisschiffen gestorbenen Amerikaner wird mit 11.500 angegeben. Freneau selbst überlebte eine Infektionserkrankung während seiner Haft nur knapp.Die vier Gesänge erzählen von der Gefangennahme, den Zuständen auf der „Scorpio“ (in zwei Gesängen) und seiner Behandlung (im medizinischen wie im gewalttätigen Sinne) auf dem Gefangenensanitätsschiff „Hunter“: „Now tow’rd the Hunter’s gloomy sides we came, / A slaughter-house, yet hospital in name; / For none came there (to pass thro’ all degrees), / Till half consum’d and dying with disease.“ In der frühesten von insgesamt sieben Fassungen des Gedichts, die Freneau über drei Jahrzehnte hinweg erstellen sollte, schleuderte er als Abschlussverse dem König selbst den Fehdehandschuh hin: „The years approach that shall to ruin bring, / Your lords, your chiefs, your monster of a king; / Whose boldest deeds but crown his arms with shame, / And vice itself shall execrate his name.“Dieser Furor machte Schule. Die Lektüre von Freneaus Epos befeuerte die Kampfbegier der Unabhängigkeitsstreiter, und kurz nach seinem Erscheinen entschied die Schlacht von Yorktown im Herbst 1781 den Krieg zugunsten der Vereinigten Staaten.In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstages der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.