Hatte er nicht recht? Musste man sich nicht jenseits von rechts und links von ihm aufrütteln, berühren, beschämen lassen? Jean Ziegler ist tot. Wer verleiht den Hungernden dieser Welt noch einmal eine vergleichbare Stimme, wie sie über Jahrzehnte den Nerv jedes Satten traf, den Nerv der Schweiz, den Nerv des globalen Kapitalismus, den Nerv der „eisigen Normalität“, gegen die Ziegler ansprach, anschrieb, andachte. Nur die weltanschaulich Abgedichteten konnten der Ansicht sein, dass ein Mann wie Ziegler kein Gehör verdiene, weil der doch aus der linksextremistischen Soziologen-Ecke komme, einer Ecke des Aufruhrs, in der ehrenwerte Leute nichts verloren hätten.Es war die Sprache der Drastik, mit der Ziegler die Menschlichkeit von ihren Abgründen her bestimmte. Im aktualisierten Vorwort seines Bestsellers „Wie kommt der Hunger in die Welt? Antworten auf die Fragen meines Sohnes“ sind Sätze wie diese auszuhalten: „Immer schlimmer noch wütet der Hunger. Der Massenmord, der Jahr für Jahr durch den Hunger an Millionen Menschen begangen wird, auf einem Planeten, der von Reichtum überquillt, ist der absolute Skandal unserer Zeit.“Der Mensch entkommt sich nichtNein? Ist es etwa nicht der absolute Skandal unserer Zeit? Ziegler zieht den Jahresbericht der FAO heran, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, deren langjähriger Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung er war. Darin heißt es, dass die globale Landwirtschaft zwölf Milliarden Menschen ernähren könnte, „wenn die Verteilung der Nahrung nicht von der Kaufkraft der Verbraucher abhinge, sondern überall auf dem Planeten unter der Schirmherrschaft einer internationalen Instanz gerecht verteilt würde“. Schon klar: Die Probleme verschieben sich dann möglicherweise nur, der Mensch entkommt sich nicht.Aber Ziegler tat das Menschenmögliche, um dem Gattungsbegriff eine Ehrenrettung zu verschaffen. Um mit dem brachialen Wort in gefürchtete Verlegenheiten zu bringen. Der NZZ sagte er, nach dem Risiko der stilistischen Abnutzung gefragt: "Je entsetzlicher die Missstände sind, desto radikaler muss man ihnen in der Sprache begegnen. Wenn man das Elend vor Augen hat, das ich gesehen habe, dann ist kein Kompromiss möglich. Dann braucht es radikale Klarheit, Angriff, Denunziation.“Welche Aufschreie haben seine Bücher provoziert! Auch die gerichtlichen Prozesse, die ihnen folgten, haben dieses Weltgewissen nicht zum Schweigen gebracht. Jean Ziegler starb am 10. Juni in Genf im Alter von 92 Jahren.