Der streitbare Genfer Soziologe ist mit 92 Jahren an den Folgen seiner Parkinson-Erkrankung gestorben. Auch wenn er es mit der Wahrheit nicht immer so genau nahm und ein Faible für Autokraten hatte: Er behielt in vielem recht. Ein Nachruf.Jean-Martin Büttner10.06.2026, 13.02 Uhr6 LeseminutenJean Ziegler (1934–2026), hier im April 2019.Joël Hunn / NZZMan sah ihm seine Gefährlichkeit nicht an. Ein elegant gekleideter Mann sass einem gegenüber, wenn man ihn in der Genfer Universität zum Gespräch traf. Jean Ziegler verfügte über Anstand, Stil und Charme, und Humor hatte er auch. Sein rundes Gesicht hinter der Hornbrille, das warme Berndeutsch und selbst sein Deutschschweizer Akzent, wenn er Französisch sprach, signalisierten Sinnlichkeit und Freude an sich selber. Der agile Denker mit seinem Foulard, stets perfekt gekleidet und viersprachig unterwegs, war ein Meister der Selbstinszenierung.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im harschen Kontrast zu seiner gewinnenden Art klang sein Vokabular. Und weil Ziegler sich über eine Menge aufregte, gab es entsprechend viele Leute, Länder und Organisationen, die er mit seinen Tiraden bedachte. Die USA natürlich, für ihn der Hort des Bösen. Dann die EU. Und schliesslich die Schweiz, dieses «von Banken und ­Banditen beherrschtes Disneyland». Dazu kamen viele Konzerne, ja die ganze neoliberale Wirtschaft und ihre globalisierten Ausbeuter in der Dritten Welt, für die der Hunger kein Elend war, sondern eine Strategie.Jean Ziegler, der leicht erregbare Sanguiniker, sprach von ihnen als «das kannibalistische Weltkapital» mit seiner Ansammlung von «Räubern, Schurken und Halunken», die Wirtschaftselite mit ihrer «Profitgier», die vom Westen finanzierten «Faschisten» und «Kleptokraten» der dritten Welt. Jean Ziegler fand immer neue Beschimpfungen für anhaltende Zustände.«Hier ist das Gehirn des Monsters»So redete und schrieb er, der barocke Wutbürger: mit Pathos, Entrüstung und Leidenschaft. Er ging keiner Kontroverse aus dem Weg, und was immer man ihm vorwerfen mag, ein Feigling war er nicht.Dabei war ihm das Revolutionäre nicht mitgegeben worden. Hans Ziegler wurde am 19. April 1934 in Thun geboren, Sohn eines protestantischen Amtsrichters. Erst viele Jahre später wurde er zum Jean und konvertierte zum Katholizismus. In Bern und Genf hatte Ziegler Jurisprudenz und in Paris und New York Soziologie studiert, bevor er sich in Genf dozierend niederliess.Dass diese Stadt sein Austragungsort blieb, diese Erkenntnis hatte er Che Guevara zu verdanken. Der Schweizer verehrte den Argentinier vorbehaltlos, egal wie brutal Guevara gegen seine Gegner vorgegangen und wie spektakulär er in Kuba politisch gescheitert war. Immerhin konnte Ziegler von sich sagen, den Mann Anfangs der Sechziger gekannt zu haben, genau so wie er mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir befreundet war. Im Laufe der Begegnungen mit Che, erzählte Ziegler immer wieder, habe dieser ihm bedeutet, er solle von Genf aus agieren, statt ihm nach Kuba zu folgen, denn: «Hier ist das Gehirn des Monsters, hier musst du kämpfen.»Guevara sollte Recht behalten. Jean Ziegler brachte es als langjähriger, zwischendurch abgewählter Schweizer Nationalrat, als Vielreisender in Krisengebiete, unermüdlicher Buchautor und Botschafter der Uno für Menschenrechte und gegen den Hunger immer wieder fertig, sich und seine Überzeugungen publik zu machen.Vor allem im Ausland beliebtDabei war der «eminent sociologist» im Ausland entschieden beliebter als in seiner Heimat. Dort wurde er von den Bürgerlichen als Landesverräter und von den meisten Linken als Schwadroneur kritisiert, dessen Vorwürfe oft dermassen pauschal formuliert waren, dass er der Sache schadete, die er verteidigen wollte.Fast schon komisch mutet Jean Zieglers Argumentation im Prozess gegen Hans W. Kopp an, Wirtschaftsanwalt und Gatte von Elisabeth Kopp, der ersten Bundesrätin. Als Kopp Ziegler in Paris verklagte, weil dieser ihn in seinem Erfolgsbuch «La Suisse lave plus blanc» («Die Schweiz wäscht weisser») von 1990 als Geier bezeichnet hatte, verteidigte Ziegler den Geier vor Gericht als ausgesprochen nützliches Tier in der Nahrungsmittelkette.Das Gericht liess sich von solchen ornithologischen Beteuerungen nicht beeindrucken und verurteilte Ziegler zu einer Busse von umgerechnet 320 000 Franken, zumindest nannte er diese Summe in einem Interview. Die vielen Klagen, die der Polemiker mit seinen Attacken auslöste und von denen er eine Menge verlor, weil sein Temperament über die Sorgfalt siegte, lösten Drohungen gegen ihn aus und brachten ihn zeitweise an den Rand des Ruins. Und das trotz seinen über sechs Millionen weltweit verkauften Büchern, trotz seiner Professur in Genf und seiner Gastprofessur an der Pariser Sorbonne.Seine Nähe zu DiktatorenEbenso viele Schwierigkeiten wie die Ausfälligkeiten bereiteten Jean Ziegler die Verklärungen. Nämlich von Diktaturen. Etwa dem venezolanischen Schreckensregime von Nicolás Maduro. Der Schweizer fiel anfänglich auch auf Herrscher wie Mao Zedong und Pol Pot herein, Robert Mugabe oder den algerischen Herrscher Abdelaziz Bouteflika.Zieglers Liebe zu den Falschen ging so weit, dass der libysche Tyrann Muammar Ghadhafi ihm 2002 einen Menschenrechtspreis umhängte. Den Ziegler, so sagte er wenigstens, umgehend zurückschickte. Dennoch fiel seine Nähe zu den Schrecklichen immer wieder unangenehm auf.Wie weit Jean Ziegler in seinem geschichtslosen Enthusiasmus gehen konnte, hat der Genfer Dokumentarfilmer Nicolas Wadimoff dokumentiert. Er hatte bei Ziegler studiert und war seinem Professor im Porträt «L’optimisme de la volonté» von 2016 auf subtile Weise gerecht geworden. Denn Wadimoff setzte beim Filmen die Judo-Technik ein, den Gegner mit dessen eigenen Kräften zu Fall zu bringen.So sehen wir Ziegler im Film euphorisch durch Havanna schreiten, wobei er die klaffenden Widersprüche von Castros Regime einfach ignoriert. Wir sehen ihn zu Besuch bei einer kubanischen Landkooperative, an deren Rand eine Tafel steht mit Lenins Mahnung: «Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser». Mit Elan verteidigt der Schweizer Professor den Satz vor dem halben Dutzend Bauern, die ihn mit einer Mischung aus Terror und Ergebenheit anblicken. Als die Szene an der Filmpremiere von Locarno zu reden gab, nahm Ziegler das Lob zurück. Aber man konnte sicher sein, dass er sich in einer anderen Umgebung wieder zu Lenin bekennen würde. Jean Ziegler hatte zu jedem Anlass eine Krawatte und eine Meinung.Alleine hätte er eine solche Karriere nicht geschafft. Leicht geht vergessen, wie viele seiner Aktivitäten er dem Einsatz seiner zweiten Frau verdankte. Erica Deubler hiess sie, eine hoch gebildete Kunsthistorikerin, die für die Partei der Arbeit im Genfer Grossen Rat politisierte und die Genfer Kulturpolitik mitbestimmte. Aus dem Hintergrund regelte sie alle Details für ihren Gatten, druckte ihm, der von Computern nichts verstand, die Mails aus. Sie las seine Manuskripte, begleitete ihn oft auf seinen Reisen, ohne sich dabei auch nur einmal in den Vordergrund zu drängen. Ohne sie wäre Ziegler nicht weit gekommen. Dank ihr kam er überall hin.Ziegler und Blocher mochten einander«Genau einen solchen verträgt’s in der Fraktion», sagte der damalige SP-Präsident Helmut Hubacher über seinen Fraktionskollegen. Tatsächlich nutzte Ziegler als Nationalrat das Ansehen und die Immunität des Parlamentariers. Für die politische Arbeit interessierte er sich nur, wenn eines seiner Themen dran kam. Seine Sitznachbarin im Nationalrat, die spätere SP-Bürgermeisterin von Lausanne Yvette Jaggi, sah angewidert zu, wie Ziegler sich hinsetzte – und als erstes die Berge von Berichten, Studien, Fahnen und Anträge in den Kübel warf.Und doch hatte der Sozialist einen unerwarteten Komplizen. Immer, wenn Jean Zieglers parlamentarische Immunität aufgehoben werden sollte, stimmte eine Mehrheit des Parlamentes dagegen. Einer davon war Christoph Blocher. Kam der selber mal wegen Aufhebung der Immunität dran, stimmte auch Jean Ziegler für seinen Schutz.«Ich mag ihn halt», sagte Blocher über Ziegler, als man die beiden einmal zum Gespräch traf. Und als Christoph Blocher achtzig Jahre alt wurde und man Ziegler um eine Würdigung bat, sagte er: «Dieser Mann ist mir leider sympathisch. Er hat sein Leben lang hart gearbeitet. Während sich andere pensionierte Milliardäre auf Golfplätzen vergnügen und mit ihrer Jacht nach Teneriffa fahren, kümmert er sich mit Engagement um die Schweiz. Dafür hat er meinen Respekt.»Dazu passt, dass Jean Ziegler in Genf selbst mit jenen Anwälten bestens auskam, die auch Diktatoren verteidigten, solange für sie das Geld stimmte. Mit dem erzreaktionären, wenn auch intellektuell brillanten Advokaten Marc Bonnant zum Beispiel war Ziegler befreundet. Die Rechte lud ihn regelmässig an ihre Veranstaltungen ein. Und sei es nur, um sich ihrer eigenen Toleranz zu versichern.Der Mann wusste, wovon er sprachSP-Präsident Helmut Hubacher hatte Recht: Einen wie ihn brauchte die Schweiz. Auch wenn er immer wieder schwindelerregende ideologische Spitzkehren vollzog; auch wenn er schummelte oder log; auch wenn seine Bücher voller Fehler waren, aus Hast oder mangelndem Interesse; und auch wenn er die fehlenden Grundrechten von Kuba, das Verbot freier Parteien und einer freien Presse zum Kollateralschaden verharmloste auf dem Weg zu einer sozialistischen Utopie – trotzdem muss man ihm zugutehalten: Anders als seine Gegner wusste Jean Ziegler, wovon er sprach.Er hatte die Hungerkatastrophen der afrikanischen und südamerikanischen Länder vor Ort erlebt und für die Uno Berichte geschrieben über Niger, Brasilien, Bangladesh, Palästina, Bolivien und viele andere. Er kannte die furchtbaren Folgen der südamerikanischen Militärdiktaturen, hatte gegen die Apartheid und für die Palästinenser gekämpft, vor Ort mit Opfern geredet und auch mit Tätern. Er mochte Genf als seinen Austragungsort gewählt haben, war aber sein Leben lang unterwegs gewesen – egozentrisch und doch empathisch.Jean Ziegler mag sich übermässig inszeniert haben. Aber ein Zyniker war er nicht. Das Elend machte ihn fassungslos. Sein Leben lang.Passend zum Artikel