Noch nie war es so leicht, als deutscher Privatanleger Aktien eines Börsengangs zu zeichnen. Jeder der mehr als zehn Millionen Trade-Republic-Kunden kommt nicht umhin, beim Öffnen seiner App die Aufforderung „Sei Teil des IPOs“ zu lesen. Wie immer bei der Neobank kann mit wenigen Tipp- und Wischbewegungen auf dem Smartphone der Betrag festgelegt werden, mit dem man maximal Elon Musk und sein Streben ins Weltall unterstützen will.Auch andere deutsche Banken und Broker bieten ihren Kunden die Aktien an. Flatex zum Beispiel. Mittlerweile ist klar, dass eine Aktie 135 Dollar kosten soll. Ein wichtiges Signal, denn zuvor waren bis zu 162 Dollar möglich. Die Nachfrage soll das Angebot der mehr als 555 Millionen Aktien schon am Mittwoch deutlich überstiegen haben. Von einer bis zu vierfachen Überzeichnung war die Rede. Auch das ein Zeichen: Vorherige Börsengänge haben Faktoren von 30 und mehr geschafft.Die Nervosität steigt daher in der Finanzbranche. Christian Röhl, versierter Beobachter der Aktienmärkte und Chefvolkswirt der Neobank Scalable Capital fasst zusammen: „Dieser Börsengang muss gelingen.“ Würde er scheitern oder nur rumpelig verlaufen, wäre das ein Menetekel für die Börsenpläne von Open AI und Anthropic. „Da haben die Investoren noch viel mehr Geld reingesteckt.“ Aber auch Alphabet, Meta und Oracle hoffen auf ein gutes Börsenumfeld, um sagenhafte KI-Investitionen über den Kapitalmarkt finanzieren zu können. Vergangene Woche hat Alphabet eine Kapitalerhöhung um 80 Milliarden Dollar angekündigt. Alleine Warren Buffett will zehn Milliarden Dollar investieren.33 Mal höher bewertet als AmazonDie Alphabet-Transaktion wäre noch größer als nun der SpaceX-Börsengang, der 75 Milliarden Dollar einspielen soll. Im Gegensatz zu Alphabet verdient SpaceX bisher aber kein Geld. Das wird selbst in der kurzen Übersicht von Trade Republic deutlich: 16,1 Milliarden Euro Umsatz, minus 4,2 Milliarden Euro Nettogewinn, heißt es in der App.Auf Basis des Ausgabepreises ergibt sich ein Börsenwert von SpaceX von knapp 1,8 Billionen Dollar. Das ist verglichen mit dem Umsatz ein Faktor von 100. „SpaceX spielt in jeder Hinsicht in einer eigenen Liga“, sagt Röhl. „Amazon kam bei seinem Börsengang zum Beispiel auf einen Faktor zum Umsatz von drei.“ Der Markt habe nahezu die perfekte Wachstumskurve eingepreist. Goldman Sachs, als eine der vielen der begleitenden Banken, nennt für 2030 einen Umsatz von 474 Milliarden Dollar für SpaceX. „Von 2025 bis 2030 um den Faktor 25 bis 30 zu wachsen: Wer's glaubt, wird selig“, sagt Röhl. „Elon Musk hat alle Narrative gezogen: Natürlich erzielt er mit seinem Satellitennetzwerk Starlink hohe Margen und kann disruptiv für klassische Mobilfunkkonzerne wirken und seine wiederverwertbaren Falcon-Raketen mit seinem Raumschiffsystem Starship sind ein Meilenstein der Raumfahrtgeschichte. Aber das profitable Starlink-Geschäft wird überlagert von den KI-Aktivitäten“, sagt Röhl. „Hier hinkt Musk mit xAI hinterher und hätte nie so viel Geld bekommen für dringend notwendige Investitionen, wenn er die Unternehmen nicht zusammengebunden hätte. Die anderen großen Tech-Konzerne sind aber viel besser mit Kapital ausgestattet. Mit der KI-Phantasie begründet Goldman Sachs aber nun zwei Drittel der erwarteten Umsätze.“SpaceX-Aktien als neue Währung für ÜbernahmenRöhl geht davon aus, dass Musk plant, mit den „luftig bewerteten“ SpaceX-Aktien künftige und nötige Übernahmen im KI-Bereich zu finanzieren. 23 Banken sind mit dem Gelingen des Börsengangs betraut und erhalten rekordhohe rund 500 Millionen Dollar dafür. Da wird selbst eine Wallstreet-Legende wie Jamie Dimon schwach und wirbt als Chef von J.P. Morgan auch höchstpersönlich bei Investoren um ihr Geld. „Alle sind mit dabei, damit die rekordhohe Summe von 75 Milliarden Dollar bei einem IPO zusammenkommt“, sagt Röhl. Inflationsbereinigt haben die bisherigen Rekordwerte für Saudi Aramco und Alibaba ungefähr die Hälfte betragen.Am Markt kursieren die Sorgen, dass das Geld vor allem aus anderen Tech-Werten abgezogen wird. „Es ist der ultimative Test für das KI-Narrativ an den Märkten“, sagt Röhl. Selbst um die Indexanbieter wurde geworben, ihre Regeln doch bitte so anzupassen, dass die immensen Mittel der ETF auch SpaceX von Beginn an zugutekommen.MSCI und FTSE werden SpaceX schnell in ihre Weltindizes aufnehmen. Da dort aber nur der Streubesitz eingerechnet wird, der bei SpaceX ebenjene 75 Milliarden Dollar umfasst (der große Teil von 1,7 Billionen Dollar bleibt bei den Altaktionären, insbesondere Elon Musk), wird die Bedeutung von MSCI World und FTSE All Countries zunächst gering sein – SpaceX dürfte auf einen Anteil von 0,1 Prozent kommen.Nasdaq-ETF müssen Milliarden investierenAnders sieht es im Nasdaq 100 aus. Dort zählt grundsätzlich der gesamte Börsenwert. Im Fall von SpaceX wurde dies jedoch auf das Dreifache des Streubesitzes begrenzt – also 225 Milliarden Dollar. Das reicht für einen Indexanteil von einem Prozent. Mit Blick auf den riesigen ETF von Invesco im Volumen von 500 Milliarden Dollar entspricht dies allein also schon fünf Milliarden Dollar zu investierendem ETF-Geld in die SpaceX-Aktie. „Darauf wurde extra die Mehrzuteilung zugeschnitten, die dafür verwendet werden kann“, sagt Röhl. Verkaufen die Altaktionäre nach und nach ihre Anteile, steigt der Streubesitz der SpaceX-Aktien entsprechend und ihr Gewicht in den Indizes erhöht sich – mithin müssen die ETF nachkaufen.S&P als sehr wichtiger Indexanbieter hat indes mitgeteilt, sich nicht in die Reihe der „SpaceX muss gelingen“-Fraktion einzuordnen und ändert sein Regelwerk nicht. Falls das Unternehmen in zwölf Monaten hinreichend profitabel geworden sein sollte, hat es eine Chance, vom Indexkomitee aufgenommen zu werden. Im Fall Tesla ist den S&P-500-ETFs durch die sehr späte Indexaufnahme einiges an Rendite entgangen. In manch anderem Fall blieb dem Index aber auch einiges erspart, was Röhl als „die ganzen Leichen mit den Tannenbaum-Kursverläufen“ aus dem Jahr 2021 bezeichnet.Mit Blick auf vorbörsliche Kurse sind derzeit Werte um 160 bis 175 Dollar zu vernehmen für den Auftakt im Börsenhandel am Freitag. Das wäre zum Ausgabepreis von 135 Dollar der Aktie ein Plus von rund 20 bis 30 Prozent. Ein recht hoher Teil von 30 Prozent der neuen Aktien soll dem Vernehmen nach an Privatanleger gehen. „Die Loyalität zu Musk dürfte bei vielen hoch sein“, erwartet Röhl keine schnellen Aktienverkäufe der meisten neuen SpaceX-Aktionäre. „Generell wird es aber spannend sein, wie im Nachgang reflektiert wird, ob es sinnvoll ist, Unternehmen so lange in privater Hand zu lassen und dann zu solch hohen Werten an die Börse zu bringen, wenn der Knochen weitgehend abgenagt ist“, sagt Röhl.Bei ihm weckt der Börsengang ungute Erinnerungen an die Zeit des Jahres 2000 als kurz nach den Mega-Deals von Mannesmann und Vodafone sowie Time Warner und AOL der Markt zusammenbrach ähnlich wie nach den großen Börsengängen von Blackstone und Petrochina alsbald die Finanzkrise kam. „Die Investoren stecken sehr viel Geld in die großen Tech-Unternehmen und geben freiwillig die Kontrolle über das auch wirtschaftlich und gesellschaftlich wichtige Thema KI ab. Zugegeben an geniale Unternehmerfiguren, aber sie verzichten auf ihre Stimmrechte. Mit der ursprünglichen Kapitalmarktkontrolle durch stimmberechtigte Aktionäre hat das nichts mehr zu tun. Die KI wird in die Hände der Oligarchen von SpaceX, Meta und Alphabet gelegt. Musk zementiert mit dem Börsengang seine Macht.“ Und könnte der erste Billionär der neuzeitlichen Vermögensmessung werden – nur Kaiser Augustus, zu dessen Privatvermögen er nach der Eroberung Ägypten zählte, könnte noch reicher gewesen sein.
Was Anleger beim SpaceX-Börsengang beachten müssen
Mit üblichen Bewertungskennziffern ist der Börsengang von SpaceX nicht zu fassen. Was passiert, wenn die gesamte Finanzbranche an einem Strang zieht.












