Als Politiker entschuldigte sich Yohei Kono für Japans Kriegsverbrechen – so wurde er zur Hassfigur der politischen RechtenDie japanische kaiserliche Armee zwang Tausende von Frauen zu Sex mit ihren Soldaten. Der Mann, dessen Name für Japans offizielle Entschuldigung stand, ist gestorben.11.06.2026, 15.02 Uhr3 LeseminutenDer frühere japanische Kabinettssekretär Yohei Kono in einer Aufnahme von 2015.Toru Hanai / ReutersYohei Kono ist in die Geschichtsbücher Japans eingegangen. Trotz seiner langen politischen Karriere – er wurde 14-mal ins Unterhaus gewählt – geht es aber weniger um ihn als um eine Erklärung, die seinen Namen trägt. In der sogenannten Kono-Erklärung anerkannte die japanische Regierung 1993, dass die kaiserliche japanische Armee Abertausende von Frauen in Militärbordellen systematisch missbraucht hatte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zuerst abstreiten, dann entschuldigenKono war damals Kabinettssekretär und damit der Sprecher der japanischen Regierung. Zwei Jahre davor war Japan von seiner Geschichte eingeholt worden. Die damals 67-jährige Koreanerin Kim Hak Sun begann öffentlich über das zu reden, was sie fast 50 Jahre aus Scham tief in sich hineingefressen hatte. Sie war als junge Frau von japanischen Soldaten entführt und zur Sexarbeit gezwungen worden.Bald zeigte sich, dass in den im Zweiten Weltkrieg von Japan besetzten Gebieten unzählige junge Frauen das gleiche Schicksal erlitten hatten wie Kim Hak Sun: vor allem Koreanerinnen und Chinesinnen, aber auch Taiwanerinnen, Filipinas, Indonesierinnen und viele mehr. Historiker schätzen die Anzahl missbrauchter Frauen auf 100 000 bis 200 000.Japan nannte diese Frauen «Trostfrauen», de facto waren sie Sexsklavinnen. Die japanische Regierung versuchte zuerst die Sache abzustreiten. Mit der Erklärung, die Yohei Kono am 4. August 1993 veröffentlichte, gestand sie die Verbrechen dann ein und entschuldigte sich dafür.Darüber, ob die Entschuldigung aufrichtig und ein damit verbundener Entschädigungsfonds ausreichend war, stritten sich Seoul und Tokio noch jahrelang. Heute ist dieser Streit nicht mehr sehr virulent, nicht zuletzt deshalb, weil praktisch alle Opfer verstorben sind.1995 war Kono auch stellvertretender Ministerpräsident in der Koalitionsregierung des sozialistischen Regierungschefs Tomiichi Murayama. Dieser sprach eine «aufrichtige Entschuldigung» für das von Japan während des Krieges verursachte Leid aus. Konos persönliche Rolle in der Anerkennung der japanischen Greueltaten wird in Korea, aber auch in China vorwiegend positiv gesehen – das zeigt sich in Nachrufen in dortigen Medien.Hassfigur der politischen RechtenIn Japan hingegen wurde Kono zur Hassfigur der politischen Rechten, gerade auch innerhalb seiner eigenen Liberaldemokratischen Partei, der LDP. Konservative Kreise sehen gerne über die Verbrechen im Zweiten Weltkrieg hinweg – ihrer Meinung nach besudeln Entschuldigungen wie die Kono-Erklärung die Ehre Japans. Für diese Haltung stand insbesondere Shinzo Abe, der zwischen 2006 und 2020 während fast neun Jahren Japans Regierungschef war. Er liess zum Beispiel kritische Passagen aus Geschichtsbüchern für den Schulunterricht entfernen.Heute weht in Japan ein ganz anderer politischer Wind als 1993. Statt sich mit den Auswüchsen der militärischen Vergangenheit zu beschäftigen, rüstet das Land auf. Denn es sieht sich zunehmend vom rasanten militärischen Aufstieg Chinas bedroht. Die gegenwärtige Regierungschefin Sanae Takaichi, die eine Gefolgsfrau Abes war, liebäugelt damit, die Verfassung zu ändern.Kono war gegen eine VerfassungsänderungDiese wurde seit ihrem Inkrafttreten 1947 nie angepasst und sieht im berühmten Artikel 9 vor, dass Japan keine Streitkräfte unterhält. Yohei Kono hatte sich wiederholt dezidiert gegen eine Änderung dieses «Friedensartikels» ausgesprochen. Kono stand zuletzt für einen liberalen Flügel der LDP, den es heute praktisch nicht mehr gibt.Ursprünglich in die Politik eingestiegen war Yohei Kono 1967, als sein Vater Ichiro starb, der selber ein prominenter LDP-Politiker gewesen war. Sein Sohn Taro wiederum ist seit 1996 Abgeordneter im Unterhaus und war schon Verteidigungs- und Aussenminister. In dieser Hinsicht war Yohei Kono ein sehr typischer japanischer Politiker – Politikerdynastien sind weit verbreitet. Kono starb am Montag im Alter von 89 Jahren.Passend zum Artikel