Noch 13 Prozent, dann zwölf, in der jüngsten Forsa-Umfrage waren es sogar nur noch elf: In Wahlumfragen wird die SPD derzeit nach unten durchgereicht. Parallel läuft der Countdown: In weniger als 90 Tagen findet die Wahl in Sachsen-Anhalt statt, zwei Wochen später folgen Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Der September wird ein Wahlmonat mit dem Potenzial, die politischen Koordinaten der Bundesrepublik zu verschieben. Und womöglich auch die Koordinaten der Sozialdemokratie.In der SPD hat das Getuschel begonnen. Können sich die Vorsitzenden Bärbel Bas und Lars Klingbeil im Amt halten, wenn die SPD bei den Wahlen im Herbst scheitert? Dann fegt es sie hinweg, sagen die einen. Andere Köpfe sind auch keine Lösung, sagen die anderen.Scheitern, das ist für die SPD zu einem relativen Begriff geworden. Wenn sie in Sachsen-Anhalt oberhalb der Fünf-Prozent-Hürde landet, wäre das zwar noch kein Erfolg. Aber ein Ergebnis, das längst eingepreist ist. Ob es noch erreicht werden kann, ist angesichts von Umfragewerten von um die sieben Prozent offen. Die Polarisierung zwischen AfD und CDU könnte die Sozialdemokraten weitere Stimmen kosten.Kommen am Wahltag weniger als fünf Prozent heraus, hätten die Bürgerinnen und Bürger die SPD zum ersten Mal seit 1945 aus einem Landesparlament herausgewählt. Die Führungsfrage würde sich dann quasi automatisch stellen. Das gilt erst recht, falls Ende September Manuela Schwesig als Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern abgewählt wird. Diese Führungsfrage aber träfe eine Partei, die ratlos ist angesichts der Frage, ob und wie ein Wechsel an der Spitze den Aufbruch bringen kann. Neuanfang? Der ist längst zur leeren Floskel geworden. Wer herumfragt, was eine neue Parteispitze anders machen könnte, der sieht viel ratloses Schulterzucken. Andererseits: Klingbeil und Bas machen längst nicht alles falsch, aber eben doch zu wenig richtig. Sie sind vom Regierungsgeschäft so sehr in Beschlag genommen, dass für die Partei kaum Zeit bleibt. Immer wieder ist zu hören, Klingbeil sei so überlastet, um ihn müsse man sich im Grunde Sorgen machen. Bas wiederum fällt eher mit rhetorischen Grenzgängen auf als durch strategische Führung und wird so immer mehr zur Reizfigur.Eine Alternative, die sich eindeutig aufdrängt, gibt es allerdings nicht. Verteidigungsminister Boris Pistorius ist in der Bevölkerung ungebrochen beliebt. Aus Parteiangelegenheiten aber hält er sich weitgehend heraus, er ist zur Polit-Marke aus eigener Kraft geworden.Wer in der Sozialdemokratie noch als Hoffnungsträger durchgeht, hängt auch vom Wahlkalender ab. Alexander Schweitzer hat diesen Status jüngst einbüßen müssen. Anke Rehlinger wiederum regiert das Saarland mit absoluter Mehrheit, doch im April 2027 wird sich bei der Landtagswahl zeigen, was vom Wahlerfolg von 2022 übrigbleibt. Die jüngste Umfrage ist ein halbes Jahr alt, sie sieht die SPD mit 27 Prozent nur noch knapp vor der CDU. Schon als rund um den Abgang von Saskia Esken das letzte Mal eine Parteichefin gesucht wurde, winkte Rehlinger ab. Jetzt, mit der Landtagswahl in Sichtweite, ist sie im Saarland erst recht unabkömmlich.Bei Manuela Schwesig könnte die Dynamik umgekehrt sein, wenn sie ihr Amt als Ministerpräsidentin verteidigt und vor Ort auf lange Zeit keine Wahl ansteht. Dann wäre zwar der Druck, die Parteispitze überhaupt neu zu besetzen, womöglich geringer. Schwesig aber könnte versucht sein, über das Amt der Ministerpräsidentin hinauszuwachsen. Sie festigt in der SPD durch Sacharbeit und harte Kante dort, wo sie es für nötig hält, immer weiter ihren Ruf als eine, die Fäden in der Hand hält, Debatten steuert, Themen besetzt. Das könnte noch relevant werden. Doch auch die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern kann mächtig schiefgehen. Der Umfragevorsprung der AfD derzeit: neun Prozentpunkte.