Die Stimme in der Sprachnachricht klingt aufgeregt. „Hier spricht der Motortanker Marivex“, heißt es auf Englisch mit einem indischen Akzent. „Wir haben Feuer an Bord, und das Schiff sinkt. Die US-Marine hat uns mit einer Rakete in den Maschinenraum angegriffen. Wir haben ein Loch im Boden.“ Die Nachricht liegt der F.A.Z. vor.Rauchentwicklung auf dem Tanker MT MarivexprivatEs folgt noch der Hinweis, die letzte Position des Tankers MT Marivex mit den Daten des Ortungssystems zu finden. „Die gesamte Crew besteht aus Indern, 24 Besatzungsmitglieder sind Inder. Bitte helfen Sie schnell, bitte, wir brauchen dringend Hilfe“, so die Stimme.Ein Video, das der F.A.Z. ebenfalls vorliegt, zeigt, wie ein Hubschrauber der omanischen Seenotrettung die indischen Seeleute einige Stunden später über ein Rettungsseil an Bord nimmt.Die Nachrichten stammen von der Besatzung des Tankers, der unter der Flagge Palaus unterwegs war und der am Montag vor der Küste Omans in Brand geraten war. Das amerikanische Militär teilte mit, dass ein US-Kampfflugzeug im Golf von Oman den unbeladenen Öltanker beschossen und „außer Betrieb“ gesetzt habe. „Die Marivex fährt nicht mehr nach Iran“, so die Mitteilung.Der zweite amerikanische Angriff folgte einen Tag späterBei diesem einen Angriff ist es aber auch nicht geblieben. Am Dienstag, nur einen Tag später, trifft eine US-Rakete den Öltanker MT Settebello, der auch unter Palaus Flagge auf dem Weg durch den Golf von Oman war. Wieder bricht ein Feuer im Maschinenraum des Tankers aus. Auch diesmal holen Rettungskräfte 21 indische Seeleute rechtzeitig von Bord. Drei indische Seeleute, die zunächst als vermisst galten, seien jedoch ums Leben gekommen, bestätigt Indiens Schifffahrtsminister Sarbananda Sonowal am Donnerstag auf der Plattform X.Und schließlich bestätigt das US-Militär am Donnerstag auch noch den Angriff auf den dritten Tanker mit dem Namen MT Jalveer, der unter der Flagge Guinea-Bissaus fährt. Den Angaben nach wurde der Tanker, der iranisches Öl aus dem Golf von Oman transportieren wollte, mit zwei Hellfire-Raketen in den Maschinenraum getroffen. Die 20 indischen Besatzungsmitglieder sind der indischen Presse zufolge aber am Leben.Zuvor hatte auch Indiens Außenministerium den Angriff auf MT Settebello verurteilt. Es bestellte Medien zufolge den stellvertretenden US-Botschafter ein und äußerte seinen „starken Protest“. „Die Angriffe auf die Handelsschifffahrt und die zivile Infrastruktur in der Region müssen eingestellt werden“, so das Ministerium.Erinnerungen an die Versenkung eines iranischen KriegsschiffsEs empört viele Inder, dass binnen weniger Tage mehrfach indische Seeleute von US-Raketenangriffen betroffen sind. Schließlich soll Indien eigentlich zu den bevorzugten Partnern der Vereinigten Staaten in Asien gehören. Doch schon im März hatte ein amerikanisches U-Boot das iranische Militärschiff INS Dena unweit der indischen Gewässer versenkt, nachdem es zuvor in Südindien an einer Flottenparade teilgenommen hatte.Das US-Militär begründete seine Angriffe auf die beiden Tanker damit, dass die Schiffe gegen die amerikanische Blockade Irans verstoßen hätten. Die unbeladene MT Marivex habe versucht, einen iranischen Hafen anzulaufen. Die MT Settebello habe Öl aus Iran transportiert. Zudem hieß es in beiden Fällen, dass die Besatzung die Anweisungen der US-Streitkräfte nicht befolgt habe. Darauf habe ein Kampfjet mit „Präzisionsmunition“ auf den Maschinen- und Steuerraum des Schiffes gefeuert.Im Fall der MT Settebello veröffentlichte das Pentagon auch ein Video, das den Einschlag der Rakete auf das Schiff zeigen soll. Das US-Militär hat demnach acht Schiffe aufgrund von Verstößen gegen die Blockade „außer Betrieb genommen“. Gefahr droht aber nicht nur durch amerikanische Raketen. Zwei indische Seeleute waren gestorben, nachdem Anfang März ein iranisches Geschoss den Öltanker MV Skylight getroffen hatte.Für die gestrandeten Seefahrer sind die Schiffe „wie Gefängnisse“Die Hilferufe von der Marivex hatte am Montag der Generalsekretär der indischen Seefahrergewerkschaft FSUI, Manoj Yadav erhalten. Weil niemand in der Umgebung auf ihre Notrufe reagierte, hatten sich die indischen Seeleute an ihren Landsmann gewandt, sagt Yadav der F.A.Z. am Telefon. Die Gewerkschaft hat sich auch schon seit dem Angriff im März für einen besseren Schutz der Seeleute im Kriegsgebiet eingesetzt.Der Gewerkschafter erinnert auch daran, dass Schätzungen zufolge seit Kriegsbeginn 20.000 Seeleute in der Straße von Hormus feststecken sollen, darunter viele Inder. Für sie fühlten sich die Schiffe an „wie Gefängnisse“, so Yadav. Viele Seefahrer litten unter einer ständigen Angst, nachdem sie teilweise Hunderte Drohnenangriffe und Geschosseinschläge in einem Radius von 500 Metern bis einem Kilometer beobachtet hätten.Der Gewerkschafter findet, die Schiffsbesatzungen sollten nicht in die Geopolitik der Mächte und den Krieg mit hineingezogen werden. „Wenn sie irgendwelche Probleme mit Iran haben, warum müssen dann die Seeleute darunter leiden?“, fragt er. Der Inder ist sich sicher, dass das US-Militär darüber informiert war, dass sich indische Seeleute auf der MT Marivex befanden. Sie seien zum Glück unverletzt geblieben, weil sich zur Zeit des Angriffs niemand im Maschinenraum befand. Das hätten die Amerikaner aber nicht wissen können.
Straße von Hormus: US-Raketen töten Seeleute aus Indien
Binnen weniger Tage haben die USA drei Tanker in der Straße von Hormus angegriffen. Die Crews kommen überwiegend aus Indien. Dort ist die Empörung groß.












