Es ist ein Muster, das Europas Sicherheitsbehörden eigentlich auswendig kennen müssten. Wer in den 1990er-Jahren die Balkankriege beobachtet hat, kennt die Choreografie: Erst fließen Waffen in ein Konfliktgebiet, dann versickern sie dort, und Jahre später tauchen sie in Marseille, Brüssel oder Berlin wieder auf – in den Händen von Drogenkartellen, Rockerbanden oder Terroristen. Die Kalaschnikows der Attentäter von Paris 2015 stammten aus bosnischen Beständen. Heute, mehr als drei Jahrzehnte nach Beginn der Jugoslawienkriege, gilt der Westbalkan weiterhin als eine der zentralen Quellen illegaler Schusswaffen in Europa.

Nun bahnt sich, so warnen Geheimdienstler, Polizeigewerkschaften und Forschungsinstitute, eine Wiederholung dieses Musters an – nur in deutlich größerem Maßstab. Schauplatz: die Ukraine.

Ein historisch beispielloser Waffenzufluss

Die nüchternen Zahlen des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI sind atemberaubend. Die Ukraine ist seit 2022 zum größten Waffenimporteur der Welt aufgestiegen. Sipri dokumentiert einen rund hundertfachen Anstieg der ukrainischen Waffenimporte gegenüber den beiden vorangegangenen Fünfjahreszeiträumen. Zwischen 2020 und 2024 entfielen 8,8 Prozent aller globalen Schwerwaffenlieferungen auf die Ukraine, im Zeitraum 2021–2025 stieg dieser Anteil auf 9,7 Prozent.