Kilometerlange Schlangen vor Tankstellen auf den Philippinen. Thailändische Nachrichtensprecher in Hemdsärmeln, weil Strom für Klimaanlagen fehlt. Tausende gestrichene Flüge in Malaysia und Vietnam: Das sind die Bilder, die der Irankrieg in Asien produziert hat. 15 Millionen Tonnen Öl am Tag verliert der Kontinent durch die Schließung der Straße von Hormus. Dass der dynamischsten Region der Welt der Treibstoff ausgeht, hat die Internationale Energieagentur zur Warnung verleitet, die neue Energiekrise sei schlimmer als die Ölpreiskrise der Siebziger und der Ukrainekrieg zusammen. Doch nun zeichnet sich eine Überraschung ab. Während im Nahen Osten wieder Raketen fliegen, bleibt Asiens Krise aus.Die Preise von Rohöl, Benzin, Diesel, Dünger, Plastik und Halbleitern haben sich teilweise verdoppelt. Das hat die asiatische Exportindustrie wenig erschüttert. Nicht nur der Fertigungsriese China und die Hightech-Schwergewichte Südkorea und Taiwan zeigen sich robust. „Das ist eine asiatische Krise“, hatte vor zwei Monaten Singapurs Außenminister vor den Folgen des Irankriegs gewarnt. Doch im April sind die Ausfuhren des Stadtstaats im Jahresvergleich um ein Viertel gestiegen. Das gilt auch für Thailand. In Vietnam betrug das Wachstum im selben Zeitraum ein Fünftel und in Malaysia mehr als ein Drittel. Schließlich hat die Welt Hunger auf Halbleiter, Chips und andere Elektronik. Alles, was irgendwie mit Künstlicher Intelligenz zu tun hat, verkauft sich vor allem in den USA trotz gestiegener Preise bestens. Die Auftragsbücher der Zulieferer für Wind- und Solartechnologie sind ebenfalls voll. Asiens E-Auto-Industrie wächst stark, die Wehrtechnik auch.Asiens Abhängigkeit vom Golf schürte Sorgen vor einer RezessionDer Erfolg schmeckt umso süßer angesichts des harten Jahres, das Asiens Wirtschaft hinter sich hat. Erst drohten die Tributforderungen Donald Trumps die Aufstiegspläne von Schwellenländern wie Vietnam zu durchkreuzen, dessen Exporteure 46 Prozent Zoll auf ihre in die USA verschifften Waren zahlen sollten. Kaum hatten Asiens Staatschefs die Zollraten herunterverhandelt und das Wachstum auf den rechten Pfad zurückgebracht, begann der US-Präsident den Krieg am Golf. Nachdem klar geworden war, wie abhängig Asien von der Region ist, warnten internationale Organisationen vor Stagflation, der gefährlichen Kombination aus fehlendem Wachstum bei gleichzeitigem Anstieg der Preise. Der Internationale Währungsfonds schloss eine globale Rezession nicht aus.Tatsächlich steigt die Inflation in Asien, was vor allem die Armen in Indien, Pakistan, Bangladesch und Indonesien trifft, wo zusammen mehr als zwei Milliarden Menschen leben. Dass die Länder für das Öl und Gas vom Golf nun teuren Ersatz beschaffen müssen, belastet die Staatsfinanzen, weil die Regierungen Benzin, Kochgas und Dünger hoch subventionieren, um keinen Volksaufstand zu riskieren. Indiens Ministerpräsident Narendra Modi hat zum Energiesparen aufgerufen, seit die schrumpfenden Währungsreserven die Rupie schwächen. Auch Indonesiens Währung hat stark an Wert verloren. Doch dass die Kreditwürdigkeit des Inselstaats in Gefahr ist, hat weniger mit dem Irankrieg zu tun und mehr mit den populistischen Großprojekten von Präsident Prabowo Subianto.Ökonomen warnen vor InflationsrisikoSowohl Indonesien als auch die Länder Südasiens profitieren nicht vom Exportaufschwung, weil ihre Industrien noch nicht Teil der Lieferketten in der Elektronik sind. Doch die Arbeitslosigkeit hat sich auch hier nicht spürbar erhöht. Ökonomen warnen, das Inflationsrisiko werde nicht einfach verschwinden, sollte die Straße von Hormus wieder öffnen. Es könnte lange dauern, bis sich Reeder wieder trauen, Schiffe durch die Meerenge zu schicken, und die am Golf zerbombten Raffinerieanlagen repariert sind. Asien wird versuchen, neue Rohstofflieferanten zu finden und seine Stromversorgung auf grüne Energien umzustellen. All das kostet Zeit.Thailand warnt, dass der Export später im Jahr einbrechen könnte, wenn sich Amerikas Techkonzerne ausreichend in Asien eingedeckt haben. Doch eine Rezession wie in den Industrieländern der Siebzigerjahre ist trotzdem nicht in Sicht. Dazu ist Asien als Lieferant für die Welt inzwischen zu wichtig. Auch wenn sie ihr Öl vom Golf bezieht, ist die Region von Importen insgesamt heute weit unabhängiger als einst. Verglichen mit der Finanzkrise Ende der Neunzigerjahre ist die Glaubwürdigkeit der asiatischen Geldpolitik heute hoch. Ob, wie oft behauptet, das Jahrhundert Asien gehören wird, weiß niemand. Zumindest ist sein Untergang erst mal wieder abgesagt.