Van Dyck war ein Workaholic und wandlungsfähig wie ein ChamäleonDer flämische Barockmaler war ein hochbegabter Interpret der Wünsche, Ambitionen und Träume einer herrschenden Klasse. Genua lädt mit seiner opulenten Werkschau zu Anton van Dycks Europa-Reise ein zum Nachdenken über einen zerrissenen Kontinent.Ulrike Sauer, Genua11.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenAnton van Dycks Porträt des Königs Karl I. von England und seiner Frau Königin Henrietta Mary, Gemälde, 1632–1634.Museum in KromerizVierhundert Jahre sind vergangen, seit Anton van Dyck das krisengebeutelte Europa auf seine Leinwände bannte. Getrieben von der Suche nach neuen Herausforderungen und einflussreichen Gönnern, durchmisst der flämische Barockmaler einen Kontinent, den klimatische, wirtschaftliche, demografische und politische Umbrüche erschüttern. In seinen stilbildenden Porträts inszeniert er eine europäische Elite, deren Dominanz bedroht ist.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In einem Europa, dessen Selbstgewissheit brüchig geworden ist, lädt jetzt der Palazzo Ducale zu einer opulenten Werkschau des Flamen. Genua bietet die seltene Gelegenheit, dem Werk Van Dycks an einem einzigen Ort zu begegnen. Die Ausstellung «Van Dyck, der Europäer» versammelt 60 Gemälde – einige der repräsentativsten Werke seines Schaffens.32 Kurierdienste transportierten die meist grossformatigen Leihgaben nach Genua. Sie stammen aus berühmten Museen wie der National Gallery in London, dem Prado in Madrid, dem Louvre in Paris, den Uffizien in Florenz und aus prestigereichen Privatsammlungen, die ihre Werke teilweise noch nie verliehen hatten.Die Schau mit dem Untertitel «Die Reise eines Genies von Antwerpen nach Genua und London» setzt sich ausserhalb des Dogenpalastes fort: Bei einem Spaziergang durch die engen, farbigen Gassen der Altstadt stösst man auf Spuren Van Dycks. In den Palästen, in denen einst seine Auftraggeber aus der Geldaristokratie der Seerepublik lebten, die Superreichen des 17. Jahrhunderts, hängen bis heute Werke des damals teuersten Porträtmalers Europas.Van Dyck im Alter von 15 Jahren: Selbstporträt, Gemälde, 1616/1617.Rubenshuis, AntwerpenEin AusnahmetalentDie Schau zeichnet die gesamte Laufbahn des Barockkünstlers nach. Schon der Auftakt ist spektakulär: Die Besucher begegnen dem jungen Maler aus Antwerpen in einem Selbstporträt, das Van Dyck im Alter von 15 Jahren schuf. Mit seinen gekonnten Pinselstrichen zeugt es vom Ausnahmetalent des Seidenhändlersohns.Nach diesem Prolog entfaltet sich die Ausstellung als Reise durch Europa in die drei wichtigsten Länder und Schaffensperioden Van Dycks. 1599 in Antwerpen geboren, brach er 1620 im Alter von erst gerade über 20 Jahren von London nach Italien auf. Drei Monate hatte der englische Hof ihn freigestellt. Es vergingen sechseinhalb Jahre, bevor Van Dyck die Finanzhauptstadt Genua wieder verliess, nach Antwerpen zurückkehrte und von dort als Hofmaler König Karls I. erneut nach London gelangte.Im Fokus der Ausstellung stehen die Beziehungen zwischen dem Maler und jenen drei Städten, in denen er sich am längsten aufgehalten hatte, bevor er mit 42 Jahren starb: Antwerpen, Genua und London. Den Kuratorinnen Anna Orlando und Katlijne van der Stighelen ging es darum, einen unmittelbaren Vergleich seines Stilwandels zu ermöglichen. Die Retrospektive ist deshalb nicht chronologisch geordnet, sondern folgt einem thematischen Ansatz: In jedem der zwölf Säle begegnet der Betrachter Gemälden aus allen drei Schaffensperioden, jeweils zu einem anderen Thema.Der Effekt ist verblüffend: Es tritt die erstaunliche Flexibilität des Künstlers hervor. «Van Dyck war ein Workaholic und wandlungsfähig wie ein Chamäleon», sagt die belgische Kunsthistorikerin Van der Stighelen. Es gelang ihm, sich mühelos an Milieus anzupassen, die ihm – mit Ausnahme von Antwerpen – fremd gewesen sein müssen. Stets bemüht, den Erwartungen und Anforderungen seiner vom Wandel bedrohten Kundschaft zu entsprechen.«Die Werke zeigen, dass Van Dyck in jeder Stadt ein anderer Maler war», sagt Van der Stighelen. Die Kuratorinnen präsentieren zum Beispiel Frauenporträts: eine Flämin von würdevoller Strenge, eine Genueserin mit souveränem Blick und eine Engländerin, die vor Eitelkeit strotzt. Jedes Gemälde hat einen eigenen Stil, eine eigene Atmosphäre und eine eigene Stimmung. Es erklärt Van Dycks Erfolg: Er war ein hochbegabter Interpret der Wünsche, Ambitionen und Träume der herrschenden Klasse.Das Ölgemälde «Die drei Lebensalter des Menschen» repräsentiert seine italienische Periode. Das philosophische Generationenbild rückt beim Nachdenken über das Leben die Gefühle in den Mittelpunkt. Dieser Fokus mache Van Dycks Werk so modern und im Vergleich zu den Gemälden seines Lehrmeisters Peter Paul Rubens zugänglicher.Anton van Dycks nachdenkliches Werk «Die drei Lebensalter des Menschen», Gemälde, 1625–1627.Musei Civici di VicenzaAnton van Dyck: «Samson und Delilah», Gemälde, 1618–1620.Jose Baztan Lacasa / NZZ-BildredaktionDie stolze Seerepublik, im Mittelalter auch «La Superba» genannt, spielte eine zentrale Rolle in der Karriere des Künstlers. In Genua verbringt er die meiste Zeit seines langen Italien-Aufenthalts, der ihn zwischendurch auch nach Venedig, Rom, Palermo und an viele andere Orte führte. «Der italienische Van Dyck ist der beste Van Dyck», sagt Anna Orlando, die Co-Kuratorin der Ausstellung. Er sei in einem perfekten Moment am Mittelmeer eingetroffen: voll ausgebildet, mit einem feinen Gespür für Farben und mit der flämischen Malerei im Blut. Er sieht nun in Italien eine unglaubliche Fülle an Dingen und ist davon geradezu berauscht.Bis zu seiner Abreise im Sommer 1627 malte Van Dyck eine grosse Zahl von Bildnissen der Genueser Patrizierfamilien, in denen er Würde und Zurückhaltung, Autorität und Eleganz verband. Dieser Stil machte ihn zum gefragtesten Porträtmaler seiner Zeit. Genua war im frühen 17. Jahrhundert das Tor zum Mittelmeer und ein Finanzzentrum Europas. Die Stadt vernetzte die Iberische Halbinsel und Italien mit Nordeuropa. Als Kreditgeber der spanischen Krone hatten die Genueser Bankiersfamilien ein unermessliches Vermögen angehäuft.Van Dyck malt den Nachwuchs einer genuesischen Adelsfamilie: «Porträt von Alessandro, Vincenzo und Francesco Maria Giustiniani Longo», Gemälde, 1626/1627.The National Gallery, LondonDie Destabilisierung der alten Ordnung in Europa setzte aber auch den Geldadel in Genua unter Druck. Mit der Inszenierung ihres Reichtums versuchte die Aristokratie, ihren Machtanspruch abzusichern. Und bot Van Dyck ein weites Experimentierfeld. Das «Porträt der Kinder Giustiniani Longo» illustriert das meisterhaft: Es zeigt den Nachwuchs einer genuesischen Adelsfamilie – prächtig gekleidet wie die Kinder des Königs von England.Der echte Van DyckIm Vergleich wirken die englischen Gemälde Van Dycks klischeehaft. In London fängt der Flame das Wesen des untergehenden Stuart-Hofes ein. Er malt eine Flut von offiziellen, ermüdend gleichartigen Porträts und beschäftigt in seiner Werkstatt eine Schar von Gehilfen. Das erkläre, warum die Qualität des italienischen Van Dycks überlegen gewesen sei, sagt Orlando. In Genua besass der Meister offenbar nicht einmal ein eigenes Atelier. «Die hier entstandenen Werke sind echte Van Dycks», sagt sie.Musei di Strada Nuova, GenovaEnglish Heritage Photo LibraryAnton van Dyck: «Christus, der das Kreuz trägt», 1618–1620; «Heilige Rosalia, von zwei Engeln gekrönt», um 1625.Die Schau im Dogenpalast will aber mehr sein als eine kunsthistorische Retrospektive: Sie ist eine Einladung, Europa neu zu denken. «Van Dyck, der Europäer» zeigt, wie sehr die Karriere des Barockmalers von der europäischen Verflechtung im 17. Jahrhundert abhing. Wirtschafts- und Handelsbeziehungen durchzogen den Kontinent. Künstler reisten zwischen den Höfen hin und her, stifteten Verbindungen zwischen kulturellen Identitäten.«Van Dyck zeigt uns, dass Europa keine politische Idee, sondern eine historische Realität ist», sagt Ilaria Bonacossa, die Direktorin der Museumsstiftung Palazzo Ducale. Zu einem Zeitpunkt, an dem Europa in seinen Grundwerten infrage steht, sei die Bedeutung der gemeinsamen kulturellen Wurzeln besonders gross, fügt sie hinzu.Van Dyck, l’Europeo, Palazzo Ducale, Genua, bis 19. Juli. Katalog: 45 Euro.Passend zum Artikel