Der andere BlickCornelius Welp, FrankfurtDie Übernahme der Commerzbank ist ein normaler Vorgang. Ihre Blockade ist zwecklos.Die Schwäche deutscher Banken hat auch politische Gründe. Dass sie zu Übernahmezielen werden, ist da nur konsequent. Auch deshalb sollte sich die Regierung zurückhalten.11.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDie Übernahme der deutschen Commerzbank schreitet voranThilo Schmuelgen / REUTERSSie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Morgen», heute von Cornelius Welp, Wirtschaftsredaktor der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Natürlich kann es in Sachen Commerzbank immer noch anders kommen. Vielleicht taucht ein Investor auf, der sich unbedingt an der deutschen Bank beteiligen will. Oder die italienische Unicredit bricht ihren im September 2024 gestarteten Übernahmeversuch ab, aus welchen Gründen auch immer. Sehr wahrscheinlich ist all das allerdings nicht.Vielmehr spricht immer mehr dafür, dass der Kampf um die Commerzbank bereits entschieden ist. Dass das Frankfurter Institut in absehbarer Zeit seine Selbständigkeit verliert und trotz erbittertem Widerstand seiner Führung und der Unterstützung der deutschen Bundesregierung in dem italienischen Bankkonzern aufgeht.Das Ende seiner 155-jährigen Geschichte wäre bedauerlich. Es wäre in einer liberalen Wirtschaftsordnung aber auch ein ganz normaler Vorgang. Und für die deutsche Volkswirtschaft wäre die Übernahme keine Katastrophe. Die Schwäche des Standorts hat viele Gründe. Ein Mangel an Kreditgebern zählt nicht dazu. Dass auch deutsche Politiker ein anderes Bild zeichnen, ist deshalb befremdlich.Die Italiener lassen sich nicht irritierenDie Italiener lassen sich von den mahnenden Worten aus Berlin ohnehin nicht irritieren. Sie bauen ihren Anteil aus, nach der letzten Meldung soll er inzwischen mindestens 38 Prozent betragen. Im Lager der Commerzbank heisst es, dass es dabei kaum mit rechten Dingen zugehen kann. Das soll zum Bild eines Angreifers passen, der von Anfang an unfair gespielt hat und vor dem sich die deutschen Unternehmen besser in acht nehmen sollten.Doch es ist ein Zerrbild. Zwar gilt die Commerzbank in der Branche tatsächlich als ein besonders engagierter Partner gerade des deutschen Mittelstands. Über die 2005 übernommene Münchner HypoVereinsbank ist aber auch Unicredit seit mehr als zwanzig Jahren in diesem Geschäft aktiv. Das wäre kaum möglich, wenn die Italiener deutsche Unternehmen nur auspressen und bei erster Gelegenheit fallenlassen würden.Weitere Argumente gegen den Zusammenschluss sind ebenso fragwürdig. Natürlich ist eine grössere Bank im Fall einer Schieflage ein grösseres Risiko für den Steuerzahler. Wenn Regierungen dieses verringern wollen, können sie die Regulierung verschärfen. In der Schweiz wird über dieses Thema seit Monaten intensiv diskutiert.Eine Regierung darf deshalb aber keine Übernahme eines Unternehmens durch einen Konkurrenten aus einem anderen EU-Land verhindern. Das gilt bei Banken ganz besonders, weil mit der EZB auch noch die gleiche Aufsichtsbehörde über deren Stabilität wacht. Wenn sich Politiker dennoch einmischen wollen, gefährden sie das Vertrauen von Investoren in die Stabilität eines Standorts.Berlin hat keine Trümpfe in der HandUmso erstaunlicher ist es, dass sich die deutsche Regierung den Argumenten der Commerzbank vorbehaltlos angeschlossen hat. Die Commerzbank kann deshalb sogar mit einem Zitat aus dem Berliner Finanzministerium bei ihren Aktionären darum werben, das Übernahmeangebot der Italiener nicht anzunehmen. Ausser verbaler Hilfe hat Berlin jedoch keine Trümpfe in der Hand.Mit ihrem verbliebenen Anteil von 12 Prozent kann sie zwar verhindern, dass die Commerzbank komplett in Unicredit aufgeht. Wenn die Mailänder Bank aber die klare Mehrheit der Aktien besitzt, ergibt eine Blockade keinen Sinn mehr. Das gilt umso mehr, als sich der Bund mittlerweile mit einem Gewinn von seinen in der Finanzkrise 2008 übernommenen Anteilen trennen könnte.Als die Deutsche Börse vor fast vierzig Jahren die dreissig grössten Unternehmen im Leitindex DAX versammelte, gehörten zu diesen noch fünf Banken. Nach einer Übernahme der Commerzbank bliebe davon nur noch die Deutsche Bank übrig. Eine vergleichbare Entwicklung hat es in vielen Ländern gegeben. In Deutschland ist sie aber auch eine Folge von Missmanagement und der sehr speziellen Struktur des Bankenmarktes.Rund 40 Prozent der an Unternehmen vergebenen Kredite stammen von Sparkassen und Landesbanken. Und damit von Instituten mit staatlichen Eigentümern. Das ist politisch so gewollt und hat durchaus Vorteile: Die Zinsen für Finanzierungen sind im Durchschnitt etwas niedriger als in anderen Ländern, Konten sind oft kostenlos.Die Kehrseite ist jedoch ein besonders intensiver Wettbewerb. Der macht es deutschen Banken schwerer als ihren Wettbewerbern in anderen Ländern, ausreichend Geld zu verdienen. Dass sie wie die Commerzbank zu Übernahmezielen werden, ist da nur konsequent. Auch deshalb sollte sich die deutsche Politik zurückhalten und ihre Blockade aufgeben.Passend zum Artikel