KommentarDas F-Wort zieht immer: Die Linke hat Faschismus zum Kampfbegriff gemacht. Dass damit eine menschenverachtende Ideologie verharmlost wird, nimmt sie in KaufDer Faschismusvorwurf hat Konjunktur. Wer «Faschist» sagt, will zeigen, dass er auf der richtigen Seite steht. So unsinnig der Vorwurf auch sein mag, er lässt kaum jemanden kalt.11.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenElon Musk ist einer. Benjamin Netanyahu auch. Donald Trump sowieso: ein Faschist. Das sagen jedenfalls ihre politischen Gegner. Im vollen Ernst. Was sie damit meinen, sagen sie nicht. Aber das ist auch nicht nötig. Wer den anderen als «Faschisten» bezeichnet, verbucht im Kampf um Aufmerksamkeit zuverlässig einen Punkt und bringt jeden Gegenspieler ins Taumeln. Der Faschismusvorwurf zielt auf das absolute Böse und ist die Wunderwaffe in der politischen Diskussion. Härter zuschlagen geht nicht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vor allem: Wer «Faschist» sagt, schlägt nicht nur zu, sondern zeigt auch, dass er auf der richtigen Seite steht. Politisch, moralisch. Dass er besorgt ist. Und wachsam ist gegenüber den Gefahren, die der Welt drohen: Autoritarismus, antidemokratische Tendenzen, Ausgrenzung von Minderheiten. Faschismus, das sind Hitler, Mussolini, Franco – Figuren, mit denen niemand verglichen werden will. Und wer den Unterschied zwischen ihnen und Trump, Marine Le Pen oder Milei nicht sieht, ist politisch naiv. Oder selbst ein Faschist.Medien greifen die Faschismusvergleiche dankbar auf. Und immer finden sich Historiker, die auf geschichtliche Beispiele verweisen, und Soziologen, die Versatzstücke liefern, um die Vorwürfe theoretisch zu belegen. Das klingt dann wissenschaftlich abgestützt, so dass sich Widerspruch zu verbieten scheint. Dabei gibt es kaum einen Begriff, der so unscharf ist wie der des Faschismus. Bis heute konnten sich Historiker nicht auf eine verbindliche Definition einigen. Soziologen ebenso wenig und Politikwissenschafter auch nicht.Das spirituelle WesenWomöglich hatte nicht einmal Benito Mussolini eine klare Vorstellung davon, was er unter Faschismus verstand. Der Begriff geht auf ihn zurück, aber er selbst hat ihn nie genau definiert. Erst zehn Jahre nach seinem Marsch auf Rom veröffentlichte der Duce eine programmatische Erklärung über seine politischen Ziele. Und faselte darin über das spirituelle Wesen des Faschismus. Aber ohne zu sagen, worin dieses Wesen bestehen sollte.Schon seine Zeitgenossen versuchten, den Faschismus präzis zu beschreiben. Doch ihre Definitionen sagen mehr über die Urheber aus als über die Sache. «Faschistisch» war für sie ein Etikett, das sie ziemlich willkürlich benützten, um politische Gegner zu diskreditieren. Leo Trotzki sah im Faschismus die terroristische Diktatur der Bourgeoisie. Für den bulgarischen Kommunisten Georgi Dimitrow war Faschismus der Zerfallszustand, in den die bürgerliche Demokratie übergeht, wenn keine sozialistische Revolution gegensteuert.Was sich den Zielen der extremen Linken entgegensetzte, galt als faschistisch. Schon vor Hitlers «Machtergreifung» bezeichneten moskautreue Kommunisten die Sozialdemokraten als «Sozialfaschisten». Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs liess Stalin sogar Holocaustüberlebende als «faschistische Verräter» verfolgen. Und die Sowjetunion prägte den an Zynismus nicht mehr zu überbietenden Begriff des «zionistischen Faschismus», um Israel als imperialistisches Projekt des Westens zu diffamieren.Mit dem Beginn des Kalten Krieges wurden vermehrt Anstrengungen unternommen, den Faschismus begrifflich zu bändigen. Einerseits über eine Totalitarismustheorie, die Sowjetkommunismus, Faschismus und Nationalsozialismus gleichzusetzen versuchte – und dabei die Konturen vollends verwischte. Andererseits über Kriterien wie totalitärer Anspruch, Führerkult, extremer Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit, Militarismus, Gewalt, symbolische Überhöhung des staatlichen Handelns – was ebenso wenig Klarheit brachte.«Betrachten, nicht beschreiben»Je unklarer wurde, was Faschismus ist, desto mehr Faschismen gab es. Pier Paolo Pasolini prägte den Begriff des «Konsumfaschismus», Jürgen Habermas kritisierte die autoritären Tendenzen der Studentenbewegung als «Linksfaschismus», und für die terroristische Rote-Armee-Fraktion war alles faschistisch, was aus dem Westen kam. Umberto Eco führte seinen Versuch, vierzehn Wesensmerkmale faschistischer Herrschaft zu bestimmen, selbst ad absurdum, wenn er behauptete, ob die Kriterien erfüllt seien oder nicht, sei nicht so wichtig: Von Faschismus könne man trotzdem reden.Die Literatur zum Thema ist nicht mehr zu überblicken, eine Einigung darüber, was unter Faschismus zu verstehen sei, ist in weite Ferne gerückt. Das beschert dem Begriff eine neue Konjunktur. Dass Putin, der von vielen westlichen Beobachtern als Faschist bezeichnet wird, von sich selbst behauptet, er bekämpfe den Faschismus in der Ukraine, ist die verwegenste Pirouette in einem absurden Wettbewerb, in dem sich Politiker, Journalisten und politische Aktivisten gegenseitig überbieten.Der amerikanische Historiker Timothy Snyder lässt keine Gelegenheit aus, um zu betonen, Trump sei ein Faschist. Mit einer bemerkenswerten Begründung: Es gebe zwar keine vernünftige Definition von Faschismus, räumte Snyder in einem Interview ein. Aber es gebe auch keine Definition, die Trump ausschlösse. Faschismus sei eben «eher ein Phänomen, das man betrachtet, als eines, das man Punkt für Punkt empirisch beschreiben kann».Man könnte das als intellektuelle Bankrotterklärung bezeichnen. Aber so will es Snyder natürlich nicht verstanden haben. Dass sich viele Menschen davor scheuten, Trump als Faschisten zu bezeichnen, liege darin, dass Faschismus ein Phänomen sei, das zum Handeln zwinge. Gegen den Faschismus müsse man kämpfen, sagt er. Davor hätten die Leute Angst. Deshalb verschliessen sie die Augen vor dem Offensichtlichen: dass sich die USA auf dem Weg in den Faschismus befinden. Oder sogar schon faschistisch sind.Das Schreckgespenst an der WandSo einfach kann die Welt sein, selbst für einen renommierten Intellektuellen. Snyder ist nicht der einzige Historiker, der Trump zum Faschisten stempelt. Robert Paxton, der sich mit Untersuchungen zum Vichy-Regime einen Namen gemacht hat, meldete sich kurz vor Trumps zweiter Wahl zu Wort. Er habe lange gezögert, Trump einen Faschisten zu nennen, sagte er der «New York Times». Aber nun sei er sicher. Dass Trump seine Anhänger ermutigt habe, das Ergebnis der Präsidentschaftswahl von 2020 mit Gewalt auszuhebeln, habe ihn überzeugt.Im Gegensatz zu Snyder bringt Paxton Argumente, denen man folgen kann. Oder nicht. In der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» hat der Soziologe Jan Philipp Reemtsma kürzlich die «Lust am Faschismusvorwurf» kritisch hinterfragt. Mit vernichtendem Resultat. Ob man die Frage «Ist es Faschismus?» mit Ja oder Nein beantworte, sei völlig folgenlos, schrieb er. Man verstehe Trump nicht besser, wenn man ihn zum Faschisten erkläre. Die Faschismusdebatten seien ein untauglicher Versuch, eine Etikette zu finden für Phänomene, bei denen es wichtiger wäre, sie präzis zu analysieren, als einen Namen für sie zu finden.Damit tun sich Historiker und Soziologen schwer. Das hindert sie allerdings nicht daran, sich kräftig in die Debatte einzumischen. Die Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey haben Reemtsma widersprochen. Die Frage nach dem Faschismus sei existenziell, halten sie ihm entgegen. Der historische Vergleich sei «eine Abstraktionsleistung, die über das konkrete Phänomen hinausgeht, indem sie vom historisch Spezifischen und Zufälligen» absehe.Das ist richtig. Und zeigt nur umso schonungsloser, wie dürftig ihr eigener Versuch ausgefallen ist, das Phänomen gedanklich zu bewältigen. Sie malen das Schreckgespenst eines «demokratischen Faschismus» an die Wand. Die so unsinnige wie perfide Wortschöpfung soll eine Form von Autoritarismus bezeichnen, die sich nicht von aussen gegen die Demokratie richtet, sondern in ihr selbst steckt. Und von Akteuren betrieben wird, die behaupten, die Demokratie erneuern zu wollen, während sie sie schleichend zu den eigenen Gunsten aushöhlen.«Es ist okay, sag Ja»Der «demokratische Faschismus», den Amlinger, Nachtwey und mit ihnen viele Linke in der Politik von Trump, Musk und der AfD erkennen wollen, ist ein Faschismus, der selbst nach den schwammigen Kriterien keiner ist. Aber das spielt offensichtlich keine Rolle. Trump, Musk, Netanyahu und Meloni müssen Faschisten sein: Das F-Wort trifft immer, und das Label Faschismus ist zu knackig, als dass man darauf verzichten will.Also legt man sich den Faschismus so zurecht, wie man ihn haben will. Dass der Begriff dabei seine Bedeutung verliert und der echte Faschismus verharmlost wird, nimmt man in Kauf. Schliesslich geht es nicht darum, den Faschismus zu verstehen, sondern ihn als Kampfbegriff zu nutzen: Wer gegen Faschisten kämpft, steht auf der richtigen Seite. Und so unsinnig der Vorwurf auch sein mag – er lässt kaum jemanden kalt.Ausser Donald Trump. Beim ersten Pressetermin im Oval Office wurde der neugewählte New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani von Journalisten gefragt, ob er den Präsidenten noch immer für einen Faschisten halte. Mamdani zögerte und begann, ausweichend zu antworten. Trump hörte einen Augenblick zu, lächelte. Dann klopfte er Mamdani auf die Schulter und sagte: «Es ist okay, sag Ja! Das ist einfacher, als es lange zu erklären.»Passend zum Artikel