PfadnavigationHomeWirtschaft4,2 Prozent InflationAbrechnung mit dem „System Trump“ – Wie die Unterwerfung der Zentralbank zu scheitern drohtVon Jan KlauthFreier US-Korrespondent mit Sitz in New YorkStand: 00:37 UhrLesedauer: 8 MinutenKam bei seiner eigenen Amtseinführung kaum zu Wort: Kevin Warsh (links), der neue Chef der Zentralbank FEDQuelle: Getty Images/Anna MoneymakerNächste Woche wird der neue FED-Chef über die künftige Zinspolitik Amerikas entscheiden. Monatelang hatte US-Präsident Trump aggressiv auf eine Senkung gedrängt. Die rückt durch den erneuten Inflationsschock aber in die Ferne – ausgelöst durch Trumps eigene Politik.Fast eine halbe Stunde steht er dort am Rande der Bühne, wirkt beinahe etwas verloren neben dem Präsidenten, der über das Redepult gelehnt vor allem über sich selbst spricht. Kevin Warsh nestelt an seinem Sakko herum, faltet die Hände zur Raute zusammen, dann legt er sie wieder hinter den Rücken. Ohne auch nur ein Wort zu sagen, muss sich der neue Chef der Zentralbank FED die Rede Donald Trumps anlässlich seiner Amtseinführung anhören.Dessen Ausführungen handeln vom angeblichen Versagen Joe Bidens und den Verfehlungen von Warshs Vorgänger Jerome Powell – Warsh selbst steht regungslos daneben, hin und wieder deutet er ein Nicken an. Dann sagt Trump: „Kevin wird die Unabhängigkeit der FED wahren“ – und es wird klar, dass das eigentliche Ziel des Präsidenten das genaue Gegenteil ist.Knapp zwei Wochen ist der gemeinsame Auftritt in Washington nun her. Und Warsh, das wird immer klarer, hat sich als neuer FED-Chef auf dünnes Eis begeben. Denn den Leitzins schnell zu senken – worauf der Präsident seit Monaten aggressiv drängt –, wird angesichts des erneuten Inflationsschocks immer unwahrscheinlicher. Stieg die Rate schon im Mai auf 3,8 Prozent, steht für den Juni erstmals in Trumps zweiter Amtszeit die Vier vor dem Komma: 4,2 Prozent.Lesen Sie auchHauptgrund dafür sind die Folgen des Iran-Kriegs und die Blockade der Straße von Hormus. Entsprechend müssen Firmen derzeit viel mehr Geld für Öl, Gas und Dünger ausgeben: Das Handelsministerium nennt einen Anstieg um 23,5 Prozent im Vorjahresvergleich. Besonders stark war der Anstieg der Benzinpreise: plus 40 Prozent.Der Blick ins Detail zeigt jedoch: Auch schon vor dem Iran-Krieg stiegen die Preise. Und rechnet man die Energiepreise heraus, liegt die Teuerungsrate immer noch über der Zielmarke von zwei Prozent. Seit Donald Trump vor anderthalb Jahren wieder ins Weiße Haus einzog, wird das Leben in den USA teurer. Das Gegenteil der versprochenen „sinkenden Preise ab Tag eins meiner Präsidentschaft“ ist eingetreten und setzt sich zunehmend fest.Kein Wunder, dass immer mehr Amerikaner auch an der offiziellen Erklärung aus dem Weißen Haus zweifeln. Woche für Woche erscheinen neue Umfragen, in denen die Zustimmungswerte der Trump-Regierung erodieren. Finanzminister Scott Bessent ist fieberhaft darum bemüht, die Inflation als „vorübergehend“ zu bezeichnen. Dabei haben Studien schon vor Längerem gezeigt: Zunächst sind die Preise vor allem wegen Trumps Zollpolitik gestiegen. Der Großteil der Unternehmen hat die Kostensteigerungen einfach an die Kundschaft weitergegeben – ein schmerzhafter, aber erwartbarer Effekt.Linkspopulistische Demokraten auf dem VormarschWährend Trump sich dafür feiert, dass infolge der US-Blockade in der Straße von Hormus Hunderte Tanker in Richtung Texas abdrehen, um dort Öl zu laden, hat er wohl den Folgeeffekt übersehen: Nicht nur für Europa und Asien bedeutet die kriegsbedingte Verknappung dauerhaft höhere Preise an der Zapfsäule, sondern auch für das eigene Volk. Und sollte sich die Teuerung verfestigen, gerät die FED unter Druck, die Zinsen anzuheben – also genau das Gegenteil von dem, was Trump will. Viele Volkswirte halten eine Erhöhung der derzeitigen Zinsspanne von 3,5 bis 3,75 Prozent für möglich.Die steigende Inflation wird wenige Monate vor den Zwischenwahlen zum Problem für die Republikaner. Die Unzufriedenheit zeigt sich beispielsweise im Bundesstaat Maine, wo Anfang der Woche der linkspopulistische Demokrat Graham Platner die Vorwahl gewonnen hat und im November für einen Platz im Senat ins Rennen gehen wird. Für die Demokraten ist Platner eine Schlüsselfigur für die Midterms, und das, obwohl er immer wieder durch Skandalmeldungen auf sich aufmerksam macht.Wegen der aktuell knappen Mehrheitsverhältnisse der Republikaner in beiden Parlamentskammern könnte jedes einzelne Mandat darüber entscheiden, wer am Ende die Macht im Kongress hat. Und die Chancen Platners, der Republikanerin Susan Collins ihren Sitz im Senat abzunehmen, stehen gut.Lesen Sie auchDenn die Preise dürften auch auf absehbare Zeit hoch bleiben. Ging die US-Energiebehörde EIA im Februar noch von einem Durchschnittspreis von 58 US-Dollar pro Barrel (159 Liter) Rohöl aus, dürfte der Preis nun bei 95 Dollar liegen. Erst 2027 dürfte der Durchschnittspreis auf 79 Dollar pro Barrel sinken – das wäre aber immer noch deutlich mehr als die 53 Dollar, die man im Februar erwartet hatte.Trumps gewünschte Zinssenkung dürfte aber nicht nur wegen der Inflation schwieriger werden. Ende Mai hat der 73-Jährige Jerome Powell überraschenderweise angekündigt, Gouverneur im Board der Zentralbank zu bleiben. Ein solcher Schritt ist unüblich und geschah bislang nur einmal – vor fast 80 Jahren. Er bleibe Teil der FED wegen der Angriffe auf die Institution, sagt Powell. Wer der Adressat dieser Aussage ist, dürfte jedem klar gewesen sein: der US-Präsident.In der Finanzwelt würde es ein mittelschweres Beben auslösen, wenn Trump das gelänge, woran andere Präsidenten vor ihm immer wieder gescheitert sind: die Unterwerfung der Zentralbank, für die Unabhängigkeit als wichtigste Tugend gilt. Viele Kritiker Trumps setzen ihre Hoffnung nun auf das Board der Zentralbank. Denn Warsh kann die Wünsche des Präsidenten nicht einfach so umsetzen, selbst wenn er wollte. Richtungsweisende Entscheidungen brauchen eine Stimmenmehrheit. Und die sechs übrigen Mitglieder des Gremiums scheinen skeptisch, was Trumps Politik angeht.Lesen Sie auchDass der Leitzins unter dem neuen Chef Kevin Warsh schon bald sinkt, sei jedoch auch unabhängig vom Preisniveau nicht sicher, sagt Sonal Desai von der New Yorker Investmentgesellschaft Franklin Templeton gegenüber WELT. „Die Erwartungen an den Finanzmärkten sind volatil, aber derzeit preisen Investoren ein, dass die Fed bis weit ins Jahr 2027 hinein stillhält“, so die Analystin. „Die Auswirkungen des Energieschocks auf die Gesamtinflation scheinen Zinssenkungen in naher Zukunft auszuschließen.“Doch Trumps Kontrollsucht beschränkt sich nicht nur auf die Zinspolitik. Das zeigt der jüngste Versuch des Präsidenten, Gouverneurin Lisa Cook zu entlassen. Trump, so sagen Kritiker, will Cook vorrangig deshalb loswerden, weil sie eine Stimme ist, die sich seiner Kontrolle über die Zentralbank entzieht. Formal stützt sich der Angriff auf Vorwürfe angeblichen Hypothekenbetrugs, die vom Trump-Vertrauten Bill Pulte und dessen Wohnungsaufsicht FHFA öffentlich gemacht wurden – bewiesen ist davon bisher nichts.Sollte der Präsident zunehmend Kontrolle über die Bank gewinnen, würde eine zentrale Schranke exekutiver Macht fallen, warnt Lev Menand. Der Finanzexperte und Jurist an der Columbia-Universität hat 2022 ein Buch über die Zentralbank verfasst. Schon damals warnte er vor einem „Kontrollverlust“. Die aktuelle Entwicklung betrachtet er umso mehr mit Sorge. Denn die Verfassung, so Menand, sehe ganz bewusst eine Gewaltenteilung vor: Während die Macht über das Militär schon immer beim Präsidenten lag, wurde die Kontrolle über die Zentralbank beim Kongress angesiedelt.Ehemalige FED-Chefs warnen vor TrumpDass Trump derlei verfassungsgemäße Statuten am liebsten über den Haufen werfen würde, ist keine Überraschung. So zeigte sich genau dieses Muster beispielsweise bei der Auswahl der Richter am Obersten Gerichtshof. Eine politisch unterwanderte Notenbank könnte die festgeschriebene Trennung umgehen, befürchtet Menand: Etwa indem sie über Inflation, Kredite oder Bilanzpolitik fiskalische Effekte erzeugt, ohne dass der Kongress zustimmt.Dass genau das bisher nicht gelang, ist auch ein Verdienst von Alan Greenspan. Fast zwei Jahrzehnte lang stand der heute 100-Jährige an der Spitze der Notenbank. Stets deren Unabhängigkeit verteidigt zu haben, gilt als wichtigste Errungenschaft der ungewöhnlich langen Amtszeit Greenspans. Der 1926 in New York als Sohn jüdischer Ungarn geborene Greenspan stand Zeit seines Lebens der Republikanischen Partei nahe.Doch die Einflussnahmeversuche des damaligen US-Präsidenten George Bush Senior, schmetterte er Anfang der Neunzigerjahre vehement ab. Bushs penetrantes Drängen auf niedrigere Leitzinsen ignorierte Greenspan, um eine aus seiner Sicht drohende galoppierende Inflation zu verhindern. Am Ende sollte er recht behalten. Damals sprachen viele Amerikaner von Greenspan als „Magier der Märkte“: Denn statt einer sich festsetzenden Krise wurden die Neunzigerjahre zu einem Jahrzehnt des Wachstums für Amerika.Lesen Sie auchWiederholt sich nun also die Geschichte? Trotz seines hohen Alters mischt sich Greenspan immer noch ins Tagesgeschäft ein. Wenige Wochen vor seinem 100. Geburtstag beteiligte er sich an einer Protesterklärung aller noch lebenden US-Notenbankchefs gegen Trumps wenig subtile Einflussnahme.Die Entlassung von Gouverneurin Lisa Cook würde die Unabhängigkeit der FED beschädigen, das öffentliche Vertrauen in die Notenbank untergraben und die Wirksamkeit der US-Geldpolitik gefährden, heißt es darin. Die Unterzeichner warnten außerdem, dass Länder, die die Unabhängigkeit ihrer Zentralbanken schwächten, häufig mit höherer Inflation und höheren Finanzierungskosten bezahlt hätten. Auch die vom Trump-Lager angestrengte strafrechtliche Untersuchung gegen Ex-Fed-Chef Jerome Powell sei ein „beispielloser Versuch“, die Unabhängigkeit durch staatsanwaltlichen Druck zu untergraben.Was Greenspan und Co. in ihrem Protestbrief schreiben, ist nicht nur eine Generababrechnung mit System Donald Trump. Es ist auch eine indirekte Warnung an den neuen FED-Chef Kevin Warsh, die Wunschliste aus dem Weißen Haus nicht gehorsam in die Tat umzusetzen, sondern die Unabhängigkeit der 113 Jahre alten Institution zu wahren, so wie er es in einer Anhörung vor dem Kongress im April beteuerte. Auf die Frage eines Abgeordneten, ob er die Sprechpuppe von Donald Trump sei, sagte Warsh dort: „Nein, Sir, auf keinen Fall.“ Bereits die kommende Woche wird zeigen, wie ernst er es mit seinen Versprechen meint.Jan Klauth ist US-Korrespondent mit Sitz in New York.
4,2 Prozent Inflation: Abrechnung mit dem „System Trump“ – Wie die Unterwerfung der Zentralbank zu scheitern droht - WELT
Nächste Woche wird der neue FED-Chef über die künftige Zinspolitik Amerikas entscheiden. Monatelang hatte US-Präsident Trump aggressiv auf eine Senkung gedrängt. Die rückt durch den erneuten Inflationsschock aber in die Ferne – ausgelöst durch Trumps eigene Politik.









