Eigentlich sollte alles nur ein Spiel sein. Mehr als 250 Jugendliche zwischen 17 und 20 Jahren simulierten von Samstag bis Dienstag den Parlamentsbetrieb im Deutschen Bundestag. Sie wurden von Abgeordneten nominiert, bekamen fiktive Namen und wurden der „Bewahrungspartei“, der „Partei für Gerechtigkeit“ und der „Partei für Engagement und Verantwortung“ zugelost. Sie wählten Fraktionsvorstände, trafen sich zu Landesgruppensitzungen und debattierten über Gesetze. Einmal miterleben, wie sich der politische Betrieb in der Hauptstadt anfühlt – das ist die Idee hinter „Jugend und Parlament“.Doch was zur Förderung des politischen Nachwuchses gedacht ist, endete dieses Jahr in einem Eklat. Es geht um Rechtsextremismus, Alkoholkonsum und Körperverletzung. Die Polizei ermittelt. Am Donnerstag wird sich der Ältestenrat des Bundestages mit den Vorfällen beschäftigen. Aber was ist überhaupt passiert?Bis Dienstagnachmittag dürften außer den Teilnehmern nur die wenigsten mitbekommen haben, was während der Veranstaltung vorgefallen ist. Dann ergreift eine Teilnehmerin des Planspiels bei der Pressekonferenz der AfD-Fraktionschefs Alice Weidel und Tino Chrupalla das Wort. Sie berichtet von rechtsextremen Äußerungen, von einer rassistischen Geste, die gezeigt wurde. Und sie will wissen, wie die AfD-Chefin dazu steht.Weidel herrscht die junge Frau daraufhin an und berichtet von einer Gruppe junger Menschen, die ihr „Ungeheuerliches“ darüber erzählt hätten, wie sie im Bundestag behandelt worden seien. Ihr sei berichtet worden, „dass ein Mädchen verprügelt wurde, nachdem sie als Nazischlampe hier bezeichnet wurde“, sagt Weidel. Die AfD-Chefin schaukelt sich hoch: Der „Kampf gegen die AfD“ führe dazu, dass politische Straftaten gegen Funktionäre der AfD durch die Decke gingen. Und deswegen würden „Menschen, die einen rechtskonservativen Gedankenkorridor haben, tätlich angegriffen“, sagt Weidel. „Mutmaßlich“, schiebt sie hinterher. Sie sei schließlich nicht dabei gewesen.AfD-Parteitag:Wie es den Rechten gefälltIn die AfD trat Alice Weidel ein, weil sie gegen den Euro war. Lange her. Mittlerweile hat sie sich dem Höcke-Sound der Partei bestens angepasst. Ihr Wahlprogramm: abschotten, abreißen, rausschmeißen. Eine Frau und ihr Wille zur Macht.Durch Weidels erzürnte Schilderung steht also auf einmal die Frage im Raum, ob eine junge Frau aufgrund ihrer politischen Haltung verprügelt wurde. Und das auch noch bei einer Veranstaltung, die der Deutsche Bundestag organisiert. Das wäre tatsächlich ungeheuerlich. Die Frage ist, ob es stimmt.White-Power-Zeichen: Teilnehmer wird ausgeschlossenWas stimmt, ist, dass ein Teilnehmer am Dienstagmorgen von dem Planspiel ausgeschlossen wurde. Er hatte zuvor einen Beitrag auf Instagram gepostet, auf dem er Daumen und Zeigefinger der linken Hand zu einem Kreis zusammenführt. Die anderen Finger derselben Hand spreizt er ab. Man kennt dieses Zeichen von Tauchern, die sich damit signalisieren, dass alles in Ordnung ist. Es wird auch als Emoji in Chats verwendet. Allerdings gilt die Geste auch als Code in rechtsextremen Kreisen, als sogenanntes White-Power-Zeichen, das für die angebliche Überlegenheit weißer Menschen steht. Im Gespräch mit der SZ berichten Teilnehmer des Planspiels auch davon, dass in Reihen der AfD-nahen Teilnehmern eine rassistische Unterscheidung zwischen „Blut- und Passdeutschen“ gemacht worden sei.Aber was war nun mit der jungen Frau, die angeblich verprügelt wurde? Nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung war es jedenfalls kein Linker oder Grüner, der die AfDlerin geschlagen hat. Die körperlichen Auseinandersetzungen, die es gab, hatten selbst nach Aussage eines Beteiligten keinen politischen Hintergrund. Die drei jungen Leute, die in der Nacht im Hotel handgreiflich wurden, kommen aus demselben Lager. Alle drei hatten im Reichstagsgebäude gemeinsam für ein Foto mit der AfD-Abgeordneten Beatrix von Storch posiert.Mit dem, was sich am frühen Dienstagmorgen in dem Hotel nahe des Hauptbahnhofs abspielte, in dem die Teilnehmenden von „Jugend und Parlament“ untergebracht waren, beschäftigt sich inzwischen die Berliner Polizei. Eine Sprecherin bestätigt Ermittlungen wegen „wechselseitiger Körperverletzung“ zwischen insgesamt drei Personen, 18 und 19 Jahre alt. Es seien insgesamt vier Strafanzeigen gestellt worden.„Ins Gesicht geklascht“Die SZ konnte mit mehreren Zeugen aus jener Nacht sprechen, darunter jenen, die die Polizei gerufen haben. Anhand ihrer Schilderungen lässt sich der Kern des Geschehens rekonstruieren.Zwischen drei und vier Uhr kommen zwei Teilnehmer des Planspiels ins Hotel zurück, die beiden nehmen auf CDU-Ticket an der Veranstaltung teil. In der Lobby treffen sie eine andere Teilnehmerin, ein AfD-Mitglied, die sich ein Kühlpack an den Kopf hält. Ein anderer Teilnehmer habe sie „ins Gesicht geklatscht“, nachdem sie einen blöden Witz erzählt habe, so ihre Schilderung. Daraufhin habe sie ihn zurückgeschlagen.Die beiden Zeugen erzählen, dass kurz danach eine weitere junge Frau, ebenso AfD-Anhängerin, in die Lobby gekommen sei. Sie habe eine Belästigung geschildert – durch genau den Mann, der ihre Freundin ins Gesicht geschlagen haben soll. Danach ist den Schilderungen zufolge ein weiterer junger Mann in die Lobby gekommen, der von sich aus zugegeben habe: Er habe den mutmaßlichen Belästiger in den Schwitzkasten genommen und „knock out geschlagen“.Die beiden Zeugen aus der Lobby haben nach eigener Aussage daraufhin das Zimmer dieses Mannes betreten. Sie finden einen jungen Mann auf dem Bett, atmend, aber nicht ansprechbar, untenrum nackt. Sie rufen Polizei und Rettungsdienst. Die Polizeisprecherin bestätigt, dass der junge Mann aus dem Zimmer am Hals verletzt wurde, er wiederum habe versucht, sein Gegenüber ins Gesicht zu schlagen. Der 18-Jährige wurde mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus gebracht.Bei dem Mann soll es sich nach SZ-Informationen um ein früheres Mitglied der Schüler-Union handeln. Der Mann hat sich zuletzt der AfD zugewandt, auf einem Foto von Anfang des Jahres ist er mit einer AfD-Abgeordneten zu sehen. Auf seinem Instagram-Profil zeigt er einen Adler, eine Deutschlandflagge und überkreuzte Säbel; am Mittwochnachmittag wurde das Profil gelöscht. Der Mann war für die SZ nicht zu erreichen.Unpolitische AuseinandersetzungDer Mann, der ihn in den Schwitzkasten genommen haben soll, ist AfD-Mitglied. Er gibt am Telefon zu, dass gegen ihn ermittelt wird, deshalb wolle er sich nicht weiter äußern. Nur so viel: Die ganze Auseinandersetzung sei „unpolitisch“ gewesen, sie habe nichts mit „irgendwelchen Parteien oder irgendwelchen politischen Sachen“ zu tun gehabt. Die Beleidigung „Nazischlampe“ sei zwar in diesen Tagen auch gefallen, aber das habe nichts mit einer körperlichen Auseinandersetzung zu tun.Die 19-Jährige hingegen, die im Hotel ihre Verletzung mit einem Kühlpack kurierte, will sich offenkundig nicht von der Opfererzählung der AfD abbringen lassen. Auf Instagram postet sie am Mittwochnachmittag, dass es ihrem Kopf nun besser gehe. Und wird dann kämpferisch: „Wer denkt er kriegt mich mit Gewalt dazu still zu sein, der hat sich vertan!!! Jetzt erst recht!!!“ Für die SZ war sie nicht zu sprechen.Und Alice Weidel? Die lässt auf Anfrage ihren Sprecher ausrichten, dass nicht alle der ihr geschilderten Vorfälle „bislang verifizierbar“ gewesen seien. Jugendliche Teilnehmer des Planspiels, die der AfD zugeordnet wurden, hätten jedenfalls berichtet, dass sie „von anderen Teilnehmern beleidigt und teilweise auch bedroht wurden“. Zu den körperlichen Auseinandersetzungen zwischen den eigenen Leuten: kein Wort.
Die falsche Opfererzählung der AfD
Ein Planspiel im Bundestag wird überschattet von rassistischen Vorfällen und Gewaltvorwürfen. Die AfD sieht sich als Opfer, aber wer hat hier eigentlich wen geschlagen?










