Die ersten Worte, die Papst Leo XIV. auf katalanischem Boden in der Öffentlichkeit sprach, waren auf Katalanisch: „Estimats germans i germanes“ (Liebe Brüder und Schwestern), sagte er zur Begrüßung der Gläubigen zum Mittagsgebet in der gotischen Kathedrale von Barcelona am Dienstagmittag. Seine Predigt verlas er dann auf Spanisch. Auch bei der Abendvigil im Olympiastadion „Lluís Companys“ – benannt nach dem auf Geheiß von Diktator Franco hingerichteten katalanischen Ministerpräsidenten Lluís Companys i Jover (1882 bis 1940) – mit 40.000 jungen Menschen sprach der Papst einige Worte auf Katalanisch. Den großen Teil der Veranstaltung, namentlich den Dialog mit Jugendlichen, absolvierte Leo dann in spanischer Sprache.So hielt es der Papst auch am Mittwoch, dem wichtigsten Tag seines Apostolischen Besuches in Katalonien: beim Treffen am Vormittag mit Gefangenen in der Haftanstalt „Brians 1“, auf halber Strecke von Barcelona zur Benediktinerabtei Montserrat gelegen; beim anschließenden Rosenkranzgebet zu Mittag in dem katalanischen „Nationalkloster“ Santa Maria de Montserrat, das auf mehr als 720 Metern Meereshöhe von bizarren Felsformationen umrahmt ist; beim Treffen am Nachmittag mit Caritas-Mitarbeitern in der Kirche San Agustín, zurück in Barcelona; und schließlich am Abend bei der Messe in der Basilika Sagrada Família und der feierlichen Segnung von deren jüngst vollendetem Jesus-Christus-Turm, dem mit 172,5 Metern höchsten Kirchturm der Welt.Leo gewinnt die Herzen der KatalanenMit der Frage, welcher Sprache er sich bei seinem Besuch in Barcelona und Montserrat bedienen werde, war der Papst schon am Samstag auf dem Flug von Rom nach Madrid konfrontiert worden. Bei der Begrüßung der gut 70 Journalisten an Bord wechselte er auch einige Worte mit Vatikan-Berichterstattern aus Katalonien. Leo grüßte sie ordnungsgemäß mit dem katalanischen „Bon dia“ und versicherte, er werde sich auch in Barcelona und in der Abtei Montserrat jeweils auf Katalanisch an die Gläubigen wenden – soweit es seine eher rudimentäre Kenntnis dieser Sprache eben zulasse. Er hielt sein Versprechen und dürfte damit die Herzen vieler Katalanen gewonnen haben.Wie obsessiv manche Katalanen die „Sprachenfrage“ verfolgen, zeigte sich sodann bei der historischen Rede des Papstes im Parlament in Madrid. Vor seiner Ansprache begrüßte Leo die aufgereihten Parteiführer beider Kammern. Die Fraktionschefin der katalanischen Separatistenpartei Junts, Míriam Nogueras, wandte sich auf Englisch an den Papst. Sie hielt dessen Hand deutlich länger, als es das Protokoll gestatten würde, und bat ihn, bei seinem Aufenthalt in Katalonien „die Landessprache“ zu sprechen, dies wäre ein „wunderbarer Akt der Liebe und des Respekts“, sagte sie. Die gleiche Bitte, aber auf Italienisch, trug der Fraktionschef von Junts im Senat, Eduard Pujol, dem Papst vor. Spanisch sprachen sie nicht mit dem Papst, obschon der fließendes Spanisch spricht, schließlich hat er rund zwei Jahrzehnte als Seelsorger, Ordensgeistlicher und Bischof in Peru verbracht.Auch Johannes Paul II. und Benedikt XVI. sprachen KatalanischSchon vor Beginn der knapp einwöchigen Reise des Papstes nach Spanien hatten ehemalige Präsidenten der katalanischen Selbstverwaltung (Generalitat), sowie Vertreter von Wirtschaft und Kirche und auch der Fußballklub FC Barcelona in mehreren spanischen und italienischen Zeitungen einen Appell an den Papst veröffentlicht. Leo möge bei seinem Besuch Kataloniens – der Station zwischen der Hauptstadt Madrid und den Kanarischen Inseln zum Abschluss der Reise – in jener Sprache beten, in welcher auch sie selbst sich an Gott wenden. In der Gruß- und Bittbotschaft wurden die Basilika Sagrada Família sowie das Kloster Montserrat als eminente katalanische Sprach-, Geschichts- und Glaubensmonumente hervorgehoben.Leo ist der dritte Papst, der im Rahmen einer Spanienreise auch die Region im Nordosten des Landes besuchte. Und wie seine Vorgänger Johannes Paul II. und Benedikt XVI., die 1982 beziehungsweise 2010 nach Katalonien kamen, musste auch Leo XIV. einen Drahtseilakt vollführen zwischen Reverenz gegenüber dem Gastgeberland Spanien und Respekt für das sprachliche, historische und kulturelle Erbe der Katalanen.Für dieses Erbe stehen die Sagrada Família und das Kloster Montserrat beispielhaft und monumental gleichermaßen. Als Johannes Paul II. vor 44 Jahren vor dem weltberühmten Bauwerk des katalanischen „Nationalarchitekten“ Antoni Gaudí das Angelus-Gebet sprach, standen erst acht der inzwischen 14 Türme der Basilika. Vier fehlen noch bis zur Vollendung der Kirche, an der seit 140 Jahren gebaut wird. Der polnische Papst ließ es sich bei seiner Reise im November 1982 nicht nehmen, auch vor der Statue der „Schwarzen Madonna“ in Montserrat zu beten. Sowohl Johannes Paul II. als auch Benedikt XVI. sprachen bei ihren Besuchen in Barcelona Katalanisch.Dass Leo nicht nur diesem Beispiel folgte, sondern auch die auf Schritt und Tritt mit katalanischen „Nationalsymbolen“ bemalte Serpentinenstraße zum Kloster Montserrat hinauffuhr, dortselbst vor der Statue von „La Moreneta“ mit dem Jesuskind betete und genau am hundertsten Todestag Gaudís am Grab des Architekten in der Krypta der Basilika betete und schließlich den Jesus-Christus-Turm der Basilika weihte, dürfte ihn tief in die Herzen vieler Katalanen eingeschrieben haben. Und nicht nur der Katholiken unter ihnen.