Özgür Özel hat tiefe Ringe unter den Augen. Die Strapazen der vergangenen Wochen sind ihm anzusehen. Gerade hat ein türkisches Gericht ihn unter höchst fragwürdigen Umständen als Vorsitzenden der größten Oppositionspartei des Landes abgesetzt. Die Polizei hat ihn mit Tränengas aus der Zentrale seiner Republikanischen Volkspartei (CHP) vertrieben. Jetzt sitzt Özel in seinem Parlamentsbüro in Ankara. Die langen Flure der Nationalversammlung sind leer. Es ist kurz vor 23 Uhr. „Es war ein langer Tag“, sagt Özel in stockendem Deutsch.Eine Delegation aus Berlin unter Leitung des stellvertretenden SPD-Chefs Alexander Schweitzer ist gekommen, um Solidarität zu zeigen. Die kann der bedrängte Oppositionsführer gerade gut gebrauchen. Auch wenn es Präsident Recep Tayyip Erdoğan kaum beeindrucken dürfte. Nur ein paar Minuten hat Özel Zeit für ein Gespräch mit Journalisten. Der nächste Termin wartet schon.Özel ist keiner, der viel Wert auf Hierarchie legt oder sich hinter seinem schweren Schreibtisch versteckt. Er will volksnah wirken. So lässt er sich müde auf einem Sessel zwischen den beiden Journalistinnen nieder. Er spricht über die Gefahr, im Gefängnis zu landen. Mehr als fünfzig Verfahren sind gegen ihn anhängig. Als Abgeordneter und Fraktionschef genießt er eigentlich Immunität. Besonders bitter ist, dass ausgerechnet Abgeordnete seiner eigenen Partei mit ihren Stimmen dafür sorgen könnten, dass sie aufgehoben wird.„Regierungsnahe Journalisten schreiben an die Abgeordneten in meinem Umfeld: ‚Wenn ihr Herrn Özel unterstützt, wandert ihr alle ins Gefängnis‘“, sagt er. „Ist das Erpressung, ein Bluff, eine ernst zu nehmende Drohung? Wir werden sehen.“ Um „einen Autokraten“ herauszufordern, müsse man eben alles riskieren. Dazu sei er bereit. Wenn Erdoğan auch ihn noch inhaftieren lasse, werde es niemanden mehr geben, der gegen den Präsidenten kämpfe. „Mal sehen, ob ihm das gelingt.“
Özgür Özel abgesetzt: Erdoğans großer Masterplan
Der türkische Präsident hat dem Oppositionsführer Özgür Özel eine Falle gestellt. Es sieht so aus, als sei er schon hineingetappt.






