Wenn die „Queen Mary 2“ in diesen Tagen zur nächsten Transatlantikpassage ausläuft, werden die 3000 Passagiere in den Bars, Restaurants und Kabinen wenig davon spüren, wie das Schiff, angetrieben von Diesel- und Gasmotoren mit insgesamt 116.000 PS, Fahrt aufnimmt. Die vier Schiffsschrauben mit jeweils knapp sechs Metern Durchmesser erzeugen einen besonders vibrationsarmen Vortrieb. Genau das war damals das entscheidende Kriterium, als der Auftrag vergeben wurde. Er ging nach Waren an der Müritz, an die Mecklenburger Metallguss GmbH.MMG zählt zu den weltweit führenden Herstellern großer Schiffsschrauben für Kreuzfahrtschiffe, Tanker und Containerschiffe. Bis elf Meter Durchmesser, bis 160 Tonnen Gewicht ist hier alles möglich. 40 Ingenieure haben über Jahre Expertise aufgebaut, gemeinsam mit den Universitäten Hamburg und Rostock, der Fraunhofer-Gesellschaft, dem Maritime Advance Research Centre in Danzig. Sie haben Fertigungsmethoden verfeinert und Maschinen konstruiert. Das verschafft dem Unternehmen einen Vorsprung vor der Konkurrenz aus Japan, China und Südkorea.Doch der Vorsprung schmilzt. Technologisch ist MMG vorn. Auf der Kostenseite ist das Unternehmen im internationalen Vergleich im Nachteil. Einer der Hauptgründe: die hohen Energiepreise und CO₂-Kosten am Standort Deutschland. Sie lasten als schwere Hypothek auf der gesamten Branche – und sie haben wesentlichen Anteil daran, dass viele der 545 deutschen Gießereien in Schwierigkeiten geraten sind.Martin Theuringer fasst die Lage so zusammen: „Die Gießerei-Industrie in Deutschland steckt in der schwersten Krise der Nachkriegszeit. Die Branche kämpft um ihre Existenz.“ Theuringer ist Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Gießerei-Industrie (BDG).Die Ursachen, sagt er, seien klar: zu hohe Energiekosten, ein völlig unzureichender Ausgleich für CO₂-Kosten, fehlende Unterstützung bei der Transformation zur Klimaneutralität, überzogene Umweltauflagen, ausufernde Bürokratie. „In Summe ist das nicht verkraftbar.“Vom Entwurf bis zur AuslieferungDie Gießereien bilden den Anfang vieler Wertschöpfungsketten. Und sie stehen symptomatisch für ein ganzes Bündel von Branchen, die Deutschlands Energiepolitik existenziell bedroht: Papier, Glas, Keramik, Textil und weite Teile der Metallverarbeitung gehören dazu. Es sind oft mittelständisch geprägte Branchen mit vielen kleinen und allenfalls mittelgroßen Produktionsstandorten, 124 Mitarbeiter im Durchschnitt. Gibt eines dieser Unternehmen auf, ist das gerade eine Notiz in der Lokalzeitung wert. Ein Niedergang in Raten.Ein Gang über das Werksgelände von MMG in Waren: Hier trifft Industriegeschichte auf Hightech. Neben dem modernen Verwaltungsgebäude ragen die Klinkerfassaden alter Industriehallen auf. Lärm, Hitze und Staub gehören hier zum Arbeitsalltag.Und doch stehen in diesen Hallen lasergeführte Bohrroboter, die MMG mit Hochschulen und Maschinenbauern entwickelt. Selbst eine Schraube von elf Metern Durchmesser wird auf wenige Hundertstelmillimeter genau bearbeitet. Eine eigens entwickelte Auswuchtmaschine sorgt dafür, dass die Propeller einwandfrei rundlaufen. Gussverfahren und Legierungen werden über Jahre optimiert, Modelle für die Gussformen kommen zum Teil aus dem 3D-Drucker.Geschäftsführer Lars Greitsch ist stolz darauf, dass er in Waren die gesamte Prozesskette abbilden kann – vom Entwurf bis zur Auslieferung. Mit technologischer Exzellenz versucht er, die Standortnachteile auszugleichen – das Überlebensmodell vieler Gießereien in Deutschland.Gießerei-Industrie als wichtiges BindegliedSchwenk nach Krefeld, zur Gießerei Siempelkamp. Ein Fun-Fact am Rande: Dass die „Queen Mary 2“ über den Atlantik fährt, verdankt sie nicht allein den Schrauben aus Waren. Auch Siempelkamp hat seinen Anteil – die Motorblöcke des Schiffs wurden in Krefeld gegossen.Gießerei in Krefeld: Beitrag zum Cluster. Foto: Siempelkamp Giesserei GmbHNun könnte man einwenden: Hätten die beiden deutschen Unternehmen Schrauben und Motorblöcke nicht geliefert, wären Wettbewerber aus Asien, vor allem aus China, eingesprungen. Wäre das ein großer Verlust gewesen? Muss sich Deutschland nicht ohnehin grundlegend wandeln – weg von der klassischen Industrie, hinein in die digitale Welt? Sind Gießereien nicht ein logisches Opfer im derzeitigen Strukturwandel?