Einen Zufluchtsort für Frauen, die sich vor ihrem prügelnden Partner in Sicherheit bringen wollten, hätte es ohne engagierte Feministinnen nicht gegeben. Vor 50 Jahren, als die Frauenbewegung mit viel Wucht gesellschaftliche Veränderungen einforderte, gründeten sie in Frankfurt den Verein „Frauen helfen Frauen“ und konnten 1978 das erste autonome Schutzhaus an der Rotlintstraße im Nordend eröffnen. In Deutschland war es erst das dritte seiner Art.Einige der Initiatorinnen von damals, heute alle über 70 Jahre alt, sind zu einer Feierstunde des Vereins ins Institut für Stadtgeschichte gekommen. Ehrenamtlich begannen sie ihre Arbeit, nahmen teils sogar Betroffene bei sich zu Hause auf, als es das Frauenhaus noch nicht gab. Was heute selbstverständlich ist – Sozialarbeit, Beratung, Supervision –, fehlte anfangs. Bettina Eichhorn erinnert sich an ein dreijähriges Kind, dem der Vater erst die Knochen gebrochen und es dann in eine Mülltonne geworfen habe. Das habe die Helferinnen an ihre Grenzen geführt. „Wir suchten in der ganzen Stadt nach Supervision, um mit der Belastung umzugehen, aber fanden niemanden. Die Gesellschaft konnte mit dem Thema häusliche Gewalt noch nichts anfangen.“Heute hat der Verein „Frauen helfen Frauen“ zahlreiche Mitstreiterinnen.Janek StempelWas vorher als Privatangelegenheit abgetan wurde, in die es sich nicht einzumischen galt, zerrte die Frauenbewegung ans Licht der Öffentlichkeit. Schläge und Erniedrigungen in einer Partnerschaft sah sie nicht als Teil einer „unglücklichen“ Beziehung, sondern begünstigt durch ein strukturelles Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern, das es als Ursache zu bekämpfen galt.Nur langsam wurden die Opfer von Gewalt in Partnerschaften auch gesetzlich bessergestellt. Erst 2002 habe das Gewaltschutzgesetz dafür gesorgt, dass häusliche Gewalt endlich vom Staat verfolgt werde, erinnert Hilke Droege-Kempf, die seit 1982 im Verein aktiv ist. Seit 2018 setzt auch die Istanbul-Konvention viel in Bewegung: Der von 45 Ländern Europas geschlossene Vertrag zum Schutz von Frauen ist seither in Deutschland geltendes Recht, das Bund, Länder und Kommunen in die Tat umzusetzen haben.Aber die Zahlen zeugen davon, dass die Gewalt zu- und nicht abnimmt. 2281 Fälle von häuslicher Gewalt und Stalking seien dem Gewaltschutzkommissariat der Frankfurter Polizei im vergangenen Jahr bekannt geworden, sagt dessen Leiterin Verena Gerstendorff. Im Jahr davor waren es noch 2060 Fälle. Doch die nächste Zahl ist noch erschreckender: 95 Prozent aller Fälle blieben unentdeckt, so die Polizeihauptkommissarin, das habe die Dunkelfeldstudie des Bundeskriminalamts kürzlich ergeben.Neue Kooperation: Beratung direkt auf der PolizeiwacheDaher sei auch die Beratungsarbeit des Vereins so wichtig, hebt Claudia Teuchmann von „Frauen helfen Frauen“ hervor. Mehr als 700 Betroffene suchten im vergangenen Jahr Rat, häufig vermittelt durch die Polizei, die entsprechende Informationen an Opfer weitergibt. Vom nächsten Monat an soll diese positive Zusammenarbeit verstärkt werden: In einem Pilotprojekt werden Mitarbeiterinnen des Vereins schon auf der Polizeidienststelle ihre Beratung anbieten, wenn Gewaltopfer dort ihre Aussage machen. „Es gibt erfahrungsgemäß ein eher kleines Zeitfenster, in dem Betroffene nach einer Gewalttat offen für Hilfsangebote sind“, sagt Teuchmann.Der Verein wirbt außerdem bei Wohnungsbaugesellschaften darum, Opfer häuslicher Gewalt bei der Vergabe von Sozialwohnungen vorrangig zu berücksichtigen. Denn die betroffenen Frauen und ihre Kinder finden nur schwer auf dem angespannten Wohnungsmarkt eine bezahlbare Unterkunft und bleiben dann länger als vorgesehen im Schutzhaus.Heute arbeiten Pädagoginnen, Sozialarbeiterinnen, Erziehungswissenschaftlerinnen, eine Hauswirtschafterin und eine Verwaltungsfachkraft in dem Frankfurter Verein, um Betroffenen zu helfen. Ein Bereitschaftsdienst steht rund um die Uhr zur Verfügung, um in Notfällen einen Schlafplatz zu organisieren. Im autonomen Frauenhaus, dessen Adresse geheim gehalten wird, können 60 Personen Zuflucht finden, darunter auch viele Kinder. Im vergangenen Jahr waren dort 30 Nationen vertreten, wie Hilke Droege-Kempf berichtet. Was einerseits auf ein internationales Gewaltproblem hinweise, andererseits aber auch darauf, dass eher Frauen aus anderen Ländern, die kein Netzwerk in der Stadt haben, dort Zuflucht finden. Bei der Beratungsstelle zeige sich jedoch, dass etwa zwei Drittel der Ratsuchenden einen deutschen Pass hätten, ergänzt Teuchmann.Der Verein „Frauen helfen Frauen“ feiert sein Jubiläum auch mit der Vorführung des Films „Morgen ist auch noch ein Tag“ mit anschließendem Gespräch im Filmmuseum am 16. Juni und einer Jubiläumsparty mit geschlossener Gesellschaft in der Naxoshalle.