ImagoVor der Segnung des Hauptturms der Sagrada Familia zum 100. Todestag Antonio Gaudís besuchte Leo XIV. ein Gefängnis und das Heiligtum Montserrat. Der Papst wirkte dabei entspannt – und erlaubte sich eine spontane Abweichung vom Protokoll.Florian Haupt, Montserrat10.06.2026, 17.58 Uhr5 LeseminutenSeit zwanzig Minuten schlagen die Glocken. Nach einem wolkenverhangenen Morgen ist die Sonne hervorgetreten und taucht den Innenhof des katalanischen Heiligtums Montserrat in warmes Licht. Schulkinder aus der ganzen Region erwarten Papst Leo XIV. auf der nächsten Station seiner umjubelten Spanienreise.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Glocken schlagen lange, denn der Heilige Vater ist verspätet. Seine Agenda ist straff, viele Reden, keine Pause seit der Ankunft am Samstag in Madrid. An diesem Morgen hat er noch einen Besuch im Gefängnis Brians eingeschoben, die soziale Botschaft der Kirche ist ihm besonders wichtig. Neben der spirituellen natürlich.Hier oben in den Bergen ausserhalb Barcelonas steht unter markanten Felsen die berühmte, über 1000 Jahre alte Benediktinerabtei. Die Mare de Déu de Montserrat, die schwarze Madonna im Inneren der Basilika, ist ein Ziel von Pilgern aus aller Welt. Leo XIII. erklärte sie 1844 zur Schutzheiligen Kataloniens. Der nächste Leo hat als Missionar in Peru eine ihr gewidmete Gemeinde geleitet. «Sie hat mich immer begleitet», wird er zu Beginn seiner Predigt auf Katalanisch sagen.Bei seiner kurzen Ansprache auf dem Balkon in Montserrat zeigt sich der Pontifex als Improvisationskünstler. Diese war im streng getakteten Ablaufplan nicht vorgesehen.ImagoSprachenstreit im VorfeldDas mit der Sprache war im Vorfeld ein Politikum. In Katalonien war die Empörung gross, als der Erzbischof von Barcelona zunächst alle Einlassungen auf Spanisch vorgesehen hatte. Die zunehmende Verdrängung ihrer Sprache besorgt auch Katalanen, die es nicht mit der Unabhängigkeitsbewegung halten.Deren Befürworter wiederum witterten die Chance auf Symbolik, beim Händeschütteln vor Leos Rede im spanischen Parlament sagte ihm eine Abgeordnete: «Die Sprache der Gastgeber zu sprechen, ist ein wundervoller Akt von Liebe und Respekt. Ich hoffe, Sie geniessen den Besuch in meiner Nation, Katalonien.» Dass sie sich dabei auf Englisch an ihn wandte, machte die Verstimmung in spanischen Medien nicht kleiner.Doch Leo XIV. steht über solchen Scharmützeln. Auf den Stationen seiner Barcelona-Etappe beginnt er als Geste des Respekts auf Katalanisch und wechselt dann ins Spanische, das er wegen seiner langen Zeit in Lateinamerika perfekt beherrscht. Alle sind zufrieden – so wie schon nach seiner Rede im Parlament, die wegen des ungewöhnlich einhelligen Applauses als «Wunder vom Kongress» in die Schlagzeilen einging.Der Papst ist ein Fan von Allen, und alle sind Fans von ihmEs ist ein wahrer Triumphzug, den Robert Francis Prevost durch Spanien hinlegt. Die Gläubigen strömen in Scharen, zu einer Messe auf der Madrider Plaza de Cibeles kamen am Wochenende allein 1,2 Millionen Menschen, über zwölf Millionen verfolgten sie im Live-Stream und etwa 60 Millionen schauten über die sozialen Netzwerke zu, wie spanische Medien berichten. Ähnliches wird nun auch in Katalonien erwartet.Selbst die nicht mehr praktizierende Mehrheit des Königreichs zeigt sich beeindruckt von Leos Ausstrahlung und seinem sicheren Wandeln zwischen Diplomatie und Botschaft. Neben der Kraft des Glaubens betont der Papst in diesen Tagen ebenso oft die Kraft von Vernunft und Konsens.Manche Begleiter im Tross nach Montserrat versichern, dass sie den Mann aus Chicago während seines gut einjährigen Pontifikats noch nie so gelöst erlebt haben wie dieser Tage. Der enge Kontakt mit den Menschen, die fast ungeteilte Begeisterung über seinen Besuch und die für ihn einfache Kommunikation auf Spanisch verdrängen das nach seiner Wahl zunächst gezeichnete Bild eines schüchternen, womöglich rigiden Papstes. Humor inbegriffen: «Der Papst hält es mit allen Mannschaften, aber Prevost ist Fan von Real Madrid», erklärte er in der Hauptstadt über seine Fussballsympathien, die in Katalonien umstritten sein dürften.Papst hebt Jugend hervor und spricht über MissbrauchIn Atrium vor der Basilika von Montserrat werden nun die Handys gezückt, denn das Schweigen der Glocken kündigt endlich sein Kommen an. Manche Schüler haben sogar zwei Telefone in der Hand, dafür, dass sie von Klassenkameraden auf die Schultern gehoben werden. Geschrei, Gekreische, es geht zu wie auf dem Pausenhof, im Stadion oder beim Taylor-Swift-Konzert. «Ich hoffe nur, sie haben wenigstens die Hälfte vom Rosenkranz behalten», mahnt eine Lehrerin, während sie eine Schülerin mit Vatikan-Fahne nach vorn schickt. Die Gebete habe man noch schnell pauken lassen, als man für den Besuch ausgewählt worden sei.Der Papst geht vorbei, eskortiert von einer Gruppe Klerikern, verfolgt von dreimal so vielen Bodyguards. Es dauert kaum länger als beim Radrennen. Ein Junge kommt aus dem Spalier gestürmt: «Er hat meine Hand berührt!» Der Junge, vielleicht zehn Jahre alt, zeigt einer Gruppe von Klassenkameradinnen, wie das passiert ist, er hat seine Hand vorgestreckt, ohne dass er etwas sehen konnte, und auf einmal wurde sie angefasst. Eine Mitschülerin streichelt seinen Kopf, um auch etwas heiligen Geist abzubekommen, eine andere berührt seine Hand und benetzt dann die eigenen Backen.Später in seiner Predigt dankt Leo den Kindern ganz besonders für ihr Kommen. Schon am Abend vorher in Barcelonas Olympiastadion hat er sich explizit an die Jugend gerichtet. Die wieder wachsende Sehnsucht nach Spiritualität unter nachkommenden Generationen ist ein festgestelltes Phänomen dieser Tage. Sie findet ihren Platz normalerweise nicht unbedingt bei der klassischen katholischen Kirche, aber die Figur des Papstes transzendiert auch solche Vorbehalte.Im Innenhof vor der Basilika betet zwar letztlich kaum ein Kind mit, es ist ein langer Vormittag. Aber auch ein solches Bild gehört zum menschlichen Touch, der dem Papst wichtig ist, und der sich abheben soll von einer dunklen Vergangenheit, als es in Spanien und besonders auch in Montserrat, schwere Missbrauchsfälle gab. Von «der Plage der Päderastie» hat der Papst selbst bei einem Treffen mit Opfern in Madrid gesprochen. Forderungen, Montserrat deshalb auszulassen, kam er aber nicht nach.Leo XIV. dankt für die Aufnahme von MigrantenDraussen vor dem Kloster sind die Leinwände grösser, und die Disziplin beim Rosenkranz ist es auch. Die Kulisse liefert den bisher spirituellsten Rahmen seiner Reise. Leo predigt, dass Christen dem gesellschaftlichen Hang zu Beleidigungen und üblen Nachreden in sozialen Netzwerken und anderswo widerstehen sollten. Als er zum Schrein der schwarzen Madonna emporsteigt und dazu vom Kinderchor das Loblied Virolai ertönt, vergiessen die versammelten Gläubigen manche Träne.Dann improvisiert der Papst, ganz in seiner entfesselten Linie dieser Tage, und tritt – entgegen dem angekündigten Ablauf – noch für eine Ansprache auf den Balkon der Abtei: «Danke Katalonien dafür, so viele Menschen aus anderen Ländern aufgenommen und sie in einer einzigen Familie integriert zu haben», sagt er gewandt an eine der europäischen Regionen mit dem höchsten Anteil von Migranten.Dabei steht der Höhepunkt der Reise noch bevor. Am Abend wird der Papst den kürzlich fertiggestellten Hauptturm der Sagrada Familia von Antoni Gaudí segnen. Der Architekt starb vor exakt 100 Jahren bei einem Verkehrsunfall, für Katalonien ist er ähnlich identitätsstiftend wie die Madonna von Montserrat. Nach Gaudís Willen sollte der Hauptturm, den der Papst am Mittwochabend segnet, denn auch nicht höher sein, als die «gottgeschaffene» Natur. Er ist 172,5 Meter hoch, fünfzig Zentimeter niedriger, als die Spitze des Montjuïc – und damit der höchste Kirchenturm der Welt.Seinen Mitarbeitern pflegte Gaudí einen Satz mitzugeben, den Leo XIV. wohl unterschreiben würde, in welcher Sprache auch immer: «Erst die Liebe, dann die Technik.»Passend zum Artikel