PfadnavigationHomePolitikDeutschlandSPD-Spitzenkandidat in NRW„Egal, wer in Fußgängerzone pöbelt – wer sich nicht an Regeln hält, muss Konsequenzen spüren“Stand: 11.06.2026Lesedauer: 7 MinutenJochen OttQuelle: picture alliance/dpa/Oliver Berg„Nicht getraut, bei bestimmten Themen Klartext zu sprechen“: SPD-Spitzenkandidat Jochen Ott sagt, seine Partei habe aus solchen Fehlern gelernt. Er will die Sicherheit im öffentlichen Raum zu einem zentralen Wahlkampf-Thema machen.Jochen Ott, 52, ist SPD-Fraktionschef im Landtag Nordrhein-Westfalens und designierter Spitzenkandidat für die Landtagswahl 2027. Er ist seit 2010 Abgeordneter des Landesparlaments.WELT: Herr Ott, sind Sie eigentlich Realist oder Optimist?Jochen Ott: Ich bin ein optimistischer Realist.WELT: Wir haben drei Zahlen für Sie: 42,8, 44,8 und 34,5. Kennen Sie diese Zahlen?Ott: Ich vermute, das sind Umfrageergebnisse für die CDU in Nordrhein-Westfalen.Lesen Sie auchWELT: Es sind die SPD-Wahlergebnisse von 2000, 2005 und 2010. Müssen Sie als Realist bei allem Optimismus nicht sagen: Das Niveau werden wir nie wieder erreichen?Lesen Sie auchOtt: Ich glaube, das liegt an uns selbst. Wenn wir wieder an die klaren Botschaften von Hannelore Kraft, an die Visionen von Johannes Rau und an den Mut eines Heinz Kühn in der Opposition anknüpfen, dann können wir das auch wieder erreichen.WELT: 35 bis 40 Prozent für die SPD in NRW – ernsthaft?Ott: Ergebnisse jenseits der 30 Prozent werden angesichts der Zersplitterung in der Parteienlandschaft zunehmend ambitionierter. Aber ich glaube, man darf den Anspruch nicht aufgeben, als Volkspartei wieder eine Mehrheit der Menschen zu vertreten. Daran arbeite ich. Ob das am Ende 25, 30 oder 35 Prozent sind, wird man sehen.WELT: Ihr größter Konkurrent in NRW, die CDU von Amtsinhaber Hendrik Wüst, liegt in aktuellen Umfragen bei 34 Prozent. Es scheint also noch möglich zu sein, Ergebnisse über 30 Prozent zu erzielen.Ott: Ich glaube, dass die Umfragen in NRW derzeit vor allem bundespolitisch geprägt sind. Landespolitik spielt in der Wahrnehmung der allermeisten Menschen erst unmittelbar vor der Landtagswahl eine Rolle. Lesen Sie auchWELT: Jetzt einmal realistisch betrachtet und nicht optimistisch: Welche Wähler haben Sie verloren? Wolfgang Kubicki hat einmal gesagt, die Marke FDP habe bei den Menschen „verschissen“. Ist das bei der SPD auch so?Ott: Wir waren an manchen Stellen sprachlos, an anderen feige. Wir haben uns nicht getraut, bei bestimmten Themen Klartext zu sprechen. Das haben wir verstanden und inzwischen korrigiert. Wir waren in NRW zuletzt viel auf Tour im Land. Und sind genau dorthin gegangen, wo wir besonders viel Wählerzuspruch verloren haben. Wir haben mehr als 1000 Zuschriften von Bürgerinnen und Bürgern erhalten, was wir anders machen müssen. Es hat uns selbst überrascht, wie konstruktiv das war. Diese Erkenntnisse sind in die Kurskorrektur der NRW-SPD eingeflossen, mit der wir uns Anfang des Jahres neu aufgestellt haben.WELT: Jetzt ist nur noch die Frage, ob die potenziellen Wähler die Kurskorrektur annehmen?Ott: Viele unserer Oberbürgermeister haben Probleme vor Ort schon lange offen angesprochen. An dieser Klarheit werden wir uns orientieren. Wenn Frauen mit Kinderwagen oder ältere Menschen öffentliche Plätze nicht mehr unbeschwert nutzen können, weil sie angepöbelt werden oder Menschen dort Drogen konsumieren, muss das thematisiert werden. Der öffentliche Raum darf nicht zum Angstraum werden – egal, ob im Ruhrgebiet oder in Teilen von Köln. Die Menschen erwarten von uns, dass wir solche Probleme klar benennen und Lösungen erarbeiten. Lesen Sie auchWELT: Und das haben Sie – nur mal so als Beispiel – beim Thema Migrationspolitik versäumt?Ott: Letztlich ist es egal, wer in der Fußgängerzone pöbelt, wen jemand liebt, wie er aussieht oder woher er kommt. Wer sich nicht an die Regeln hält, muss die Konsequenzen spüren. Wir sind in Deutschland gut beraten, eine Debatte darüber zu führen, wer sich an die Regeln hält und wer nicht. Denn Fakt ist, dass wir auf Zuwanderung angewiesen sind.Ich habe kürzlich erneut mit Experten aus der Pflege gesprochen. Sie warnen deutlich davor, dass wir Pflegekräfte aus dem Ausland dringend gewinnen müssen, damit das System nicht kollabiert. Jeder, der arbeitet, sich an die Regeln hält, sich integriert und bereit ist, Teil unserer Gesellschaft zu werden, ist herzlich willkommen. Wer sich nicht an die Regeln hält, eben nicht. Diese Haltung ist die Haltung der SPD. Punkt! WELT: Der Markenkern der SPD ist die soziale Gerechtigkeit. Gleichzeitig wird derzeit viel über Reformen und mögliche Einschnitte in den Sozialstaat diskutiert. Gibt es Bereiche, in denen Sie sagen: Diese Einschnitte trägt die NRW-SPD bewusst mit, weil sie notwendig sind?Ott: Entscheidend ist, ein schlüssiges Gesamtkonzept zu haben. Deshalb halte ich wenig davon, einzelne Bereiche herauszugreifen. Die entscheidende Frage ist, ob wir endlich in der Lage sind, unsere Systeme zusammenzudenken. Nehmen Sie die stark gestiegenen Ausgaben für die Eingliederungshilfe. Der Bund hat mit dem Bundesteilhabegesetz neue Leistungen beschlossen, die Kommunen müssen sie in NRW finanzieren. In den Schulen führt das dazu, dass immer mehr Alltagshelfer Kinder mit Einschränkungen begleiten. Ich habe Grundschulen erlebt, in denen 15 Erwachsene zusätzlich im Unterricht sitzen. Das ist irre. Das Schulsystem schaut zu, und die Landesregierung freut sich über die zusätzliche Unterstützung, für die die Kommunen aufkommen müssen.Lesen Sie auchWELT: Und nun?Ott: Aus meiner Sicht wäre ein sinnvollerer Ansatz, Schulen von Beginn an anders aufzustellen: mit einer Lehrkraft und einigen speziell ausgebildeten Fachkräften pro Klasse, die Kinder gezielt unterstützen. Das funktioniert aber oft nicht, weil die Zuständigkeiten zersplittert sind. Wir geben viel Geld aus, schaffen es aber nicht, Bildungs- und Sozialsysteme sinnvoll miteinander zu verzahnen. WELT: Wo würden Sie sparen?Ott: Wenn Sie mich fragen, wo ich Reformpotenzial sehe, dann würde ich auf haushaltsnahe Dienstleistungen schauen. Wir hatten unter Manuela Schwesig als Familienministerin ein Modellprojekt nach belgischem und französischem Vorbild. Die Idee ist ein Gutscheinsystem: Familien kaufen Gutscheine für Haushaltshilfen oder Reinigungsdienste – etwa im Supermarkt oder Kiosk.WELT: Also ähnlich wie eine Gutschein- oder Geschenkkarte?Ott: Genau. Diese Gutscheine werden durch einen Umbau der steuerlichen Subventionen finanziert und können bei zertifizierten Anbietern eingelöst werden. Der Staat fördert das System, sodass legale Hilfe im Haushalt bezahlbar bleibt. Damit könnte man mehrere Probleme gleichzeitig lösen. Schätzungen zufolge arbeiten in Deutschland Hunderttausende Menschen in diesem Bereich schwarz. Gelingt es, diese Arbeit in reguläre Beschäftigung zu überführen, fließen zusätzliche Beiträge in die Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung. Gleichzeitig würden Familien entlastet und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessert. Lesen Sie auchWELT: Hendrik Wüst hat mit Karl-Josef Laumann (CDU) einen Sozialminister, der auch über Parteigrenzen hinweg anerkannt ist. Glauben Sie wirklich, dass die Sozialpolitik das Feld ist, auf dem Sie die CDU-Regierung angreifen und am Ende ablösen können?Ott: Die soziale Flanke ist offen. Wenn man die Bilanz dieser Regierung objektiv betrachtet, fällt sie ernüchternd aus. NRW ist in vielen Länder-Rankings längst auf einem Abstiegsplatz, gerade im Sozialbereich. Im Kita-Bereich erleben Eltern immer wieder kurzfristige Schließungen. Im Bildungssystem haben wir hohen Unterrichtsausfall und zu viele Jugendliche verlassen die Schule ohne ausreichende Qualifikation. Gleichzeitig steigen die Mieten, Wohneigentum wird für viele Mittelschichtsfamilien unerschwinglich und bei den Pflegekosten gehört Nordrhein-Westfalen zu den teuersten Bundesländern.WELT: Die SPD attackiert ausgerechnet den CDU-Mann im Kabinett, der am ehesten Genosse sein könnte!Ott: Gerade im Pflegebereich trägt Karl-Josef Laumann seit vielen Jahren Verantwortung – 14 von den zurückliegenden 21. Trotzdem sind die Kosten so hoch wie nie und die Zahl der Insolvenzen von Pflegeeinrichtungen steigt. Das zeigt: Die Probleme sind nicht gelöst. Diese Regierung wird oft als geräuschlos beschrieben. Aber geräuschlos heißt nicht automatisch erfolgreich. Viele Menschen erleben im Alltag, dass zentrale Bereiche nicht so funktionieren, wie sie sollten. Je näher die Wahl rückt, desto stärker wird es darum gehen, diese Bilanz zu bewerten.WELT: Kommen wir zum Schluss noch einmal auf Ihren Optimismus zurück. Sie werden am Wochenende offiziell zum SPD-Spitzenkandidaten nominiert. Glauben Sie wirklich daran, der nächste Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen zu werden?Ott: Ja, auf jeden Fall. Ich will Ministerpräsident werden. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie schnell sich politische Stimmungen verändern können. Positionen, die gestern noch breite Zustimmung hatten, werden heute infrage gestellt. Am Ende wird die Frage sein: Was wollen die Menschen für ihr Land und wem trauen sie zu, die Probleme zu lösen? Ich glaube, dass sich bis zur Landtagswahl noch viel bewegen wird. Für die SPD ist dabei entscheidend, ob sie wieder an sich selbst glaubt und ausstrahlt, dass sie die Interessen der Menschen vertritt. Wenn uns das gelingt, gehe ich sehr optimistisch in diesen Wahlkampf.Rasmus Buchsteiner ist Chief Correspondent Berlin bei „Politico“ Deutschland.Maximilian Heimerzheim berichtet für WELT und „Politico“ über die SPD und gesellschaftspolitische Themen.
SPD-Spitzenkandidat in NRW: „Egal, wer in Fußgängerzone pöbelt – wer sich nicht an Regeln hält, muss Konsequenzen spüren“ - WELT
„Nicht getraut, bei bestimmten Themen Klartext zu sprechen“: SPD-Spitzenkandidat Jochen Ott sagt, seine Partei habe aus solchen Fehlern gelernt. Er will die Sicherheit im öffentlichen Raum zu einem zentralen Wahlkampf-Thema machen.















