Eine große Runde kam am Dienstag in Nordrhein-Westfalen für einen kleinen Wald zusammen. Zwei Ministerinnen und ein Minister der schwarz-grünen Landesregierung, der Vorstandsvorsitzende des Energieunternehmens RWE und der Landeschef der Umweltorganisation BUND unterzeichneten eine Vereinbarung zur Zukunft des Hambacher Forsts. Das Wäldchen im Rheinischen Braunkohlerevier mit den Tagebauen Hambach, Garzweiler und Inden soll dauerhaft erhalten bleiben, mit anderen Waldflächen vernetzt und zum Urwald werden.Spätestens 2035 soll das Areal an der Autobahn 4 zwischen Köln und Aachen vom derzeitigen Eigentümer RWE in öffentliches Eigentum übergehen und als sogenanntes Wildnisentwicklungsgebiet ausgewiesen werden. Dafür wird der Hambacher Forst unter Naturschutz gestellt. Nach Einschätzung der nordrhein-westfälischen Wirtschafts- und Klimaschutzministerin Mona Neubaur (Grüne) ist die Vereinbarung zwischen Naturschutz, Landwirtschaft, Kommunen und RWE keine Selbstverständlichkeit, sondern „das Ergebnis harter Arbeit“. Für Umweltminister Oliver Krischer (Grüne) ist der 9. Juni ein „historischer Tag“, ein neues Kapitel werde für den Hambacher Wald aufgeschlagen.Für die Grünen geht es darum, ein altes Kapitel abzuschließen. Seit drei Jahrzehnten verhedderten sie sich beim Thema Braunkohleabbau in Widersprüchen und Konflikten. Der Hambacher Forst spielte dabei zunächst keine Rolle. In den Neunzigerjahren, als sich um den Tagebau Garzweiler eine der hitzigsten energiepolitischen Debatten seit den Anti-Atomkraft-Demonstrationen von Brokdorf und Kalkar drehte, traten die Grünen mit dem Anspruch an, die Erweiterung von Garzweiler I um Garzweiler II zu verhindern. Die Erweiterung war von der SPD beschlossen worden, als sie noch mit absoluter Mehrheit regierte.Die Grünen und die Kohle – Konflikte und WidersprücheDoch 1998, als die Grünen schon seit drei Jahren gemeinsam mit der SPD in Nordrhein-Westfalen regierten, blieb der damaligen grünen Umweltministerin Bärbel Höhn nichts anderes übrig, als die lange herausgezögerte wasserrechtliche Genehmigung zu erteilen und damit Garzweiler II zu ermöglichen. Einige Monate davor hatte die grüne Basis die Koalitionsfrage gestellt. Auf einem Parteitag sprachen sich dann aber 60 Prozent der Delegierten für die Fortführung des Bündnisses mit der SPD aus. Das Votum war deshalb so wichtig, weil Rot-Grün in Düsseldorf in jener Zeit noch als „Modell für Bonn“ galt. Doch das Widerstandssymbol „Garzweiler“ war zum grünen Anpassungsmodell über Düsseldorf hinaus geworden.Anfang 2014 konnten die Grünen diese bittere Schmach in Teilen relativieren, als sie den Sozialdemokraten eine Verringerung der Abbauflächen von Garzweiler II um ein Viertel abrangen. Erstmals war es ihnen damit gelungen, die Grenzen eines genehmigten Braunkohleabbaugebiets zu verschieben. Es war ein schöner Erfolg, zumal damit klar war, dass die Heimat von 1400 Anwohnern doch nicht abgebaggert würde. Der Erfolg barg allerdings den nächsten Konflikt. Denn der Preis war ein Kompromiss, zu dessen Folgen ausdrücklich die Rodung des damals außerhalb der Region unbekannten Forsts am Nachbartagebau Hambach zählte.„Hambi“-Hype dank moderner KampagnenökonomieZu einem der – wie Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen (CDU) bei der Unterzeichnung der Vereinbarung am Dienstag formulierte – „bekanntesten Wälder Deutschlands“ wurde der Forst erst 2018. Als damals die von der Bundesregierung eingesetzte Kohlekommission darum rang, den Ausstieg aus der Kohle von 2045 auf 2038 vorzuziehen, suchten Umweltverbände wie Greenpeace und der BUND nach einer Möglichkeit, möglichst rasch medienwirksamen Druck auf das Gremium auszuüben und ihre Verhandlungsposition zu verbessern. Dafür entdeckten sie den kleinen Forst, der mittlerweile von Aktivisten „Hambi“ genannt wurde, die dort schon seit 2012 Baumhäuser gebaut hatten.Nach allen Regeln der modernen Kampagnenökonomie machten sie ihn zum neuen Symbol für den forcierten Kohleausstieg. Binnen weniger Wochen entwickelte sich ein Hype mit Massenwaldspaziergang und Großdemonstration. Der Wucht der neuen deutschen Waldbewegung vermochte die Politik nicht standzuhalten – am allerwenigsten die Grünen. Dabei handelte sich längst nur noch um den kleinen Rest eines ursprünglich 4000 Hektar großen Waldes, den der Energieversorger RWE bereits weitgehend gefällt hatte, um den Tagebau Hambach wie genehmigt voranzutreiben.Im Herbst 2018 ließ die damalige schwarz-gelbe Landesregierung die Baumhäuser unter Verweis auf den Brandschutz räumen. Es kam zu einem der bisher größten Polizeieinsätze in Nordrhein-Westfalen. Anfang Oktober verfügte das Oberverwaltungsgericht Münster auf Antrag des BUND jedoch einen vorläufigen Rodungsstopp. In ihrem Abschlussbericht empfahl die Kohlekommission der Bundesregierung Anfang 2019, die Verstromung von Kohle bis spätestens 2038 zu beenden, die Erhaltung des Hambacher Forsts bezeichnete sie als „wünschenswert“.Formell besiegelt wurde die Rettung 2020. Als die Grünen im Sommer 2022 erstmals in Nordrhein-Westfalen ein Regierungsbündnis bildeten, setzen sie im Koalitionsvertrag die Formulierung durch, dass die Waldflächen am südlichen Rand des Tagebaus vernetzt werden sollen, um den Hambacher Wald zu erhalten. Noch wichtiger war aus ihrer Sicht allerdings, dass sich die CDU darauf einließ, den Kohleausstieg in NRW auf das Jahr 2030 vorzuziehen.Der CDU fiel das auch deshalb nicht besonders schwer, weil damit geklärt war, dass das Energieunternehmen RWE nicht noch fünf weitere Orte für den Braunkohletagebau Garzweiler II abbaggern darf. Wäre alles geblieben wie bisher, hätte es im Rheinischen Revier wohl auf Jahre hinaus Großdemonstrationen von Klimaschützern gegeben. Das Anfang 2023 abgerissene Lützerath wird das letzte für den Tagebau geopferte Dorf bleiben.