Am Ende des Abends wird der Dreizehnjährige, der die Frage, worauf er Appetit hat, zu Hause stets mit „Pizza“ beantwortet, sagen: „Das war das Beste, was ich je gegessen habe!“ Was er als das beste Essen seines bisherigen Lebens beschreibt, bestand unter anderem aus Morcheln, Gänsestopfleber, Spargel, Kohlrabi, Kaviar und Krustentier – allesamt Zutaten, die das Herz eines Teenagers im Normalfall nicht höherschlagen lassen. Doch ein Besuch in einem Dreisternerestaurant ist auch kein Normalfall, für die meisten Menschen nicht und für einen Jugendlichen schon gar nicht. Das beginnt schon mit der Vorbereitung: Während die zwei Jahre ältere Schwester sich über die Gelegenheit freut, ihr neues Oberteil auszuführen, muss der Dreizehnjährige erst überzeugt werden, dass Sneaker kein angemessenes Schuhwerk für den Abend sind. Als dann auch noch ein weißes Hemd gebügelt ist, kann es losgehen.Die Stimmung ist fast feierlich und hat in ihrer vorfreudigen Erwartung etwas von dem Moment, wenn am Heiligabend das Glöckchen zur Bescherung klingelt, als wir uns den Weg durch die Hotelflure zum Restaurant Bareiss bahnen. Die leichte Anspannung vergeht bei den Kindern aber sofort, als wir freundlich plaudernd zum Tisch begleitet werden, denn sie stellen fest: Das Ambiente ist zwar äußerst elegant, aber sie selbst müssen sich nicht verbiegen und kleine Erwachsene spielen, sondern dürfen den Abend einfach nur genießen. Das Bareiss wird seinem Anspruch, gleichzeitig ein Fünfsternehotel und ein Ort für die ganze Familie zu sein, auch beim Fine Dining gerecht, bei dem die Teenager mit derselben Aufmerksamkeit bedient werden wie ihre Eltern oder das Unternehmerpaar am Nebentisch.Das Ambiente ist elegant, die Stimmung aber entspannt.Günter StandlNachdem alle mit einem Aperitif angestoßen haben – die Eltern mit einem Jahrgangschampagner und die Jugendlichen mit einem alkoholfreien Sekt auf Teebasis –, werden die ersten Grüße aus der Küche gebracht. Obwohl wir zu Hause auch gerne zusammen kochen und ausgiebig tafeln, drehen sich die Tischgespräche daheim meist um andere Dinge als das Essen. Das ist hier ganz anders. Die Jugendlichen bestaunen die Perfektion der Teller und kommentieren bei jedem Bissen, welche Aromen sie herausschmecken und die unterschiedlichen Texturen der Komponenten des Gerichts, der Schäume, Gelees, Terrinen und Sorbets. Eine Variation von der Gänsestopfleber mit grünem Apfel und Mandel würden die Geschwister sich wohl nicht freiwillig auf der Menükarte aussuchen, aber hier schwelgen sie ebenso wie wir im perfekten Zusammenspiel aus Süße, Säure und leichten Bitternoten auf der Zunge, genießen bei jedem Happen die Gleichzeitigkeit von zartschmelzend und knusprig am Gaumen.Drei Generationen an einem TischDie asiatischen Aromen des Gamba Carabiniera mit Ingwerschaum und Sesamkrokant rufen eine so große Begeisterung hervor, dass uns noch am Tisch das Versprechen abgenommen wird, wir müssten zu Hause einmal versuchen, den Gang nachzukochen. Wir schlemmen uns weiter durch den vegetarischen Frühlingsgarten mit Morchel, Sellerie und Sauerampfer, und die Kinder stellen fest, wie gut junger Spinat schmecken kann, vor allem, wenn er von Imperial Kaviar und Noilly-Prat-Sud begleitet wird. Als wir bei der eigentlichen Hauptspeise, einer Variation vom Perlhuhn mit weißem Spargel und Estragonschaum, angelangt sind, ist es schon gegen zehn Uhr, und unsere Mägen sind zwar gut gefüllt, aber die Neugier auf das, was noch kommt, ist ungebrochen.Als ganz am Ende der Pralinenwagen anrollt und der Kaffee serviert wird, tafeln wir schon seit vier Stunden, doch die Zeit ist im Flug vergangen. Wir haben an diesem Abend nicht einfach nur geschlemmt, sondern das Essen und seine Geschmacksfacetten in ganz verschiedenen Dimensionen erfahren. Dieses Erlebnis hat eher die Qualität einer gemeinsamen Reise als eines Restaurantbesuchs, weil die Sinneseindrücke so intensiv und vielfältig sind.Die optische Perfektion der Speisen beeindruckt die jugendlichen Gäste ebenso wie ihr Geschmack.Stéphanie TétuDass Familienfreundlichkeit und eine ausgezeichnete Kulinarik die beiden tragenden Säulen des Hotels sind, zeigt sich auch am nächsten Morgen: Kleinkinder inspizieren gemeinsam mit ihren Großeltern das Kinderbuffet, während sich die Eltern ein Omelette zubereiten lassen. An vielen Tischen sitzen drei Generationen einer Familie zusammen. Essen verbindet, vor allem, wenn es so viele unterschiedliche Dinge zu probieren gibt wie beim Frühstücksbuffet im Hotel Bareiss, das einen dazu verführt, einfach sitzen zu bleiben und sich durch den Vormittag zu schlemmen.Nach dem Frühstück hört die Beschäftigung mit dem Essen nicht auf, allerdings wechseln wir nun die Perspektive: Die Teenager dürfen einen Blick hinter die Kulissen werfen und die Hotelküchen besuchen. Los geht es in der Küche des Dreisternerestaurants, in dem wir ein paar bekannte Gesichter vom Abend zuvor wiedertreffen, nun sozusagen hinter der Bühne, am Pass. Hier überprüft Souschef Cyril Bettschen noch einmal mit genauem Blick jeden Teller, bevor er die Küche verlässt. Die Teenager sind erstaunt über die Ruhe und Präzision, mit denen hier gearbeitet wird: Jeder Handgriff sitzt und scheint perfekt mit dem des Nebenmanns abgestimmt. In der Realität herrschen nicht Chaos und Gewusel, wie man es aus den Restaurantküchen in Filmen kennt, sondern Ordnung und Struktur.Der Kühlraum ist so groß wie das KinderzimmerIn der großen Hotelküche direkt nebenan geht es schon turbulenter zu, allein schon deshalb, weil hier für viel mehr Gäste gekocht wird und dementsprechend auch mehr Personal im Einsatz ist. Hier faszinieren die Jugendlichen vor allem die Dimensionen der Utensilien, die in einer Großküche zum Einsatz kommen. Ein Koch setzt gerade einen Fonds in einem Topf auf, der das Ausmaß eines Weinfasses hat. Und der Kühlschrank ist in Wirklichkeit ein eisiger Raum, in den das Kinderzimmer locker hineinpasst.Überall begegnen uns auch Mitarbeiter, die nicht viel älter sind als die Teenager: Das ist auch kein Wunder, denn rund hundert junge Menschen werden im Bareiss in fünf unterschiedlichen Berufen ausgebildet, um dem größten Problem der deutschen Hotellerie, dem Mangel an qualifiziertem Personal, etwas entgegenzusetzen. Dafür gründete Hotelchef Hermann Bareiss vor etwas mehr als zehn Jahren eine eigene Akademie in der ehemaligen Dorfschule. „Wir haben kein Problem, gute Leute zu finden“, heißt es im Hotel deshalb auch – vor allem, weil die Mitarbeiter nicht nur gerne zum Arbeiten kommen, sondern auch bleiben. Bestes Beispiel ist der mit drei Michelin-Sternen dekorierte Küchenchef Claus-Peter Lumpp, der nun schon seit 43 Jahren im Hotel Bareiss kocht und damit einer der dienstältesten Angestellten ist.Aber nicht nur die Auszubildenden lernen gut zu kochen, sondern auch die Kinder der Gäste: Gemeinsam den Kochlöffel zu schwingen, ist ein fester Bestandteil des Programms, das den Kindern und Jugendlichen jeden Tag geboten wird. Wer noch tiefer einsteigen will, kann an einem der einwöchigen Küchencamps in den Schulferien teilnehmen: Dort lernen die jugendlichen Teilnehmer vom Küchendirektor Oliver Steffensky persönlich, wie man schwäbische Spezialitäten wie Maultaschen oder Spätzle zubereitet. Um die Produkte kennenzulernen, geht es aber auch zum örtlichen Gemüsehandel und zum hauseigenen Forellenhof, Ausnehmen der Fische inklusive.Und wer von der Küche dann immer noch nicht genug hat, der kann sich im Bareiss zum Minikoch ausbilden lassen. Die Ausbildung richtet sich an zehn- bis elfjährige Kinder, die innerhalb von zwei Jahren auf spielerische Weise alles über Nahrungsmittel und ihre Zubereitung lernen. Am Ende wartet eine Prüfung bei der IHK auf die Jugendlichen – und vielleicht wird später sogar eine Küchenkarriere daraus. Ein ehemaliger Minikoch wurde gerade mit dem ersten Michelin-Stern dekoriert.Übernachtung: Das Hotel Bareiss ist Mitglied der Vereinigung von Luxushotels und Restaurants Relais & Château (www.relaischateaux.com/de). Der Preis für eine Übernachtung für vier Personen im Doppelzimmer-Appartement kostet von 932 Euro an (www.bareiss.com).Kochen für Kinder: Das einwöchige Bareiss Küchencamp in den baden-württembergischen Schulferien kostet 175 Euro pro Kind. Die zweijährige Ausbildung zum Minikoch besteht aus zwanzig Praxistreffen, acht Theorietreffen, einer Abschlussprüfung und mehreren Sonderveranstaltungen und kostet 200 Euro pro Kind.
Perlhuhn oder Pizza? Mit Jugendlichen im Sternerestaurant
Fine Dining ist nur etwas für Erwachsene? Ein Abend mit Teenagern im Dreisternerestaurant Bareiss im Schwarzwald beweist, dass ausgezeichnetes Essen die ganze Familie glücklich macht.







