Eine Zehnjährige ritzt den Benutzernamen ihrer Peiniger in ihre Haut – wie das sadistische Online-Netzwerk «764» Kinder weltweit dazu bringt, sich und andere zu verletzenMehrere Fälle von Teenagern, die jüngere Kinder zu Gewalt gezwungen haben, schockieren Norwegen. Die Sicherheitspolizei ist alarmiert.10.06.2026, 15.10 Uhr4 LeseminutenGetty / Bearbeitung NZZEin Kinderzimmer irgendwo in Ostnorwegen. Ein zehnjähriges Mädchen sitzt vor einem Bildschirm. Die Eltern denken, dass sie mit ihren Freunden Roblox spielt – ein Online-Game, das auch bei Kindern in der Schweiz und in Deutschland beliebt ist. Doch auf dem Monitor spielt sich etwas ganz anderes ab.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Enthauptungen. Messerstechereien. Haustiere, die gequält werden. Menschen, die in den Tod springen.Das Mädchen ist in die Fänge des Online-Netzwerks «764» geraten. In ihre Haut hat sie die Benutzernamen der Netzwerkführer geritzt. Mit ihrem Blut muss sie diese auch an eine Wand schreiben. Die Buben in der virtuellen Welt sind ihre Herrscher. Sie ist ihr Sklave.Die norwegische Zeitung «Aftenposten» hat diesen Fall und weitere in den vergangenen Wochen publik gemacht. Derzeit laufen in Norwegen 38 Untersuchungen. Die Sicherheitspolizei PST warnt im Zusammenhang mit «764» auch vor politischer Gewalt, der norwegische Ministerpräsident Jonas Gahr Störe berief eine dringliche Sitzung mit dem Kriminaldienst ein, um über Massnahmen gegen das Online-Forum zu beraten.Dabei ist der virtuelle Kult kein neues Phänomen. In den USA und in Kanada wird «764» längst als terroristische Organisation eingestuft. Das, was im norwegischen Kinderzimmer passiert ist, könnte überall geschehen. Und tut es längst.Die Methoden: Manipulation, Erniedrigung, KontrolleDas Netzwerk «764» wurde 2021 vom damals 15-jährigen Bradley Chance Cadenhead in Stephenville, Texas, gegründet. Cadenhead, der in der Schule selbst gemobbt worden war und diese daraufhin abgebrochen hatte, lernte auf der Kommunikationsplattform Discord Methoden zur Ausbeutung und Erpressung. Dazu zählten unter anderem Sextortion, bei der Betroffene mit intimen Bildern erpresst werden, sowie Swatting, bei dem durch einen gefälschten Notruf ein Polizeieinsatz am Wohnort des Opfers ausgelöst wird.Im August 2021 wurde Cadenhead verhaftet und wegen des Besitzes von Kinderpornografie zu 80 Jahren Gefängnis verurteilt. «764» hatte sich aber längst über das Internet in der ganzen Welt verbreitet.Das Phänomen ist eine Mischung aus einer Sekte und einem dezentralen Netzwerk. Heute ist «764» nicht nur auf Discord aktiv, sondern auch auf Snapchat, Instagram, Tiktok und Telegram. Die Opfer werden über Online-Games wie Roblox oder Minecraft geködert. Alles, was die Kinder mit ihren vermeintlichen Freunden dort teilen, kann und wird gegen sie verwendet werden. Die Täter sind meist Buben im Teenageralter. Sie agieren nach genauen Anleitungen, die beschreiben, wie man das Vertrauen der Opfer gewinnt – und sie unter Druck setzt.Die Opfer, mehrheitlich jüngere Mädchen, werden gezwungen, sich und andere zu verletzen. Das alles müssen sie online dokumentieren, die selbsternannten Herrscher verfolgen die Taten manchmal auch live. Die Aufträge werden dabei immer grausamer – und reichen sogar bis zum Selbstmord. Wie im Fall des 13-jährigen Jay Taylor, der im Januar 2022 auf einem Parkplatz in Washington tot aufgefunden wurde. Das Handy, mit dem er seinen Suizid aufgezeichnet hatte, filmte noch.Je brutaler die Gewalt und je stärker die Kontrolle, desto höher steigt das Ansehen der Täter.In Norwegen fand eine Mutter ihre 15-jährige Tochter mit aufgeschnittenen Oberschenkeln in ihrem Bett vor. Das Mädchen hatte zuvor einem Jungen, den sie über Roblox kennengelernt hatte, ein Bild von ihrem BH-Träger geschickt. Sie hatte auch ihren Nachnamen und ihre Schule preisgegeben. Er hatte damit gedroht, das Bild zu verbreiten, sollte sie nicht seinen Benutzernamen in ihre Haut ritzen. So erzählte sie es später «Aftenposten».Die Mutter kontaktierte die Polizei – doch diese riet von einer Anzeige ab. Da sich der Täter vermutlich im Ausland befinde, werde sie ohnehin fallengelassen, lautete die Argumentation. Die Mutter und die Tochter gaben nicht auf. Mit Screenshots dokumentierten sie die Drohungen und blockierten alle Absender auf Discord und Snapchat. Weil es so viele waren, informierte Discord die norwegischen Ermittler. Im Winter 2025 leitete die Polizei schliesslich ein Verfahren ein.Der Fall wurde in Norwegen trotzdem eingestellt. Weil sich der Täter in Deutschland befindet, leiteten die Ermittler den Fall an ihre Kollegen weiter.Die Ideologie: Satanismus und NationalsozialismusIn Norwegen geht die Kriminalpolizei davon aus, dass die Zahl der Straftaten im Zusammenhang mit «764» zunehmen wird. Die Gewalt trifft auch Aussenstehende. In Schweden wurde 2025 ein damals 14-jähriger Junge wegen eines Messerangriffs auf einen 80-jährigen Mann verurteilt. In der Vernehmung gab er an, Mitglied von «764» zu sein. Sein «Herrscher» verfolgte den Angriff live im Internet. In Schweden wird mindestens noch ein weiterer Messerangriff auf eine 50-jährige Frau mit «764» in Verbindung gebracht.Die norwegische Sicherheitspolizei PST warnt davor, dass die Verherrlichung von Gewalt in den Netzwerken zu einer weiteren Radikalisierung führen könnte und zu schwerwiegenderer, politisch motivierter Gewalt.Und «764» ist nicht die einzige Online-Community, die den Ermittlern Sorge bereitet. In den vergangenen Jahren haben sich im Internet mehrere nihilistische Bewegungen, «Com» genannt, entwickelt – darunter «No lives matter» und die ukrainisch-russische Sekte «Maniacs Murder Cult». Sie vermischt Ideen aus dem altnordischen Heidentum, dem Satanismus und dem Nationalsozialismus. Eine Überzeugung ist allen gemein: dass menschliches Leben völlig wertlos ist.In Norwegen arbeitet die Regierung an Altersbeschränkungen für soziale Netzwerke. Die nordischen Justizminister haben die Technologieunternehmen zudem bereits 2024 dazu aufgefordert, strenger gegen die Rekrutierung von Minderjährigen in Gangs und auch Netzwerke wie «764» vorzugehen.Die Technologiechefs in Übersee scheinen die Appelle indessen wenig zu interessieren. Sie stehen in der Gunst des amerikanischen Präsidenten Donald Trump, und dieser vertritt den Standpunkt, dass die Europäer nicht vorschreiben können, was amerikanische Technologieunternehmen zu tun haben.Norwegens Ministerpräsident Jonas Gahr Störe sagte Ende Mai zur Zeitung «Aftenposten»: «Diese verdammten Firmen übernehmen einfach keine Verantwortung. Mein Puls rast, wenn ich an sie denke.»Auch im Fall des zehnjährigen Mädchens aus Ostnorwegen war es schliesslich die Mutter, die der Gewalt ein Ende bereitete. Nachdem sich ihr die Tochter anvertraut hatte, verständigte sie die Polizei und eine Beratungsstelle. Letztere hatte zuvor noch nie etwas vom Online-Netzwerk «764» gehört. Die Ermittlungen dauern noch an. Laut «Aftenposten» wurden zwei Täter, die das Mädchen bedroht hatten, in England und Israel identifiziert. Einer der beiden wurde festgenommen.Die anderen sind frei – und machen Jagd auf andere Kinder.Passend zum Artikel
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