Gianni Infantino hat nicht übertrieben, als er diese Fußball-WM „das größte Ereignis“ nannte, „das die Menschheit jemals sehen wird“. Er hat, was den deutschen Teil der Menschheit betrifft, allenfalls ein paar Details unterschlagen. Dass die Menschheit zunächst beim Telekomfernsehen ein kostenpflichtiges Streaming-Abo abschließen muss zum Beispiel, damit ihr nicht gleich in den ersten Stunden dieses planetenverändernden Superevents Südkorea gegen Tschechien durch die Lappen geht (Freitag, 12. Juni, 4 Uhr), später dann Ghana gegen Panama (Donnerstag, 18. Juni, 1 Uhr) oder Demokratische Republik Kongo gegen Usbekistan (Sonntag, 28. Juni, 1.30 Uhr). Das lässt sich aber für Telekom-Verhältnisse schnell erledigen. Es muss dafür kein Techniker kommen.Doch, jeder Fifa-Superlativ ist angebracht. So etwas Großes wie diese Mega-Maga-Gaga-WM gab es im ganzen Universum noch nie. Abgesehen vielleicht vom Urknall (circa 13 799 997 974 v. Chr.), der Entdeckung Amerikas (1492 n. Chr.; gewissermaßen das offizielle Fifa-WM-Warm-up-Programm™) und natürlich der Einführung des Privatfernsehens (1984 ff.), ohne das es Sendungen wie „Die Alm – Promischweiß und Edelweiß“ oder „Help! Hochzeit – Die schlimmste Woche meines Lebens“ nie gegeben hätte. Aber sonst?„104 Super Bowls in einem Monat – das ist die Größenordnung des Ereignisses, das wir organisiert haben“, sagt Infantino. Das ist mindestens so wahr wie einst der Werbespruch der Eismarke Ben & Jerry’s: „Unser Geheimrezept? Von allem zu viel“. Zu viel Karamellsoße verrührt mit zu vielen Brownie-Swirls und zu viel halbgebackener Keksteigmatsche wird halt doch ziemlich lecker. Es kann nur sein, dass eine 72-Spiele-Vorrunde, um im Eiscreme-Bild zu bleiben, am Ende so schmeckt, als sei sie mit zu viel Luft aufgeschlagen.DIES IST KEINE ÜBUNG! ÖSTERREICH – JORDANIEN IN SAN FRANCISCO BEGINNT UM 6 UHR MESZ!Keine WM schauen ist trotzdem keine Alternative. Sollte sich das deutsche Fernsehpublikum anfangs zieren, sich für die Westküstenspiele extra den Wecker zu stellen, müsste das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe dazu übergehen, diesen praktischen Alarm auf alle Handys zu senden wie am bundesweiten Warntag. ACHTUNG! DIES IST KEINE ÜBUNG! ÖSTERREICH – JORDANIEN IN SAN FRANCISCO BEGINNT UM 6 UHR MESZ. AGIEREN SIE UMSICHTIG UND HELFEN SIE NACHBARN, DEN FERNSEHER EINZUSCHALTEN! Piiiiiiiiiiiiieeeeeeeep!Und man darf ja nicht vergessen: Die Leute in Kinshasa oder Taschkent wollen vermutlich wirklich Demokratische Republik Kongo gegen Usbekistan schauen. Ganz Curaçao freut sich auf das 3:8 gegen Deutschland! Die Kapverden sind im Fußballfieber! Und wenn jemand Donald Trump erzählt, dass seine US-Boys DAS! ERSTE! MAL! EVER! in ein WM-Sechzehntelfinale einziehen, wird ihm vor Stolz die Karamellsoße aus dem Mund laufen. Von wegen 104 Super Bowls! Das wird alles noch viel, viel bigger! Thrill, baby, thrill!