Der Automobilhersteller Mercedes-Benz hat an seinem Standort in Berlin-Marienfelde die Großserienproduktion eines Elektromotors gestartet, der als Hoffnungsträger in der Elektrostrategie des Unternehmens gilt. „Es ist die erste großflächige Serienproduktion dieser Technologie weltweit“, sagte Michael Schiebe, Vorstand Produktion von Mercedes-Benz. Mehr als ein Drittel der knapp hundert Prozessschritte in der Fertigung seien Weltneuheiten, sagte er. Mercedes habe in die Industrialisierung des Axialflussmotors insgesamt einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag investiert, sagte Werkleiter Markus Keicher.Der Axialflussmotor aus der Entwicklung des britischen Start-ups Yasa, das Mercedes-Benz im Sommer 2021 übernommen hat, kommt zunächst in einem Sportwagen von Mercedes-AMG zum Einsatz, der vor drei Wochen in Los Angeles seine Premiere feierte. In Zukunft könnte die Technologie Eingang in eine breitere Produktpalette finden. „Wir unterstützen gerne Forschungsprojekte, um breitere Anwendungsfelder zu finden“, sagte Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU). Auch andere Automobilhersteller arbeiten an der Technologie. „Wir sind die Ersten, die sie in ein Serienfahrzeug einbauen“, sagte Mercedes-Vorstand Schiebe.Bisher wurden in dem 1902 gegründeten Werk in Marienfelde vor allem Dieselmotoren hergestellt. Jetzt soll der Standort zu einem Kompetenzzentrum für die Herstellung von High-Performance-Elektromotoren werden. „Es beginnt hier nicht einfach die Fertigung eines neuen Bauteils, sondern eine Transformationsgeschichte für Mobilität“, sagte die Berliner Verkehrssenatorin, Ute Bonde (CDU).Technologie aus Oxford beschleunigt AMGAls Mercedes-Chef Ola Källenius vor knapp fünf Jahren die Übernahme des britischen Elektromotorherstellers Yasa verkündete, hatte er kurz zuvor das Tempo der Elektrostrategie des Automobilherstellers von „Electric first“ auf „Electric only“ verschärft. Mit dem Ende des Jahrzehnts sollte auch der Verkauf von Autos mit Verbrennungsmotor bei Mercedes auslaufen. Doch die Rahmenbedingungen entwickelten sich anders als erwartet, und die Elektrostrategie hat Källenius in der Zwischenzeit wieder angepasst.Der Axialflussmotor von Yasa blieb trotzdem ein Hoffnungsträger in der Strategie. Das Aggregat von Yasa, einer Ausgründung der Universität Oxford, schafft eine größere Leistung und ein höheres Drehmoment als Elektromotoren anderer Bauarten bei gleichzeitig geringerem Gewicht und kleinerem Bauraum. Firmengründer Tim Woolmer, ein englischer Autonarr und Tüftler, der sich schon 2008 in seiner Dissertation mit dem Axialflussmotor beschäftigte, hat es zudem geschafft, das Problem der auf Schwingungen zurückgehenden höheren Lautstärke in dem eigentlich schon länger bekannten Motorkonzept in den Griff zu bekommen.Im Rahmen der Elektrostrategie von Mercedes-Benz soll Yasa zunächst das Elektroprofil von AMG schärfen. Gerade Kunden der Sportwagenmarke aus Affalterbach verlangen echte Innovationen, was bei der Weiterentwicklung von elektrischen Motoren im Vergleich zu Verbrennungsantrieben nicht mehr so einfach ist, heißt es in der Stuttgarter Zentrale. Der Axialflussmotor sei dagegen ein Produkt für Leute, die technische Finesse erwarten – und bereit sind, für eine solche Neuheit auch mehr zu bezahlen.Ferrari steht ebenfalls auf der KundenlisteDie Technologie von Yasa wird auch von anderen Sportwagenmarken eingesetzt. 2024 stieg der Umsatz des Unternehmens von etwas mehr als 60 Millionen Pfund auf mehr als 100 Millionen Pfund. Drei Viertel des Umsatzzuwachses entfielen laut Geschäftsbericht auf die Zusammenarbeit mit der Muttergesellschaft Mercedes-Benz, ein Viertel auf Geschäftspartner wie Ferrari und Lamborghini.Am Firmensitz in Yarnton, vor den Toren Oxfords, hat Yasa zuletzt in den Ausbau der Produktionskapazitäten auf bis zu 25.000 Axialflussmotoren im Jahr investiert. Zur Produktionskapazität in Marienfelde machte Mercedes-Benz am Dienstag keine Angaben. „Wir sind vorbereitet, um auf das zu reagieren, was der Markt gerne hätte“, sagte Werkleiter Markus Keicher.Seit 2022 ist in Marienfelde der zusammen mit Siemens aufgebaute Digital Factory Campus von Mercedes-Benz untergebracht. Das Werk spielt damit eine wichtige Rolle für die Digitalisierung der Produktion im globalen Produktionsnetzwerk des Konzerns. Insgesamt zählt das Werk heute rund 1800 Beschäftigte.