Die iranische Drohung steht im Raum: Wenn der Konflikt mit Israel und den Vereinigten Staaten wieder eskaliert, droht einer weiteren, strategisch wichtigen Meerenge die Schließung: dem Bab al-Mandab (Tor der Tränen), das den Indischen Ozean mit dem Roten Meer verbindet. Der Feind solle sich wegen der derzeitigen Lage dort nicht zu „Fehleinschätzungen“ verleiten lassen, erklärte Ali Akbar Velayati, ein hoher sicherheitspolitischer Berater des Regimes in Teheran. Er stellte die amerikanische und israelische Führung vor die Wahl: Entweder diese beendeten den „Wahnsinn“, oder sie müssten sich mit der „geregelten Kontrolle“ sowohl der Straße von Hormus als auch des Bab al-Mandab arrangieren.Friedlich ist es dort auch bisher nicht: Erst am Mittwochmorgen teilte die britische Behörde für die Sicherheit der Handelsschifffahrt (UKMTO) mit, dass Angreifer auf einem kleinen Boot sich einen Schusswechsel mit Sicherheitskräften eines Frachtschiffs geliefert hätten. Schiffe in der Nähe des Bab al-Mandab wurden aufgerufen, die Gegend vorsichtig zu befahren.Auch diese Meerenge ist ein wichtiges Nadelöhr. Durch das „Tor der Tränen“, das an seiner schmalsten Stelle nur etwa 30 Kilometer breit ist, werden laut Schätzungen zwischen zwölf und 15 Prozent des weltweiten Handels abgewickelt und etwa neun Prozent des weltweiten Öltransports zur See. Im Falle einer Blockade müssten Schiffe die deutlich längere und kostspieligere Route über das Kap der Guten Hoffnung nehmen. Nicht zuletzt der Ölexport der arabischen Golfstaaten wäre davon betroffen, der schon jetzt durch die iranische Blockade der Straße von Hormus massiv geschädigt ist. Saudi-Arabien hat zum Beispiel damit begonnen, seine Ölexporte über eine Pipeline ans Rote Meer umzuleiten.Anders als im Fall der Straße von Hormus würde eine Blockade nicht von den iranischen Streitkräften selbst durchgesetzt, sondern von einem arabischen Verbündeten: den Huthi-Rebellen im Jemen. Diese haben im Zuge der jüngsten Eskalation schon eine „totale Blockade“ der Seefahrt gegen Israel verkündet. Die Huthi könnten im Zuge einer solchen Blockade auch Handelsschiffe als „militärische Ziele“ attackieren, die nach ihrer Einschätzung irgendeinen Bezug zu Israel haben oder israelische Häfen ansteuern. Doch selbst wenn die Huthi nur ausgewählte Schiffe angreifen sollten, würden sie schon wirtschaftlichen Schaden erzeugen. Die Versicherungen für die Reedereien würden steigen, und diese könnten die Route durchs Rote Meer und den Suezkanal allein als Vorsichtsmaßnahme meiden.Teheran hat die Huthi-Rebellen für eine Seeblockade aufgerüstetWährend des Krieges im Gazastreifen hatten die Huthi dem Welthandel mit ihren Angriffen auf die zivile Schifffahrt im Roten Meer schon erheblich geschadet. Seinerzeit inszenierten sie die Attacken als Unterstützung für die palästinensische Terrororganisation Hamas nach deren brutalen Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023. Sie ließen sich auch durch die amerikanisch geführte Marinemission „Prosperity Guardian“ und amerikanische Luftangriffe nicht davon abbringen. Erst 2025, nach massiven amerikanischen Bombardements, stellte die jemenitische Bewegung ihre Attacken im Zuge eines Waffenstillstands ein.Die jemenitische Rebellenbewegung wurde von ihren iranischen Förderern für Angriffe auf den Seeverkehr gezielt weiter aufgerüstet. Laut einem im Mai veröffentlichten Bericht der Organisation Conflict Armament Research wurden die Huthi mit zwei Typen moderner Schiffsabwehrraketen iranischer Bauart ausgerüstet. Außerdem wurden demnach Bauteile für Unterwasserdrohnen oder Torpedos gefunden. Die Rebellen seien mit Waffen beliefert worden, die „ein breites Spektrum an Bedrohungsmöglichkeiten“ abdeckten, berichtet die Organisation, die sich auf beschlagnahmte Lieferungen an die Huthi im vergangenen Jahr beruft.„Iran versucht schon seit 2007, Zugriff auf das Rote Meer zu erlangen“, erklärt Farea al-Muslimi, ein jemenitischer Experte von der Denkfabrik Chatham House. De Jemen war aus Sicht Teherans günstig gelegen – auch wegen der Nachbarschaft zu Irans regionalem Rivalen Saudi-Arabien. In den Huthi, die wichtige Küstenregionen kontrollieren und laut Angaben aus Sicherheitskreisen auch befestigt haben, sei dem iranischen Regime ein wichtiger Hebel erwachsen. „Sie hätten die Mittel und den Durchhaltewillen für eine länger andauernde Raketenterrorkampagne im Roten Meer“, sagt Farea al-Muslimi.„Verstärkte iranische Aktivitäten in Sanaa“Wie andere Beobachter hat er allerdings Zweifel, dass sich die Huthi so einfach für Teherans Zwecke instrumentalisieren lassen. Die Gruppe ist zwar erklärtermaßen Teil der von Iran geführten „Achse des Widerstands“, einer Allianz, die sich die Vernichtung Israels und die Vertreibung der USA aus der Region auf die Fahnen geschrieben hat. Sie gilt als deutlich unabhängiger vom Willen Teherans als etwa die von den Revolutionswächtern gelenkte Hizbullah in Libanon. „Die Huthi folgen eigenen strategischen Erwägungen“, sagt Farea al-Muslimi.Das Regime in Teheran hat im Zuge der Konfrontation mit Israel und den USA offenbar versucht, seinen Einfluss auf die Huthi zu vergrößern, die weite Teile des Nordjemens und die Hauptstadt Sanaa beherrschen. „Iran arbeitet daran, die Huthi stärker seinen Interessen zu verpflichten“, heißt es aus einer jemenitischen Quelle mit Zugang zu Geheimdienstinformationen. „Schon seit einigen Wochen und Monaten ist eine verstärkte Aktivität der iranischen Revolutionswächter in Sanaa zu beobachten.“Dass die jemenitische Rebellenbewegung jetzt wieder ihren Kurs gegen Israel verschärft hat, führen Beobachter allerdings nicht in erster Linie auf die Bestrebungen Irans zurück. „Jetzt den Druck aufs Rote Meer zu erhöhen, ist auch im Interesse der Huthi selbst“, erklärt Mohammed al-Basha von der Beratungsfirma Basha Report. Er verweist auf die derzeit zäh verlaufenden Verhandlungen mit dem reichen Nachbarland Saudi-Arabien. Das Königreich führt eine Anti-Huthi-Koalition an, die erfolglos versucht hatte, die Huthi nach ihrem Eroberungszug des Jahres 2015 wieder aus Sanaa zu vertreiben.Stockende Verhandlungen mit Saudi-ArabienJetzt sucht die Führung in Riad händeringend einen gesichtswahrenden Ausweg aus der Konfrontation. Den Huthi winkt im Fall eines Arrangements saudisches Geld, das sie dringend gebrauchen können. Doch derzeit stocken die Gespräche über eine Beendigung des bewaffneten Konflikts. Eine Streitfrage ist der saudische Zugriff auf den internationalen Flughafen von Sanaa, den die jemenitische Rebellenbewegung gerne geöffnet sähe. „Die Huthi könnten gerade einen Vorteil darin sehen, den Druck auf das Rote Meer und damit indirekt auch auf Saudi-Arabien zu erhöhen“, sagt al-Basha.Er sieht auch in der Verbundenheit der Huthi mit der von Israels Militär bedrängten Hizbullah einen Grund, aus dem sich die jemenitische Gruppe wieder stärker in die Konfrontation einschaltet. Iran verlangt ein Ende der Angriffe auf die Schiitenmiliz und hatte Israel unter Feuer genommen, nachdem dessen Luftwaffe Ziele im Süden der libanesischen Hauptstadt Beirut angegriffen hatte. Im Zuge dieser Eskalation hatten die Huthi das erste Mal seit Monaten wieder Israel beschossen.„Die Loyalität gegenüber der Hizbullah ist größer als gegenüber dem iranischen Regime“, sagt auch Farea al-Muslimi. Die libanesische Schiitenmiliz stand den Huthi schon mit Ausbildern zur Seite, als diese noch eine Rebellenbewegung in der ärmlichen Peripherie im Norden waren. Hizbullah-Experten unterstützten die Huthi beim Aufbau ihres Raketen- und Drohnenarsenals. Farea al-Muslimi spricht von einem langwierigen militärischen, politischen und institutionellen Aufbauprozess, den die Hizbullah unterstützt habe.Am Ende steht nach seinen Worten ein Akteur mit größeren Ambitionen als der Herrschaft über den Norden des Jemens. „Die Drohungen gegen die Schifffahrt im Roten Meer dienen den Huthi als Instrument der Machtprojektion“, sagt al-Muslimi. „Sie inszenieren sich als Akteur, dessen Einfluss über die Grenzen des Jemens in die Region hinausreicht.“