Der Kabarettist Vince Ebert hält ein Plädoyer für mehr Fakten statt Gefühle: Der Hauptstadtempfang der NZZ in DeutschlandRund 200 Gäste aus Politik, Kultur und Wirtschaft feierten auf Einladung der NZZ im Berliner China Club.10.06.2026, 11.59 Uhr3 LeseminutenDer Kabarettist Vince Ebert bei seinem Vortrag.Bernd JaworekWer im Restaurant Medinis des Berliner China Club auf die Terrasse geht, blickt nicht nur über die deutsche Hauptstadt, sondern auf mehrere Schichten deutscher Geschichte zugleich. Auf der einen Seite thronen der in der Kaiserzeit errichtete Reichstag mit seiner gläsernen Kuppel, das Brandenburger Tor und das Kanzleramt, auf der anderen schweift der Blick über das Holocaust-Mahnmal, die längst verfallene Radarstation aus dem Kalten Krieg auf dem Teufelsberg und die in der Sonne glitzernden Fassaden der Hochhäuser am Potsdamer Platz, wo sich das wiedervereinigte Deutschland nach der Wende neu erfand.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es ist ein Panorama, das gut zu einer Zeitung passt, die seit bald 250 Jahren versucht, politische Entwicklungen mit analytischer Distanz zu betrachten. Zum zweiten Mal lud die NZZ am Dienstag zu ihrem Hauptstadtempfang in Deutschland. Rund 200 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Diplomatie, Kultur und Medien folgten der Einladung, unter ihnen die Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, Staatsminister Florian Hahn, der Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner, der Kabarettist Dieter Nuhr, der Rheinmetall-Chef Armin Papperger, der Schauspieler Philipp Hochmair und der Historiker Michael Wolffsohn sowie mehrere Botschafter.Florian Eder, Chefredaktor der NZZ Deutschland, und Eric Gujer, Chefredaktor der NZZ, begrüssen die Gäste.Bernd JaworekSeit 2017 blickt die NZZ von ihrem Berliner Büro aus mit einer unaufgeregten Schweizer Distanz auf die Bundesrepublik. Die kulturelle, politische und mentale Differenz sei das Erfolgsmodell der NZZ in Deutschland, sagt der NZZ-Chefredaktor Eric Gujer in seiner Begrüssungsrede. «Wir sind nahe dran, und wir haben doch einen anderen Blick.»Der NZZ-Deutschland-Chef, Florian Eder, die Bundestagspräsidentin Julia Klöckner und die NZZ-Verwaltungsratspräsidentin Isabelle Welton im Gespräch.Bernd JaworekEiner, der diesen anderen Blick auf seine Landsleute mit Präzision und Humor pflegt, ist der Kabarettist und Physiker Vince Ebert. Vor seinem Auftritt sitzt er in seinem dunklen Anzug auf einem der schweren Holzstühle auf der Terrasse, nippt an einem Glas Wasser und beobachtet das Treiben. Ebert blickt mit Sorge auf sein Heimatland, das er in einer Identitätskrise sieht.«Wir leben in einer antiaufklärerischen Zeit, in der Gefühle über Fakten gestellt werden», sagt er im Gespräch. Befindlichkeiten seien relevanter geworden als die Realität. Die Folge: Deutschland habe sich von einer Wissensgesellschaft zu einer «Besserwissergesellschaft» gewandelt.Gesellschaftsentwürfe wie eine Duscharmatur«Wir entwickeln Gesellschaftsentwürfe wie eine Duscharmatur», sagt Ebert. Gesellschaftliche Veränderungen seien hochkomplexe, dynamische Prozesse. «Wir Deutschen gehen daran jedoch wie ein Ingenieur an ein Sanitärbauteil und merken gar nicht, wie wir uns mit dieser Akribie immer tiefer in die Sackgasse manövrieren.»Als Ebert schliesslich die Bühne betritt, spricht er eine weitere Folge dieses Denkens an: Die Meinungsfreiheit ist nicht mehr selbstverständlich. «Wir leben in einer unfassbar verklemmten, spiessigen Biedermeierzeit. Jedes Wort wird moralisch aufgeladen, jeder hat Angst, irgendetwas zu sagen, weil es jemanden beleidigen könnte», sagt Ebert.Das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, sei den Deutschen im Zweifelsfall wichtiger, als tatsächlich etwas Richtiges zu tun, so der Kabarettist. Ebert formuliert solche Diagnosen mit der Mischung aus Zuspitzung und Ironie, für die ihn viele schätzen und andere kritisieren.Im Anschluss geht der Abend in das über, was man in der Schweiz einen «Apéro riche» nennt. Das Flying Buffet bringt das Beste aus den beiden Ländern zusammen: Spargel und Buletten aus Berlin, Pralinés und Schokolade aus der Schweiz.Bei Bier und Wein wird so bis in den späten Abend hinein diskutiert. Es sind ehrliche Gespräche, in denen die Sorge über den Zustand der deutschen Wirtschaft, Politik und Kultur allgegenwärtig ist.Auch Ebert glaubt, dass Deutschland ein schmerzhafter Weg in eine ökonomische Krise bevorstehe. Er will darin jedoch auch etwas Positives sehen: «Meine grosse Hoffnung ist, dass durch diesen Schmerz am Ende wieder Vernunft einkehrt – wenn die Leute sich nicht mehr über 17 Geschlechter Gedanken machen müssen, sondern darüber, wie sie ihre Miete bezahlen.»Lange nach Sonnenuntergang, als in den umliegenden Regierungsbauten das Licht ausgegangen ist, wird auf der Terrasse noch über Wirtschaft gesprochen, über Politik, über die Frage, wie viel Pragmatismus dieses Land wieder lernen muss. Und über die Frage, wie man darüber schreibt, ohne in Alarmismus oder Beschwichtigung zu verfallen.Passend zum Artikel
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