Mike ist zwar erst Anfang vierzig, aber schon in diesem fast noch jugendlichen Alter eine Art wandelnder – nein, rollender – Anachronismus. „Wenn einer nicht schwimmen kann, liegt es selten an der Badehose“, sagte er an einem heißen Pfingstferientag keck und schwang sich auf das, was früher einmal ernsthaft als Rennrad durchgegangen ist: Stahlrahmen in bieder-konservativer Bauweise, Ledersattel, V-Bremsen mit Seilzug und Schalthebel, die kurz über dem Flaschenhalter am Rahmen angebracht sind. Wenn das Rad noch eine zu erkennende Farbe gehabt hätte, wäre es vielleicht als Vintage-Accessoire für die Stadt zu gebrauchen gewesen. Aber dieser Bock war eigentlich nur eines: abgeschrammelt.Am ersten Nachmittag trat Mike das Rad tief nach Österreich hinein. Am zweiten über die Großglockner-Hochalpenstraße, den Gailbergsattel und den Plöckenpass. Am dritten Tage durch den Gegenwind der italienischen Voralpen bis runter an die Adria, wo Freunde, Frau und Kinder auf einem Campingplatz warteten. Mike trug dabei eine ausgeleierte Radhose und ein Trikot, das er von irgendjemandem geerbt hatte. Und wenn er zum Beispiel am Glocknerpass abstieg, um einen Riegel zu kauen und vor der Abfahrt noch einmal durchzuschnaufen, boten sich seinen Begleitern spektakuläre Aus- und Anblicke. Auf die hochalpine Landschaft, in der sich das Teerband der Passstraße durch Fels und Altschnee schnitt. Und auf das Zusammentreffen von Vergangenheit und Gegenwart, wenn neben Mike andere Rennradler anhielten und ihn verwundert musterten.Solche, bei denen Helm, Trikot, Socken einem ausgeklügelten Farbkonzept folgen. Solche, die Kampfmaschinen aus Carbon fahren. Mit drei Flaschenhaltern am Rahmen und Power-Gels in den Trikottaschen. Solche mit Bordcomputern am Lenker.Distanz statt gemeinsames Schnaufen und Schwitzen – wo ging das besser als bei einsamen Ausritten auf den Landstraßen?Spätestens mit der Pandemie ist über den Rennradsport der Hype hinweggerollt. Lange war der in etwa so cool wie die Menschen, die ihn betrieben. Männer, in aller Regel. Meist eher älter. Die entweder hochrote Köpfe unter ihre Helme und beachtliche Bäuche in quietschbunten Spandex-Stoff zwängten, oder im Gegenteil die eigene Mumifizierung miterlebt hatten. Typ Dörrpflaume, lederne, faltige Haut, dünne, mit Melkfett eingeschmierte Pobäcklein unter langsam durchsichtig werdendem Trikot-Stoff. Nach Spaß sah das alles nicht aus. Und sexy erst recht nicht. Nichts für ungut, Sportskamerad auf dem Bild von früher (stilistisch stammt es etwa aus den Achtzigerjahren). 1001nights/Getty ImagesDoch dann: Schlossen 2020 die Turn-, Kletter-, Squashhallen und die Fitnessstudios, war das gemeinsame Kicken verboten und erst recht, nebeneinander auf Yogamatten tief auszuatmen. Distanz statt gemeinsames Schnaufen und Schwitzen – wo ging das besser als draußen, bei einsamen Ausritten auf den Landstraßen? Plötzlich hatte selbst der Kollege aus der Rechnungsabteilung einen „Hobel“, wie er sein 10 000-Euro-Gerät lässig nannte. Und bald noch einen zweiten, einen geländegängigen Bruder – in unserer immer durchdesinfizierten und keimfreien Welt lässt sich mit einem Gravelbike die angemessene Menge Matsch fressen, die der Mensch braucht, um sich hin und wieder mal als Tier zu fühlen. Selbst als 2021 die Ever Given den Suezkanal blockierte, beim Welthandel die Pausetaste gedrückt war und plötzlich keine Rahmen, Schaltungen, Tretlager mehr aus Fernost nach Europa kamen, konnte das die neue Radbewegung nicht mehr ausbremsen.Denn das ganz analoge Rennradfahren, das früher mit dem Spruch „Quäl dich, du Sau“ vollends auserklärt war, erwies sich als mehrfach kompatibel mit dem Digital- und Social-Media-Zeitalter. Zum einen die Mode: plötzlich very instagrammable. Dass oben und unten eigentlich nur Weiß infrage kommt – weißer Helm mit verkehrt herum hineingesteckter Sonnenbrille, weiße Socken, weiße Schuhe –, gilt als absoluter Konsens. Wenn davon abgewichen wird, dann nur, um einem stringenten Farbkonzept von Trikot und Hose zu folgen, wie die Sportsfreundin auf dem aktuellen Bild. Counter/Getty ImagesDie passenden Mittel zur Distinktion in den sozialen Netzwerken stellen nun gleich mehrere gehobene Hersteller zur Verfügung – und dass zwischen Herstellungs- und Verkaufspreis wohl eine recht gute Marge passt, zeigen die Flagship-Stores, die sie mittlerweile in den eher teuren Mietlagen der Großstädte eröffnet haben.Wie quietschbunte Papageien-Presswurst auf zwei Rädern sieht schon lange keiner der Rennradfahrer und der vielen neuen Rennradfahrerinnen mehr aus – es dominieren bei eigentlich allen Marken ähnlich reduzierte Designs, einfarbige in eher gedeckten Tönen. Was aber nicht bedeutet, dass man die Kleidungsfrage nicht zu einer Glaubensfrage erheben könnte: Fährst du Pas normal oder bist du eher Team Café du Cyclistes? Ryzon? Aber nicht ernsthaft immer noch Rapha? Am besten gleich unter dem Reel der letzten Ausfahrt taggen.Wer Daten hat, hat heute sein Leben im Griff – und Daten gibt es beim Rennradfahren viele, vieleNeben der Polyestermoden-Instagram-Bubble existiert aber noch eine zweite Welt sozialer Netzwerke, bei deren Betrachtung sich verstehen lässt, warum das Rennrad genau den Nerv der Gegenwart entlangrollt. Diese Welt ist nicht bei den gängigen Netzwerken zu finden, sondern in einem Paralleluniversum von Apps, die Komoot oder vor allem auch Strava heißen, sie wird in Zahlen, Quotienten und Leistungsdaten aufgefächert. Es gibt wohl nur wenige Sportarten, die sich so genau vermessen lassen wie der Radsport. In Statistiken quantifizieren, in Grafikbalken visualisieren und in Ranglisten ordnen. Und damit vor allem auch: vergleichen.Wer Daten hat, hat sein Leben im Griff – und Daten gibt es viele, viele. „Wenn es nicht in der App ist, dann ist es nie passiert“, heißt es mittlerweile in der Szene, also wird dokumentiert. Gefahrene Routen, abgerissene Kilometer? Ja, gut, das ist schon interessant. Aber da fehlen noch Höhenmeter, Herzfrequenz und Trittfrequenz. Die Wattzahl beim Treten, die ein Sensor im Pedal oder in der Kurbel misst. Und, jetzt wird’s dann spannend: Wo steht die Functional Treshold Power (FTP), die die maximale Leistung angibt, die man in einer Stunde abreißen kann? Ohne die lassen sich heute kein Trainingsplan mehr aufstellen, keine Trainingszonen mehr definieren – und manchmal hilft die Zahl gar beim Zwischenmenschlichen. Es soll Paare geben, bei denen die Liebe entflammt ist, weil er ihren FTP-Wert so ansprechend fand und dann im Privatchat das eine zum anderen kam.Dank all dieser Daten lässt sich die eigene Leistung weiter optimieren, so wie sich auch das eigene Rad immer weiter und weiter und weiter optimieren lässt. Das Schrauben muss nie ein Ende nehmen: Der Rahmen hatte ohnehin schon den Preis eines Kleinwagens, da erscheint es nur sinnvoll, diese Investition später noch durch neue Laufräder oder einen neuen Lenkervorbau abzusichern, der beim Afterwork Group Ride anerkennende Blicke und wissende Nachfragen einbringt. Wenn die denn zu verstehen sind, denn wer etwas auf sich hält, hat einen heute möglichst lauten Freilauf verbaut. Was Motoristen das Röhren ihres Auspuffs ist, ist den Rennradfahrern heute das Rattern, wenn sie nicht treten.Mike, der Alpenüberquerer, ist übrigens rollender Anachronismus geblieben. Er schraubt heute nicht an Fahrrädern, sondern an Motorrädern herum. Zwischen der Pasta und der Pizza nach dem Glockner-, Gailbergsattel, Plöckenpass musste er ein wenig vor Erschöpfung spucken, aber das tat er ganz leise. Er hat es, ohne zu jammern, auf die andere Seite der Alpen geschafft, wo er dann beschloss: nie wieder. Seinem alten Rad, dem Trikot, den Schuhen, die keinem Rennradfahrer der Gegenwart mehr satisfaktionsfähig wären, hat er dabei aber nie die Schuld gegeben. „Is einfach nix für mich“, sagte Mike, als er mit den Füßen endlich in der Adria stand. „Wenn einer nicht schwimmen kann, liegt es selten an der Badehose.“Hinweis der Redaktion: Das Aufnahmedatum des Bildes mit dem älteren Rennradfahrer hatten wir zunächst in den Achtzigerjahren verortet - tatsächlich muss es ausweislich des Bremsentypus eher um die Jahrtausendwende aufgenommen worden sein.